Doppel-Interview
Journalist: Einen anderen Berufswunsch hat es nie gegeben
Heute reicht das Smartphone, um rhein-zeitung.de zu befüllen. Annika Wilhelm gehört zur Generation Internet. Handwerkszeug aus s
Heute reicht das Smartphone, um rhein-zeitung.de zu befüllen. Annika Wilhelm gehört zur Generation Internet. Handwerkszeug aus seinen Anfängen hält Markus Kratzer in der Hand. Rechenscheibe und Typometer gehörten damals zur Ausrüstung dazu wie die Schreibmaschine. Doch längst sind alle Kollegen in der virtuellen Zeitungswelt angekommen.
Kevin Rühle. Kevin Ruehle

Interview: Wie Annika Wilhelm (30) und Markus Kratzer (62) im Generationengespräch viel Gemeinsames entdecken. Was sie beide verbindet: Sie brennen für ihren Beruf.

Lesezeit 17 Minuten

Die Mischung macht es: Das gilt für die Themen, die wir jeden Tag für unsere Leser und Nutzer bearbeiten. Das gilt aber auch für die Kollegen. Zwei von ihnen, Markus Kratzer (62) und Annika Wilhelm (30), erzählen im RZ-Interview, wie sie den Alltag als Reporter erleben. Und am Ende wird klar sein: Sie brennen für diesen Beruf. Den wohl schönsten der Welt.

Die Verjüngungskur der Rhein-Zeitung ist voll im Gange. Und das bedeutet viel mehr als nur Schönheitsoperationen, es geht auch ums Innenleben. Bei 80 Jahren ist das nicht verwunderlich. Was denkt ihr über eure Arbeit, wenn ihr morgens in den Spiegel schaut? Als Motivation, als Antrieb, bevor es in den Tag geht.

Markus Kratzer: Wenn ich in den Spiegel schaue, stelle ich mir morgens die Frage, ob ich schon wach bin. Ansonsten mit Blick auf die tägliche Arbeit schwingt tatsächlich immer die Frage mit, wohin geht die Reise heute? Klar, ein gewisses Ziel, ein gewisses Pensum, eine gewisse Idee, die man an dem Tag verfolgt, hat man. Aber wenn man ehrlich ist, und würde abends in den Spiegel schauen, dann sähe das Fazit anders aus als die Erwartungshaltung, mit der man sich morgens auf die Reise begibt.

Annika Wilhelm: Sehe ich eigentlich ähnlich, also ich denke morgens beim ersten Blick in den Spiegel nicht unbedingt an die Arbeit, sondern eher erst im Auto. Tatsächlich frage ich mich öfters mal, ob ich über Nacht etwas verpasst habe. Hat es irgendwo gebrannt oder wie auch immer? Ich denke schon an die To-do-Liste, was ansteht, aber man kann sich halt gar nicht drauf verlassen, was der Tag bringen wird.

Markus, du warst schon im Beruf, da war Annika noch nicht einmal geboren. Jetzt seid ihr Kollegen. Wie erlebt ihr denn die Zusammenarbeit der verschiedenen Generationen im Alltag? Euch trennen immerhin 32 Jahre.

Annika Wilhelm: Ich finde es eigentlich gut, denn ich lerne sehr viel von den älteren Kollegen. Vor allem auch Dinge wie Ruhe bewahren, wenn es mal brenzlig wird. Ich denke, das bringt einfach die Erfahrung. Aber auch viel anderes Handwerkszeug, und die älteren Kollegen sind sehr offen dafür, von uns Jüngeren zu lernen, wenn es um irgendwelche Techniksachen geht. Ja, man nimmt Kritik an, wenn es um Texte geht oder wie man es mal anders machen könnte. Ich habe Alter oder Generationen nie als trennendes Element empfunden.

