Lach- und Sarsgeschichten
Nach Corona kräht auf dem Dorf fast kein (Wu-)Hahn mehr
Die letzte Seite des Corona-Tagebuchs mit den "Lach- und Sarsgeschichten" in der Rhein-Hunsrück-Zeitung erschien im Juni 2020.
Die letzte Seite des Corona-Tagebuchs mit den "Lach- und Sarsgeschichten" in der Rhein-Hunsrück-Zeitung erschien im Juni 2020.
Mirko Bernd

Die Corona-Zeit war einschneidend, auch für unsere Zeitung. Weil das gesellschaftliche Leben, der Sport und das jahrelange Berichten darüber zum Erliegen kamen. Aber: Mit einem Vater-Sohn-Text entstand die Idee der „Lach- und Sarsgeschichten“.

Lesezeit 3 Minuten

Alles hat mit meinem Vater angefangen für mich. Das ist im Grunde rein biologisch nichts Ungewöhnliches. Jedenfalls gab es am 15. August 1972 kaum Diskussionen darüber, ob mich statt eines Storches wie die anderen Kinder in der Nachbarschaft eine tote Fledermaus aus einer Markthalle in Wuhan gebracht hatte oder ich aus einem Labor der chinesischen Provinz Hubei stamme.

Gemeint ist ein anderer Anfang. Der am 13. März 2020. Es war ein Bericht in unserer Zeitung, der zu erklären versuchte, warum es richtig ist und war, die Schwachen der Gesellschaft zu schützen, zu denen mein Vater gehörte. Sollte das zur Folge haben, dass der Fußball, der das Leben unserer Familie generell und mein Berufsleben speziell sehr geprägt hat, pausieren muss – dann bitteschön. „Bleibt’s drin und spielt’s kein Fußball“, hätte Franz Beckenbauer wohl gesagt.

Mirko Bernd
Mirko Bernd
Jens Weber. MRV

Die „Lach- und Sarsgeschichten“ in Anlehnung an die Sendung mit der (Fleder-)Maus waren geboren, drei Monate lang gab es sie täglich im Netz. Dazu gesammelt in der – seit acht Jahrzehnten systemrelevanten – Zeitung. Homeofficender Dorfchronist statt kunstrasender Sportreporter. Mit vielen Geschichten – teils aberwitzig, teils aber witzig. Mit einem Augenzwinkern für etwas Bewusstsein sorgen, das war die Idee des Corona-Tagebuchs in einer schweren und prägenden Zeit. Zum Lachen war längst nicht alles. Zum Weinen aber auch nicht.

Es gab viele Fotos, nur mit Utensilien aus dem eigenen Haushalt, versteht sich. Mit den dort lebenden Personen durfte man sich ja treffen, selbst wenn man es nicht wollte. Allerdings nur, wenn die Inzidenz über 100 lag, die Kinder unter 14 waren und man wahlweise den Geschmacks- oder Geruchssinn verloren hatte. Bei uns wurden täglich Sportszenen in abstrusen Verkleidungen nachgestellt, womit wir wieder bei Kaiser Franz wären, als er 1990 gedankenverloren durchs Olympiastadion in Rom schritt.

Der Herr Papa wird 80 Jahre jung, die RZ als „Klebensgefährtin“

Es war damals der Versuch, dem Schlechten etwas Gutes abzugewinnen und die Leser teilhaben zu lassen. Sie hatten ja – wie wir alle – sonst nichts. Am 13. Juni 2020 erschien die letzte Geschichte, es war Schluss mit Ernst-Lustig. Damit ist nicht der bekannte Mainzer Fastnachter gemeint. Der ist im echten Leben Trauerredner. Das Lustige und das Ernste liegen vielleicht doch näher zusammen, als man denkt. Wie sagte Charlie Chaplin, langjähriger Präsident des Robert-Koch-Instituts: „Wer das Leben zu ernst nimmt, braucht viel Humor.“

Mein Herr Papa ist heuer 80 Jahre jung geworden. Es hätte anders kommen können. „Es geht um viel mehr als Fußball“ lautete die Überschrift über dem ersten Text. Der ist sicher archiviert. Weil: Mein Vater schneidet Tag für Tag seine gleichaltrige Zeitung liebevoll auseinander und klebt die Berichte auf Blätter, die fein säuberlich in penibel kategorisierten Aktenordnern verschwinden. Die Zeitung als „Klebensgefährtin“. Irgendwo vergilben in den vielen Ordnern auch die „Lach- und Sarsgeschichten“. So soll es sein, nach Corona kräht auf dem Dorf sowieso fast kein (Wu-)Hahn mehr.

Der Autor

Mirko Bernd ist 53 Jahre alt. Der in dem kleinen Hunsrückort Hausbay lebende Vater dreier Kinder startete 1996 während seines Sportstudiums in Köln mit einem Praktikum im „Hunsrücker Heimatsport“ seine RZ-Laufbahn. Als fester freier Mitarbeiter blieb der leidenschaftliche Fußballer dem Sport vor Ort erhalten. Von 2000 bis 2002 absolvierte er sein Volontariat bei verschiedenen Titeln der RZ, ab Sommer 2002 baute er die lokale Sportredaktion im Kreis Neuwied neu mit auf. 2008 wechselte er zurück zu seinen Wurzeln und schrieb seitdem über den vielfältigen Regionalsport im Rhein-Hunsrück-Kreis und im Kreis Cochem-Zell. Seit September 2025 ist er mit einer Kollegin für die Online-Berichterstattung in der Fußball-Oberliga und der Fußball-Rheinlandliga zuständig. „Ich habe mein großes Hobby zu einem großartigen Beruf gemacht“, sagt er über seine Motivation zum Schreiben, in der Corona-Krise tat er das als Dorfchronist in den sozialen Medien und natürlich in „seiner“ Zeitung.

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Zeitgeschichte

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