Wer heute mit dem Auto durch Diez (Rhein-Lahn-Kreis) fährt, für den ist die einige Sekunden lange Fahrt durch den Tunnel zur Gewohnheit geworden. Aber die 334 Meter lange Strecke hatte eine bewegte Geschichte und drohte einst ganz zu scheitern.
Diez im Jahr 2000: Die Blechlawine rollt durch die Rosen- und Wilhelmstraße und über den Marktplatz – heute hat man es dort mit wenig Verkehr im langsamen Tempo zu tun, auf dem Marktplatz ist der Betrieb durch Autos und Lkw verbannt worden. Vor einem Vierteljahrhundert sollte der Straßenverkehr weg von den Hauptdurchgangsstraßen, in denen damals uralte Kanäle lagen, die dringend erneuert werden mussten. Der Hauptbetrieb wurde 2006/07 zunächst über die Aar in die Kanalstraße und den Ernst-Scheuern-Platz verschoben. Dortige Anlieger beklagten, dass sie nun Lärm und Dreck vor der Haustüre zu ertragen hatten.

Die Lösung sollte ein Tunnel bringen, der von der Kanalstraße zu einer neuen Brücke am Schläferweg und weiter über die neue Straße „Am Bahndamm“ führen sollte. „Dieser Tunnel wird doch nie gebaut“, so lautete der Vorwurf der Skeptiker. Anfang 2016 wurde mit dem Planfeststellungsbeschluss gerechnet – dann der Schock: Der Diezer Tunnel war im Bundesverkehrswegeplan nur noch im weiteren Bedarf zu finden. Baubeginn ungewiss.
Das stellte sich dann aber bald als Abstimmungsfehler in Richtung des Verkehrsministeriums heraus. In Diez wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, Politiker aus Land und Bund wurden mobilisiert und für das Thema sensibilisiert. Mit Erfolg, denn im Juli 2016 tauchte der Tunnel wieder in der Liste für den vordringlichen Bedarf auf. Und es kam noch besser, denn im September 2016 wurde von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt mit einem milliardenschweren Investitionspaket auch grünes Licht für Diez gegeben.
Kosten stiegen von 17,5 auf 39,3 Millionen Euro an
Nach dem ersten Spatenstich 2017 konnte es richtig losgehen. Der Tunnel wurde teils in offener Bauweise gestaltet, also mit einer Ausschachtung, die später durch einen Deckel wieder verschlossen wurde. Der andere Abschnitt ist bergmännisch durch Sprengungen angelegt worden. Beide Teile sind noch heute beim Durchfahren gut zu erkennen, denn der bergmännische Teil ist rund, der offene Teil eckig gebaut worden.
Besondere Herausforderungen lagen bei der Lahntalbahn, die an der Tunnelstrecke gleich zwei Mal unterquert werden musste. Das konnte nur mit zeitweiligen Streckensperrungen und dem Einbau von Behelfsbrücken gemeistert werden. Im Juni 2019 lud der Landesbetrieb Mobilität die Bevölkerung zu einem Tag der offenen Baustelle ein. Statt der erwarteten Handvoll Interessierter kamen schon zum ersten Rundgang rund 150 Menschen zusammen, weitere große Gruppenführungen schlossen sich an. Am 12. März 2022 konnte die Eröffnung groß gefeiert werden, als erste Veranstaltung in Diez nach Corona. Zahlreiche Menschen strömten zu Fuß durch das Großprojekt, dessen Kosten sich allerdings von 17,5 auf 39,3 Millionen Euro mehr als verdoppelt hatten.
Der Autor
Andreas Galonska (60) ist seit 1999 bei der Rhein-Zeitung und war zunächst Redakteur in Diez, heute ist er für die VG Bad Ems-Nassau und Nastätten zuständig. Er berichtet gern über die Menschen, die politischen und die verkehrstechnischen Entwicklungen in den Orten des Rhein-Lahn-Kreises, denn vor allem auf der kommunalen Ebene lassen sich ganz konkrete Veränderungen verfolgen, die die Bürger direkt betreffen. Beim Diezer Tunnel konnte von der Planung über die Genehmigung bis zum Bau die Gestaltung eines Großprojekts Schritt für Schritt von ihm begleitet werden.