Markus Kratzer: Also ich habe, denke ich mal, genauso als junger Kollege von den Erfahrenen profitieren können, ohne das Gefühl zu haben, ein Jungspund oder Greenhorn zu sein, der ja eh noch alles lernen muss. Das versuche ich aber in meiner heutigen Rolle durchaus auch so weiterzugeben, dass ich mir auch den Rat mal von einer jungen Kollegin oder einem jungen Kollegen hole. Guck mal, wie findest du das, ist das okay, kann man das verstehen, was ich da gemacht habe? Genauso wie ich feststelle, dass ich jetzt im Prinzip so als Elder Statesman gefragt werde von Jüngeren, die ehrlich meinen Rat wissen wollen. Und das ist, wie Annika sagt, ein Geben und Nehmen, ohne dass man jetzt den Personalausweis zücken und das Geburtsjahr nennen muss.

Wann habt ihr denn eure ersten Schritte im Journalismus gemacht? Wann ist der berühmte Funke übergesprungen?

Markus Kratzer: Also das war bei mir tatsächlich in den 70er-Jahren. Ich war, bin es eigentlich heute noch, sehr sportbegeistert und habe die Bundesliga-Übertragung samstags im Radio gehört. Das war ein absoluter Pflichttermin für mich. Und ich habe diese Reportagen angehört, und im Nachgang mit dem alten Tonband meines Vaters diese Reportagen nachgesprochen und habe mich dann selbst in die Rolle des Fußballreporters begeben. Es war für mein Umfeld keine Überraschung, dass ich gesagt habe, ich werde mal Journalist: Das stand mit 13, 14 Jahren schon fest. Und von der Zeit an habe ich auch alles darauf ausgerichtet. Ich habe Abitur gemacht, immer noch mit dem Gedanken, jawohl, du bist jetzt ganz schnell Journalist, habe Bewerbungen für ein Volontariat geschrieben und war sehr erstaunt, dass da nur Absagen kamen, denn mit sehr wenig praktischer Erfahrung und mit meinen Tonbandaufnahmen konnte ich da nicht so glänzen. Es hieß, ein abgeschlossenes Hochschulstudium wäre nicht schlecht. Ja, das war dann so ein bisschen illusionierend, weil ich eigentlich gar nicht studieren wollte. Und in einer Absage stand, also die Fachrichtung wäre im Prinzip egal, Hauptsache abgeschlossenes Studium. Da habe ich gedacht, kannst du auch das machen, was dir eh liegt, und habe Germanistik und Anglistik auf Lehramt studiert. Weil mich damals dieses Begleitstudium gereizt hat, so ein bisschen Pädagogik, bisschen Psychologie, bisschen Soziologie. Ich kürze es mal etwas ab. Parallel zum Studium habe ich für die Westerwälder Zeitung geschrieben. Zwischendurch habe ich beim ZDF als Hilfskraft erst einmal im Archiv gearbeitet und habe dann auch da eine Hospitanz gemacht und immer wieder versucht, da irgendwo in diese Richtung dann auch zu machen, um die Bewerbungsmappe zu füllen. In der Bundeswehrzeit war ich bei Radio Andernach, da gab es Truppenbetreuungssendungen für deutsche Soldaten im Ausland. Die Mappe hatte sich gefüllt, und meine Bewerbung zum Volontär bei der Rhein-Zeitung war erfolgreich.

Annika Wilhelm: Ich habe irgendwann mal ein Praktikum in einem anderen Bundesland gemacht, also bei der Saarbrücker Zeitung, weil ich eben aus dem Saarland komme. Da habe ich reingeschnuppert, wie es sich überhaupt mit dem Journalismus verhält, weil ich keine Ahnung hatte. In der Schulzeit ging es aber schon los, ich habe an der Abi-Zeitung mitgewirkt, das klassische Ding halt. Und während des Studiums in Koblenz habe ich 2019 ein Praktikum bei der Rhein-Zeitung gemacht. In der Studienzeit gab es einen Abstecher zum Uni-Radio. Aber Radio ist nicht so meins gewesen. Es hat mir nicht so viel Spaß gemacht damals. Die Arbeit bei der Zeitung umso mehr. Nach dem Praktikum in der Redaktion war ich zweieinhalb Jahre freie Mitarbeiterin während des Studiums, dann kam das zweijährige Volontariat und jetzt bin ich Redakteurin.

Der Journalismus ist kein Berufsfeld wie alle anderen. Waren eure Eltern oder euer Umfeld nicht skeptisch wegen der Berufswahl?

