„Die oberste Pflicht des Praktikanten: Fragen, fragen, fragen!“. So stand auf dem an den Bildschirm geklebten Zettel, der jedem Neuling, der vor dem Rechner Platz nahm, ins Auge stechen musste. Es war Mahnung und Aufforderung, Angebot und Hinweis.
Der Autor dieser Zeilen nahm den Auftrag im Jahr 2003 entgegen. Der – wie sich zeigen sollte erste von vielen – Jahrhundertsommer lag hinter uns, der sich anbahnende Herbst verschaffte Erleichterung. Und mir gab er Einblicke in eine neue Welt: die, in der Zeitung gemacht wird, in der Nachrichten entstehen. Nicht nur die eine große, sondern auch die vielen kleinen, die Geschichten und Neuigkeiten, die alle zusammen ein lokales Medium ausmachen.

Also zog der Journalist im Rohzustand los, um Material zu sammeln. Um die Fragen zu stellen, die zum ersten Text werden sollten. Um 90-jährige Trompetenspieler beim Seniorennachmittag der AWO zu hören und dann zu beschrieben. Und während es für die einen der Bericht einer jährlich wiederkehrenden Veranstaltung war, war es für mich ein spannender neuer Kosmos, mein Werk.
Das Praktikum ging, die freie Mitarbeiterschaft folgte, das Fragen blieb: Wie hatte sich der Musikverein auf den Auftritt vorbereitet? Wie hatte es den Zuhörern gefallen?
Durch das journalistische Arbeiten ändert sich der Blickwinkel aufs Bekannte
Aber es kamen auch weitere Angebote: Willst du vielleicht mit aus dem Stadtrat berichten? Kannst du folgendes Wirtschaftsthema übernehmen? Hast du Zeit für noch einen Termin? Ich nahm sie mir gern. Und plötzlich stellte ich in einer Stadt, die ich schon lange und vermeintlich gut kannte, Fragen, die mir eine neue Welt öffneten. Es war der Blick hinter die Kulissen. Ich begann eine Kommune anders zu sehen als bisher.
Der Volontär befragte 2009 den SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier nach seinem WG-Leben, der Jungredakteur hatte sich die Frage zu stellen, wie eine Zeitungsseite am besten auszusehen hat, um den Inhalt am sinnvollsten zu präsentieren. Noch später waren die Fragen dabei, wie unsere Redaktion mit den Anfragen ausländischer Medien umgehen soll, als 2015 die German-Wings-Maschine abstürzte. Oder: Wie sich das Team für die Wahlberichterstattung organisieren muss – nicht erst 2026 vor allem mit der Stoßrichtung, dass sich die Menschen vom Wahltag an über Ticker schnell und fundiert informieren können – oder welches Redaktionssystem am besten geeignet ist für unser Arbeiten.

Mit den Aufgaben änderten sich im Lauf von 25 Jahren die Fragen – nicht aber das Interesse an den Antworten oder der Auftrag, aus ihnen etwas zu machen, damit die Rhein-Zeitung und ihre Heimatausgaben ihren Lesern Nachrichten und Geschichten aus ihrem Umfeld liefert. Was meine erste Frage war, als ich damals vor dem Praktikanten-Computer der Lokalredaktion saß, weiß ich leider nicht mehr. Aber den Auftrag habe ich angenommen. Soll es damit genug sein für diesen Text?
Der Autor
Markus Gerhold, Jahrgang 1979, entdeckte während seines Studiums in Mainz den Journalismus für sich. 2003 betrat er die Lokalredaktion der Nahe-Zeitung in Idar-Oberstein. Bis 2008 war er freier Mitarbeiter, bevor er ein Volontariat in der Zentralredaktion in Koblenz begann. Es folgten Stationen als Redakteur in der Abteilung, die sich mit der Produktion von Zeitungsseiten beschäftige, später als Lokalreporter Neuwied. 2014 wechselte „mg“, so sein Kürzel seit Praktikantentagen, als regionaler Chef vom Dienst in den Westerwald. 2016 wurde er einer von drei Regio-Chefs – ebenfalls mit der Zuständigkeit für den Westerwald, später kam das Gebiet an der Nahe hinzu. Seit 2023 ist Gerhold Leiter Lokales und damit in Prozesse eingebunden, die alle Lokalausgaben der RZ betreffen. Bei allem Wandel, den ein Medienhaus im Internetzeitalter erlebt, sieht er die Kernaufgabe des Journalismus darin, Themen zu identifizieren, die die Menschen einer Region bewegen und sie angemessen zu präsentieren


