Wenn eine Pressekonferenz einer Bundesministerin kurzfristig an einem Sonntagabend in Berlin ausgerichtet wird und gefühlt ganz Rheinland-Pfalz einen erinnerungswürdigen Pressetermin live vor den Fernsehern verfolgt, dann weiß man als Landeskorrespondent, dass etwas Außergewöhnliches passiert. Und dass man als politischer Berichterstatter, der das Gesehene und Geschehene noch schnell für die Zeitung am nächsten Morgen abbilden darf, eine besondere Rolle innehat.
So geschehen im April 2022. Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) trat vor die Presse und hielt ein memorables, emotionales Statement, das noch in sehr vielen Journalismus- und Rhetorik-Seminaren thematisiert werden wird. Ein Statement, über das der Medienexperte Bernhard Pörksen sagte: „Mir erschien dieser Auftritt als Ausdruck authentischer Hilflosigkeit und großer Überforderung.“
Berlin/Mainz. Der Druck auf Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) wegen des Umgangs mit der Flut in Rheinland-Pfalz war am Sonntag enorm gestiegen. Am späten Abend bat Spiegel um Entschuldigung und erklärte sichtlich angefasst ihre Reise mit ihrer starken familiären Belastung. Am Wochenende ...
Urlaub statt Fluthilfe: Opposition fordert Rücktritt von Anne Spiegel
Die Grünen-Politikerin Anne Spiegel hat am Montagmittag ihren Rücktritt vom Amt der Bundesfamilienministerin erklärt.
Nach anhaltender Kritik und öffentlicher Entschuldigung: Anne Spiegel tritt nun doch zurück
Die Aufarbeitung der schrecklichen Flutkatastrophe an der Ahr mit insgesamt 135 Toten war zu dieser Zeit im vollen Gange. In Mainz tagte fast wöchentlich der parlamentarische Untersuchungsausschuss. Unsere Zeitung begleitete das Gremium und seine wertvolle Arbeit von Anfang an eng. Die Fluttragödie vom Sommer 2021 hatte die damalige Bundesfamilienministerin und frühere Landesumweltministerin in Berlin, wohin Spiegel gewechselt war, eingeholt.
In jenem April war bekannt geworden, dass die Grünen-Politikerin zehn Tage nach der Flut zu einem vierwöchigen Familienurlaub nach Frankreich aufgebrochen war und diesen nur einmal für einen Ortstermin unterbrochen hatte. Befragt nach ihrer Teilnahme an Kabinettssitzungen, sagte Spiegel nicht die Wahrheit. Spiegel bezeichnete den Urlaub bei ihrem emotionalen Auftritt als Fehler und entschuldigte sich. Zwei Tage später trat sie zurück. Es war der erste von zwei Abgängen prominenter Politiker aus dem Land.

Der nächste ereignete sich Mitte Oktober 2022. Diesmal erwischte es den langjährigen Landesinnenminister und Ex-SPD-Landeschef Roger Lewentz. Lewentz war wegen seines Krisenmanagements in der Flutnacht sowie der Causa um zurückgehaltene Beweismittel an den U-Ausschuss damals mächtig in der Kritik und tagelang in Bedrängnis geraten. Sowohl die Hubschraubervideos aus der Flutnacht als auch der Einsatzbericht waren dem U-Ausschuss vonseiten des Innenministeriums Monate zu spät übermittelt worden.
Lewentz übernahm für die in seinem „Verantwortungsbereich gemachten Fehler“ die politische Verantwortung. Die Aufarbeitung im U-Ausschuss ging danach weiter. Sie endete nach 47 Sitzungen mit der Aussprache des Abschlussberichts im September 2024.
Für die ausdauernde und anhaltende Berichterstattung erhielten drei Korrespondenten-Kollegen und ich den Wächterpreis der Tagespresse. „In mehr als 100 Beiträgen enthüllten die Preisträger behördliches und politisches Versagen“, hieß es in der Jury-Begründung. Auf die Frage in einem ausgestrahlten Radiobeitrag, ob die Rücktritte eine Genugtuung gewesen seien, antwortete ich: Wir haben einfach nur unseren Job gemacht.
Bastian Hauck, Reporter der Rhein-Zeitung, und drei Kollegen anderer Medienhäuser deckten Behördenversagen rund um die Ahrtalflut auf - dafür haben die vier Landeskorrespondenten jetzt den Wächterpreis der Tagespresse erhalten.
Wächterpreis: Bastian Hauck und seine Kollegen deckten Behördenversagen rund um die Ahrtalflut auf
Der Autor
Bastian Hauck, Jahrgang 1989, arbeitet seit 2021 als landespolitischer Korrespondent in Mainz für die Rhein-Zeitung. Themen aus der Landes- und Bundespolitik bestimmen seinen journalistischen Alltag. Bereits vor und während seines Masterstudiums der „Empirischen Demokratieforschung“ in Mainz war er als freier Mitarbeiter unter anderem für das ZDF, den SWR, den HR, ein Gesellschaftsmagazin und Hit Radio FFH tätig. Nach dem Studium volontierte er bei der VRM in Mainz und war dort als Reporter und Blattmacher im Einsatz, ehe er zur Rhein-Zeitung wechselte. Darum ist er Journalist geworden: „Weil jeder Tag anders ist. Weil Journalisten jeden Tag neu dazulernen, weil sie komplexe Themen erklären dürfen und Missstände aufklären müssen. Weil mich Menschen, ihre Geschichten und Perspektiven interessieren.“