Markus Kratzer: Das kann ich so gar nicht bestätigen. Ich glaube, meinen Eltern war schnell klar, dass sie mich von der Schiene nicht mehr runterkriegen. Insofern habe ich da zu Hause auch keine Kämpfe ausfechten müssen. Das war klar, der Junge wird Journalist. Ich komme aus einem Handwerksbetrieb. Mein Vater war Kachelofenbauer. Und das war für ihn relativ früh klar, dass ich nicht derjenige sein werde, der das Geschäft mal übernimmt. Das hat dann mein Bruder gemacht. Und es gibt diesen legendären Satz meiner Oma, die gesagt hat: Junge, nimm bei der Arbeit nichts Schwereres in die Hand als einen Bleistift.

Annika Wilhelm: Widerstand, ne, gar nicht. Unterstützung gab es. Ich glaube, es hat niemanden so richtig überrascht, weil ich schon immer sehr kreativ und sehr großer Fan von Carla Kolumna war früher. Und ich glaube, was meine Familie nach wie vor wundert, ist, dass ich bei einer Tageszeitung gelandet bin. Denn mein großer Traum war es eigentlich immer, am roten Teppich zu stehen und Stars zu interviewen. Das hat man jetzt hier nicht so oft (lacht). Vielleicht mal bei Rock am Ring oder so. Das macht mir echt superviel Spaß, dann mal mit bekannteren Persönlichkeiten zu reden, aber ich glaube, in dem Job habe ich sehr schnell gemerkt, dass es sehr viele, sehr interessante Menschen gibt, der Nachbar von nebenan eben, die die besten Geschichten erleben.

Was der RZ-Redakteur wissen muss: Diese Mappe heißt im Kollegenkreis nur der "Blaue Schilling". Der frühere Chefredakteur Horst
Was der RZ-Redakteur wissen muss: Diese Mappe heißt im Kollegenkreis nur der "Blaue Schilling". Der frühere Chefredakteur Horst Schilling hat dort alles abgelegt, was Journalisten wissen sollten. Er hat Generationen von Redakteuren geprägt.
Kevin Rühle. Kevin Ruehle

Welche Menschen haben euch denn auf den beruflichen Weg begleitet oder besonders geprägt? Das können jetzt Leute sein, mit denen ihr zusammengearbeitet habt. Es können aber auch Menschen sein, mit denen ihr sehr viel zu tun hattet, von denen ihr auch gelernt habt.

Annika Wilhelm: Du (richtet sich an die Interviewerin), weil du meine Mentorin warst. Aber abgesehen davon würde ich sagen, schon auch sehr die Leute, mit denen ich volontiert habe. Das sind Kollegen, mit denen man sich nach wie vor einfach sehr viel austauscht. Wir haben so viel gemeinsam erlebt, auch während des Volontariates. Es ist ein bisschen wie die Schulzeit. Aber das heißt jetzt nicht, dass andere mich weniger geprägt haben. Ich weiß gar nicht, ob das allen so geht, aber ich bin so ein bisschen das Endprodukt von allen, die daran gearbeitet haben. Seit meinem Praktikum, seit meiner freien Mitarbeit habe ich von Kollegen aus dem Koblenzer Team und anderen Einflüsse gehabt.

Markus Kratzer: Ja, ich tue mich ein bisschen schwer damit, jetzt mit Namen rüberzukommen, das setzt vielleicht andere zurück, die es gar nicht verdient haben. Aber wenn ich jetzt auf die RZ-Zeit schaue, natürlich sind prominente Gesprächspartner oft Menschen, die dich dein eigenes Koordinatensystem ein wenig zurechtrücken oder überprüfen lassen. Aber was die RZ-Zeit anbetrifft, würde ich halt doch zwei Kolleginnen nennen, die ich dafür, man kann schon fast sagen, bewundert habe, wie sie agiert haben. Ursula Samary aufgrund ihrer Beharrlichkeit und ihres wahnsinnigen Netzwerks, was sie im Laufe der Jahre geknüpft hat, was nicht parteipolitisch geprägt war, sondern sie hatte Drähte in alle Parteien und Gruppierungen und man hat ihr Dinge gesteckt, die die man möglicherweise einem Menschen nicht steckt, zu dem man nicht das Vertrauen hat. Und Gabi Nowak-Oster, die dem Journal ihren Stempel mit ihren Reportagen aufgedrückt hat, weil sie sich total in ein Thema hineinarbeiten konnte. Ich glaube, von ihr habe ich auch einiges übernommen.

