Die Koblenzer Altstadt ist ein architektonisches Kuddelmuddel. Das ist nicht böse gemeint, sondern vielmehr Ausdruck einer bewegten Stadtgeschichte. Denn der Hauptgrund dafür ist düster, ziemlich düster sogar. Ich frage mich oft, wie die Koblenzer Innenstadt heute aussehen würde, wenn sie nicht fast komplett zerbombt worden wäre.
Diese unvorstellbare Zerstörung von damals hat die Stadt verändert, nicht nur architektonisch. In dem, was danach passiert ist, steckt aber eine Botschaft, die auch oder vielleicht gerade heute noch Hoffnung machen kann, wie mir bei einer Recherche zur Bombennacht vom 6. November 1944 bewusst geworden ist.

Als Brandbomben und Raketen vom Himmel regneten und sich Straßenzüge in ein Flammenmeer verwandelten, ist das nicht irgendwo passiert und auch nicht irgendwem. Es ist in der Stadt passiert, in der ich heute lebe, so wie vor 82 Jahren Menschen hier gelebt haben. Zum 80. Jahrestag im Jahr 2024 der verhängnisvollen Novembernacht, wollten wir in der Redaktion denen zuhören, die den Bombenangriff durch die Engländer und dessen Folgen hautnah miterlebt haben. Viele Zeitzeugen sind es nicht mehr, aber es gibt sie noch. Und solange das der Fall ist, wollten wir ihnen Gehör verschaffen.
Roswitha Verhülsdonk weiß, wie die Herz-Jesu-Kirche am Löhrrondell zerstört aussieht. Beim Bombenangriff 1944 war sie 17 Jahre alt. Als wir sie für das Zeitzeugengespräch 2024 besuchten und ihr zuhörten, wurden ihre Erinnerungen von damals wieder hellwach.
An den Ausdruck in ihren Augen, in dem die Vergangenheit so präsent war, erinnere ich mich sehr gut. „Wir wussten überhaupt nicht, was wir sagen sollten. Ein Brandmeer über der ganzen Stadt, in den Flammen sah man noch Gebäudereste stehen, Stücke von Fassaden mit leeren Fensterhöhlen, tief gestaffelt. Es war uns gleich klar: Das ganze innere Koblenz ist zerstört“, schilderte Verhülsdonk damals. Andere Zeitzeugen berichteten Ähnliches, der rote Himmel über Koblenz – er tauchte in fast jeder Erzählung auf. Es waren traumatische Ereignisse, die da über die Heimatstadt hereinbrachen.

In unserer Recherche durchforsteten wir Bilder vom zerstörten Koblenz und von Trümmerhaufen, die man trotz guter Ortskenntnisse nur dank der Bildbeschreibung zuordnen konnte. Womit wir auch wieder bei der Gegenwart andocken können: Von den Trümmern sieht man heute nichts mehr, nur das architektonische Kuddelmuddel und eine Gedenktafel am Plan erinnern an das Ausmaß der Zerstörung.
Der Blick in Koblenz’ dunkelste Tage, Monate, Jahre transportiert aber auch viel Hoffnung, weil die Geschichte dort nicht endet. Wenn ich die Trümmerhaufen von damals sehe, kann ich mir kaum vorstellen, wie viel Arbeit es gewesen sein muss, die Stadt wieder aufzubauen. Aber genau das ist passiert. Weil Menschen daran geglaubt haben, dass unter es unter dem Schutt eine Zukunft liegt. Diese Botschaft geht mir aus der Recherche nach – und wird beim Blick in die Welt für den ein oder anderen vielleicht wieder wichtig.
Der Autor
Matthias Kolk, Jahrgang 1998, hat Kulturwissenschaften in Koblenz studiert und arbeitet seit Herbst 2021 bei der Rhein-Zeitung, zunächst als Volontär, danach und seitdem als Koblenz-Reporter im Redaktionsverbund Rhein-Mosel. Am Journalistendasein schätzt er, dass man nie aus- beziehungsweise immer dazulernt. Und: „Ich will Menschen zeigen, erklären und mitfühlen lassen, was um sie herum passiert.“


