„Schreiben, was ist.“ Dieser Satz des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein hat mich seit meinen ersten journalistischen Gehversuchen begleitet, angetrieben. Kein Blatt vor den Mund nehmen, Klartext reden, fair und ausgewogen berichten – das hat Augsteins Satz Generationen von Journalisten gelehrt. Schreiben, was sein soll, das kann in den Kommentar. Das ist gültig bis heute.
Doch, frage ich mich seit einigen Jahren, was ist mit dem „Schreiben, was in mir ist“? Kann, muss ich das verbergen? Gefühle, innere Bewegungen, Empathie, vielleicht gar Zorn? Ja, würde Augstein mir wohl zurufen. Nein, riet uns der Internetpionier Sascha Lobo als RZ-Chefredakteur für einen Tag 2013. „Schreibt auf, was euch interessiert – es wird auch die Leser bewegen.“ Ein Experiment. Mitunter geglückt.

Mehr Antworten gaben mir andere Menschen – jene, die ich bei Recherchen zu Gesundheits- und Medizinthemen traf. Vier Krebsüberlebende, die mir erzählten, wie sie das Ungeheuer in sich gezähmt und das Leben noch mehr lieben gelernt haben. Oder eine unter MS leidende Iranerin, die mich mit ihrem Lebensmut überwältigte. Eine Frau, bei der Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde und die trotz aller Negativprognosen ihren Retter in einem Chefarzt fand. Kämpfer, Lebenskünstler.
Dann begegnete ich Uwe Rockenfeller aus dem Kreis Neuwied. Ein fröhlicher, urkomischer Mann, voller Leben. Ein zweites, geschenktes Leben. An einem Morgen hat ihn ein Schlaganfall aus seinem ersten gerissen. Er verlor seine Sprache, die er sich hart zurückerkämpfte. Aphasie nennen Mediziner diese Sprachlosigkeit, wenn der Schlaganfall das Sprachzentrum des Gehirns lahmlegt.
Die „Gewillswelt“
Ich besuchte den damaligen Endfünfziger im Herbst 2017. Heute weiß ich, dass mich diese Begegnung als Mensch tief geprägt hat – als Journalist mindestens ebenso stark wie Augsteins Satz und Lobos Fantasie. Rockenfeller hat in einem tiefen Tal des Lebens seine Worte wiedergefunden. Es ist eine andere Sprache als zuvor. Er hat sich mit ihr arrangiert, mit dem, was ist. Ein Optimist, ein Realist. „Gewillswelt“ heißt diese mutige Zuversicht in seiner Sprache.
Zugleich ist er ein Kämpfer, der seine körperlichen Grenzen gern überschreiten würde. Sein mitunter schwarzer, meist ansteckender Humor ist vielleicht ein Fenster, durch das man in sein brodelndes Inneres blicken kann.
Uwe Rockenfellers Geschichte hat mich aufgewühlt. Ich habe geschrieben, was ist, ihn in seiner manchmal seltsam anmutenden Sprache sprechen lassen. „Am Anfang war das Wort“, lautete die Überschrift. Beim Schreiben spürte ich die Tränen in meinen Augen. Warum? Später begriff ich, dass seine Geschichte auch meine sein könnte. Was täte ich ohne das Wort? Was täten wir Menschen ohne das Wort?
Sprache macht uns zu Menschen. Sie schafft Gesellschaft, Frieden, Freude, Leben. Es kann auch eine Sprache ohne Worte sein. Uwe Rockenfeller beherrscht sie fließend, der Schlaganfall hat sie nicht angetastet. Er hat mich gelehrt, sie häufiger und klar zu sprechen – auch als Journalist.
Der Autor
Christian Kunst, Jahrgang 1972, schreibt seit mehr als 30 Jahren darüber, was die Welt im Kleinen und Großen zusammenhält: Menschen, Ideen, Gefühle, Politik. Nach dem Studium der Politikwissenschaften, Jura und Geschichte in Marburg und Salt Lake City (USA) arbeitete er als Rettungssanitäter und volontierte beim „Nordkurier“ in Mecklenburg-Vorpommern. 2004 heuerte der gebürtige Friese bei der Rhein-Zeitung an und berichtete zunächst als Lokalredakteur in Neuwied über die Stadtpolitik. Seit 2008 schreibt und recherchiert er als Reporter und Politikredakteur schwerpunktmäßig über Gesundheits- und Medizinthemen. Zudem ist er seit 2025 als Nachrichtenchef im Einsatz. Darum ist er Journalist geworden: „Ich möchte erfahren, was Menschen bewegt, und möchte sie mit Geschichten bewegen. Wir Journalisten können das Unerhörte zur Sprache bringen und den Ungehörten eine Stimme geben. Es ist ein Privileg, ein Handwerker des Wortes sein zu dürfen.“