Jeder Tag ist anders. Das ist der Satz, den hört man von allen Kolleginnen und Kollegen, wenn es darum geht, was diesen Beruf so besonders macht.

Markus Kratzer: Definitiv. Oder ich habe es ja am Anfang auch schon angesprochen, beim Blick in den Spiegel. Diese Unberechenbarkeitskomponente, die mir eigentlich sehr viel Spaß macht. Also ich hätte mir nicht vorstellen können, dass mein Arbeitstag so getaktet ist, dass ich genau weiß, heute ist die Schublade A bis K dran und morgen die L bis Z. Das ist tatsächlich das Spannende, was sich über Jahrzehnte bei mir gehalten hat und nie erkaltet ist.

Er sieht gelassen auf seine jahrzehntelange Arbeit zurück. Markus Kratzer (62) hatte nie einen anderen Berufswunsch. Er brennt n
Er sieht gelassen auf seine jahrzehntelange Arbeit zurück. Markus Kratzer (62) hatte nie einen anderen Berufswunsch. Er brennt noch heute dafür.
Kevin Rühle. Kevin Ruehle

Annika Wilhelm: Ja, ich finde auch, ich könnte keinen klassischen Bürojob machen, sag ich mal, wo man den ganzen Tag nur vorm Computer sitzt. Ich bin aber froh, dass es kein Job ist, wo man dauerhaft nur draußen oder nur von Menschen umgeben ist, sondern dass diese Mischung aus beidem jeden Tag anders ist. Das ist genau das, was ich brauche.

Welche Themen haben euch denn bislang am meisten beeindruckt, wo ihr mal nachgebohrt habt oder nachgehakt habt? Habt ihr da irgendwas in Erinnerung, wo ihr sagen würdet, das war eine Geschichte, da habe ich am Anfang nicht gewusst rum, was am Ende dabei rauskommt?

Markus Kratzer: Es sind Themen, die sich entwickeln, weil sie in der Recherche an Brisanz oder Spannung gewinnen. Das jüngste Beispiel gerade bei uns im Westerwald, das ist ja auch in anderen Landkreisen so, ist diese Veränderung der Krankenhauslandschaft und die Reformen in einem Gesundheitswesen. Die Leute haben Angst, ob die medizinische Versorgung in ein paar Jahren noch so sein wird, dass man sagen kann, man muss sich da keine Sorgen machen. Da kommt sehr viel Spannendes von den handelnden Personen, aber auch sehr viel aus der Leserschaft. Ich denke, es ist immer gut, wenn Artikel oder Themen, die man anpackt, auf Resonanz stoßen. Dass man Anrufe oder E-Mails mit Nachfragen und so weiter bekommt. Da denkt man schon, dass man auf dem richtigen Trip ist und etwas aufgespürt hat, was die Menschen tatsächlich interessiert. Die Leserreaktionen helfen mir, den Horizont nochmals zu erweitern, dass man sagen könnte, das ist jetzt noch ein Feld, da könntest du dieses Thema auch noch hinlenken.

Sie mag Menschen: Annika Wilhelm ist eines der jungen Gesichter der Rhein-Zeitung. Die 30-Jährige hat ein Händchen für die Gesch
Sie mag Menschen: Annika Wilhelm ist eines der jungen Gesichter der Rhein-Zeitung. Die 30-Jährige hat ein Händchen für die Geschichten hinter der Geschichte.
Kevin Rühle. Kevin Ruehle

