Neuere Zeitgeschichte
Ukraine-Krieg: Eine Fahrt, die alles verändert
Ein Anblick, den unsere Autorin nie vergessen wird: Der (damals) kleine Nasar bedankt sich bei einem der Helfer mit einem Handsc
Ein Anblick, den unsere Autorin nie vergessen wird: Der (damals) kleine Nasar bedankt sich bei einem der Helfer mit einem Handschlag dafür, dass der Hunsrück-Hilfstransport ihn und seine Familie mit nach Deutschland nimmt.
Monika Pradelok

Als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfällt, machen sich wenige Tage nach der Invasion acht Helfer aus dem Hunsrück spontan und ohne lange Planung auf den Weg an die polnisch-ukrainische Grenze, um zu helfen. Eine Reise, die prägt.

Lesezeit 4 Minuten

Der 24. Februar 2022 ist ein Datum, das sich in das Gedächtnis vieler Menschen einbrennt. Es ist der Tag, an dem Russland in die Ukraine einmarschiert. Bilder von Explosionen, fliehenden Menschen und zerstörten Städten flackern über die Bildschirme. Krieg – mitten in Europa. Ein Wort, das bis dahin weit weg klang, ist plötzlich ganz nah. Zurück bleibt ein Gefühl von Fassungslosigkeit und Ohnmacht.

Während der Alltag in Deutschland weiterläuft und die Weltpolitik nach Antworten sucht, handelt eine Gruppe aus dem Hunsrück. Nur wenige Tage nach dem Einmarsch machen sich Fabian Wieß und Christian Lautenschläger mit sechs weiteren Helfern auf den Weg ins polnische Przemyśl, nahe der ukrainischen Grenze. Ihr Ziel: bedürftigen Familien, vor allem Frauen mit ihren Kindern, eine Mitfahrgelegenheit nach Deutschland anzubieten. Einfach so.

Unsere Reporterin Monika Pradelok hat wenige Tage nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine einen Hunsrücker Hilfstransport an
Unsere Reporterin Monika Pradelok hat wenige Tage nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine einen Hunsrücker Hilfstransport an die polnisch-ukrainische Grenze begleitet. In mehreren Artikeln schilderte sie die Eindrücke dieser spontanen Reise, die 22 Flüchtende am Ende glücklich machte.
Jens Weber

Aufgeregtes Stimmengewirr auf Ukrainisch

Am Bahnhof in Przemyśl zeigt sich, was zuvor nur auf Bildschirmen zu sehen ist. Menschen verharren in der Kälte, schlafen auf dem Boden der Halle oder suchen aufgeregt nach Mitfahrgelegenheiten. Hauptsache weg. Weg von der Ukraine, weg vom Krieg. Viele trag en nicht mehr als einen Rucksack oder eine Plastiktüte bei sich. Ihr Ziel ist ungewiss, doch das Weiterkommen ist alles, was zählt.

Dennoch fällt es vielen schwer, Hilfe von Fremden anzunehmen. Zu groß ist das Misstrauen, zu unübersichtlich die Situation. Doch die Aussicht auf eine Unterkunft, auf Sicherheit, lässt vor allem die Kinder wieder aufleben. Für einen Moment kehrt so etwas wie Leichtigkeit zurück. Mit Händen und Füßen verständigen sich die Helfer, werben um Vertrauen. Als schließlich auch das einzige weibliche Mitglied des Hilfskonvois in Sichtweite tritt, löst sich die Anspannung. „Moni, Moni“, rufen die Frauen und lachen, während ihre Kinder ausgelassen kichern und aufgeregt auf und ab hüpfen.

Putin will das wirklich durchziehen? Gibt es danach überhaupt etwas, wohin ich zurückkehren kann?
Die damals 18-jährige Maryna schaut gedankenverloren aus dem Fenster und verstummt.

„Genau das wollten wir bewirken“, sagt Helfer Sebastian Schröder. Indes stellt die damals 18-jährige Maryna eine Frage, die bleibt: „Warum helft ihr uns? Wieso macht ihr das?“ Sie kann kaum glauben, dass Fremde den weiten Weg aus Deutschland auf sich nehmen, um kostenlose Hilfe anzubieten. „Ihr wollt doch bestimmt Geld dafür?“

Für Maryna ist es nicht nur die Unsicherheit der Gegenwart, die sie umtreibt, sondern vor allem die Sorge um die, die geblieben sind. Ihre Eltern zum Beispiel. Kontakt gibt es nur sporadisch. „Ich weiß nicht, wann ich sie wiedersehe“, sagt sie leise. Es ist ein Satz, der hängen bleibt. Einer von vielen an diesem Tag.

Auch andere Frauen erzählen von überstürzten Aufbrüchen, von zurückgelassenen Wohnungen, von Männern, die nicht mit durften. Von Tagen und Nächten, in denen an Schlaf kaum zu denken war. Die Erschöpfung steht ihnen ins Gesicht geschrieben – und doch versuchen sie, für ihre Kinder stark zu bleiben.

Als sich der Konvoi schließlich in Richtung Hunsrück aufmacht, breitet sich Erleichterung aus – vor allem bei den 22 Ukrainern. Für sie ist diese Fahrt mehr als nur ein Transport. Sie ist ein erster Schritt in Sicherheit.

Die Autorin

Monika Pradelok (Jahrgang 1981) ist seit dem 1. Oktober 2020 für die RZ im Einsatz. Zuerst in der Lokalredaktion der Rhein-Hunsrück-Zeitung tätig, ist sie heute Mitglied der Digitalredaktion mit Schwerpunkt Social Media. Die gebürtige Duisburgerin, die beim „Trierischen Volksfreund“ volontiert hat, erinnert sich nur allzu gut an diese besondere Fahrt. „Die Reise an die polnisch-ukrainische Grenze gehört zu den prägendsten Erfahrungen meiner journalistischen Arbeit. Was zunächst als spontane Begleitung eines Hilfskonvois begann, wurde schnell zu einer Begegnung mit Menschen, deren Schicksale weit über das hinausgehen, was sich aus der Distanz erfassen lässt. Die Gespräche, die Eindrücke und die unmittelbare Nähe zum Krieg haben meinen Blick verändert – auf meine Arbeit, aber auch auf das, was es bedeutet, zu helfen. Genau deswegen bin ich Journalistin geworden.“

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Zeitgeschichte

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