Annika Wilhelm: Vermutlich die Probleme mit dem ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr) in Cochem-Zell. Dieses Thema hat einfach die Leute beschäftigt. Da hat jeder drüber geredet, da kam sehr viel bei uns an. Ja, man hatte das Gefühl, dass ma mit den Berichten den Menschen eine Stimme gegeben hat, die draußen in der Fläche sind, die das Gefühl hatten, dass sie gar nicht so richtig gehört werden, glaube ich. Ich fand es interessant, zu sehen, wie sich das entwickelt hat, wie es sich mittlerweile verbessert hat. Oder menschliche Schicksale wie das von Roman Derr aus Kaisersesch. Er hatte vor einigen Jahren einen sehr schweren Autounfall. Er konnte gar nichts mehr, nicht essen, nicht laufen, nicht reden, gar nichts mehr. Und seine Mutter hängt sich bis heute sehr rein. Und ja, bis heute merkt man einfach, dass sie immer wieder an Grenzen stößt. An ihre eigenen, aber auch an die der Bürokratie. Immer wieder gab und gibt es Probleme wie mit der Krankenkasse. Aber die Mutter gibt nicht auf, und auch unsere Berichterstattung hat etwas bewirkt. Sie meldet sich immer wieder zurück und sagt: Durch euren Bericht hat jetzt die Krankenkasse reagiert oder andere Institutionen.

Könnt ihr euch erinnern, dass euch irgendwann mal etwas schockiert oder auch verletzt hat? Wir sollen und müssen diese professionelle Distanz wahren, aber das ist ja manchmal leichter gesagt als getan.

Annika Wilhelm: Ja, ich glaube, für mich war es schockierend, als ich das erste Mal an einem Tatort war. Damals wurde in Alf an der Mosel jemand niedergestochen. Und dann bin ich da am nächsten Morgen hin, es war irgendwann nachts passiert, um mir den Ort anzusehen, und ich glaube, ohne den Job hätte ich solch eine Situation vielleicht nie erlebt. Das war heftig, überall Blut zu sehen. Das hat mich im ersten Moment ein bisschen mitgenommen. Ja, ich glaube, manche Geschichten fassen einen an. Man soll die Distanz wahren. Ich glaube, meistens gelingt mir das auch. Aber natürlich gibt es Situationen, wo man ein bisschen mehr in sich geht und darüber nachdenkt.

Markus Kratzer: Ja, kann ich eigentlich genauso unterschreiben. Gerichtsberichte und Gerichtsverhandlungen gehören dazu. Wenn irgendwo ein Großvater auf der Anklagebank sitzt, weil er seine Enkelin missbraucht hat, dann muss ich tatsächlich an mich halten. Und hinterfrage dann auch, wie greifst du dieses Thema jetzt auf, ohne dass du deine Wut und deinen Zorn, den du da auch im Laufe der Verhandlungen entwickelt hast, freien Lauf lassen kannst, und dass es dennoch mit der nötigen Distanz geschieht. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, einen solchen Menschen dann in einem positiveren Licht dastehen zu lassen, als er es tatsächlich verdient hat. Schockiert ist ein hartes Wort, was wir im Laufe der Zeit hier in Koblenz, als ich hier damals noch stellvertretender Nachrichtenchef war, das war natürlich 9/11. Überhaupt keine Frage. Ich erinnere mich heute noch daran, dass ich zusammen mit dem Edgar Konrad, der damals Nachrichtenchef war, die Seite 1, die Titelseite, aufgerissen habe. Und im Prinzip fehlte uns ein Foto, also das Titelfoto. Die Themen waren vergeben. Das Titelfoto fehlte. Und dann kam diese Eilmeldung, hinter der noch gar nichts zu vermuten war: Sportflugzeug rast in Tower des World Trade Centers. Und Edgar sagte noch, na ja, dann haben wir ja ein Bild. Was sich dann daraus entwickelt hat, das kann man überhaupt nicht beschreiben. Da stand die Welt still. Heute wäre das definitiv eine andere Nummer, weil die vermeintlichen Quellen ja viel vielfältiger wären. Das würde ich jetzt auch nicht unbedingt auf der positiven Seite verbuchen. Vor allem, wenn man mittlerweile ja auch gerade bei Vorfällen gar nicht mehr weiß, ist das jetzt echt, ist das KI. Unvorstellbar, was dann in den Tagen nach diesem Anschlag los war. Das Wort schockiert trifft es, aufgrund der weltpolitischen Gemengelage, absolut. Es kamen immer mehr Dinge zum Vorschein. Es ging alles viel langsamer, als das heute gehen würde.

Annika Wilhelm: Das ist krass. Was mich bislang am meisten schockiert hat, war die Ahrflut und ihre Folgen. Unvorstellbares Leid direkt vor unserer Haustür. Ich war gerade zwei Wochen im Volontariat, und plötzlich Teil in einer Art Krisenteam, das öfters draußen war.

Wie leicht oder schwer fällt es euch abzuschalten? Journalist ist man immer, das kannst du nicht ablegen. Ob du daheim auf der Couch sitzt und Nachrichten schaust, beim Zeitunglesen. Oder du siehst auf dem Weg zum Termin irgendwas, dir fällt etwas auf oder du hörst was. Wie geht ihr denn damit um?

Annika Wilhelm: Ich gebe mir immer ein Zeitfenster nach der Arbeit. Entweder rede ich mit Freundinnen, der Familie oder meiner Mitbewohnerin darüber, was mich bewegt hat auf der Arbeit. Meistens beschäftige ich mich abends mit Dingen, die mich entspannen. Ich lese gerne irgendwas Fiktives, schaue Serien, spiele Videospiele. Was ich aber habe: Wenn ich draußen unterwegs bin, in der Stadt oder sonst wo und sehe, hier ist etwas Neues, ein neuer Laden, der aufmacht etwa, dann merke ich mir das, mache schnell ein Foto oder schreibe es mir kurz in die Notizen auf dem Handy.

Markus Kratzer: Ich muss gestehen, dass mir das immer noch sehr schwerfällt, abzuschalten. Was aber auch in erster Linie an dem Job des Nachrichtenchefs liegt, den ich jahrelang gemacht habe. Da sah der Tag so aus, dass man mit dem Aufstehen morgens zwischen sechs und sieben Uhr vor dem Zähneputzen Nachrichten gehört hat. Und für den Spätdienst bis Mitternacht oder auch noch darüber hinaus ansprechbar war, wenn der Kollege um halb elf oder um halb zwölf anrief, weil es in Afghanistan mal wieder einen Anschlag gegeben hat. Also irgendwo war man permanent unter Strom. Eigentlich müsste meine Frau die Frage jetzt beantworten. Ich kann abschalten, durchaus bis zu einem gewissen Grad. Wenn ich irgendwo etwas mitbekomme und wie du auch sagst, wenn man unterwegs ist und stolpert über irgendwas, da rattert es im Kopf. Und das kriege ich nicht abgelegt. Im Urlaub schon, aber jetzt so in einer normalen Arbeitswoche, da fürchte ich, bin ich eher so der 24-7-Typ. Aber es gehört zum Job dazu, dass wir beobachten.

Wobei: Themenfindung ist ein wesentliches Merkmal unserer sogenannten Verjüngungskur. Haben wir früher alles falsch gemacht?

Markus Kratzer: Bauchgefühl, Beobachtungsgabe, Nachrichtenlage? Und dann hat man so seine Zeitung gemacht und gedacht, das muss die Leute doch interessieren. Heute haben wir Zahlen, die uns zeigen, wie sind die Zugriffe im Digitalen auf die Themen. Und wir bleiben am Thema dran, was vor ein paar Jahren noch verpönt war, dass man das fünfte oder sechste Mal über ein und dasselbe Thema schreibt innerhalb von einem relativ kurzen Zeitraum. Das hat sich komplett geändert. Also wir nehmen noch viel, viel stärker als jemals zuvor die Perspektive der Leser und der User ein. Auf die Frage, ob wir früher alles falsch gemacht haben, würde ich antworten: Ich denke nicht, dass wir alles falsch gemacht haben. Der Anspruch an Zeitung, wenn ich es jetzt von Leser-Seite aus betrachte, war, denke ich, tatsächlich noch ein anderer. Da waren wir noch dieser Vollversorger, der dann auch im Prinzip ein sehr breites Spektrum abbilden musste. Und natürlich machen wir Zeitung nicht für uns und machen wir Online-Artikel nicht für uns, sondern wir machen sie für den, der sie konsumiert. Und deswegen halte ich das schon für durchaus sinnvoll, den Blick zu schärfen und möglicherweise auch den Blickwinkel zu verändern. Ich tue mich nicht schwer mit dieser neuen Denke. Weil wir jetzt verlässliches Feedback und Rückkopplung haben, ob ein Thema funktioniert oder ob es nicht funktioniert und was wir letztlich aus diesen Zahlen machen, bleibt ja dann doch wieder uns überlassen. Aber ein sehr wichtiger Hinweisgeber ist es natürlich schon. Und ja, die Medienlandschaft verändert sich und wenn man da jetzt an alten Denkmustern, die damals mit Sicherheit nicht falsch waren, festhalten würde, glaube ich, dann würde man Fehler machen. Wir müssen jeden Tag reflektieren, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Annika Wilhelm: Ja, ich kenne es wirklich gar nicht großartig anders. Es ist schon länger wichtig für uns als Redaktion, themengetrieben zu arbeiten. Die Zahlen sind einfach eine gute Orientierungshilfe, was die Leute interessiert. Ich glaube, es hilft dabei, noch einmal ein besseres Verständnis für gewisse Themen zu bekommen und das Gefühl zu haben, okay, ich kenne mich hier auf dem Gebiet jetzt besser aus. Ich schaue zum Beispiel oft auf Social Media, was die Leute interessiert, wie viel darüber diskutiert wird, und ob das unter unseren eigenen Beiträgen ist oder ob das in einer Ortsgruppe auf Facebook ist. Das ist im Endeffekt nichts anderes als das, was wir mit unseren Zahlen haben. Man muss es differenziert sehen, gerade was auf Facebook so geredet wird. Und nachfragen kann nichts schaden.

Habt ihr eine Frage, die ihr schon immer mal stellen wolltet?

Markus Kratzer: Diese eine Frage. Ziemlich philosophisch. Wenn man sich im Nachhinein fragt, welche Frage man noch hätte stellen können, die man immer schon mal stellen wollte, würde man eigene Defizite aufdecken. Denn bei jedem Thema sollte man die richtigen Fragen stellen. Und jetzt werde ich philosophisch. Eine Frage, die man sich nicht stellen sollte: Bin ich in dem Job richtig? Wenn du dir diese nicht mit Ja beantworten würdest, dann hättest du den größten Fehler gemacht.

Annika Wilhelm: Die eine Frage gibt es nicht. Jedenfalls nicht für mich. Was ich cool finde: Wir gehen zum Termin, führen Gespräche, bereiten uns vor, das Gegenüber im besten Fall auch. Und dann kommt die Frage, auf die der Gefragte antwortet: Gute Frage, jetzt muss ich mal einen Moment nachdenken. Das ist etwas, das die Leute herausfordert, sie denken nach, müssen länger überlegen. Dann kommen auch die interessantesten Antworten.

Diese Diskussion zeigt, dass der Job ganz viele Facetten hat, und dass man sich auch immer wieder hinterfragen muss und merkt, wie man sich im Laufe der Jahre auch persönlich weiterentwickelt. Und das, finde ich, macht ja auch Bock auf den Job. Trotzdem gibt es auch im Journalismus diesen Nachwuchsmangel. Warum lohnt es sich denn für junge Menschen, den Beruf zu wählen?

Markus Kratzer: Es sollte in der jetzigen Zeit auch vor dem politischen Hintergrund oder vor den gesellschaftspolitischen Themen, die uns bewegen, die Bedeutung des Berufes betont werden. Der Beruf ist wichtig, um die Demokratie nicht komplett den Bach runtergehen zu lassen. Zeitung bedeutet ein Stück Freiheit. Für mich ist die Arbeit, die wir machen, immer nur ein Stück Einordnung von Themen, ob das Gegenüber dies annimmt oder zumacht, sei einmal dahingestellt. Mit dem Wissen, was ich jetzt habe und wenn ich die Uhr 40 Jahre zurückdrehen könnte, müsste ich meine Eltern wohl immer noch nicht groß überreden, dass ich Journalist werden will.

Annika Wilhelm: Der Beruf ist wahnsinnig vielfältig, es ist nie langweilig. Vieles lernt man, indem man es einfach tut. Ich merke selbst, wie stark ich mich in der Zeit, in der ich hier bin, persönlich entwickelt habe. Und das ist etwas, das der Job einem gibt. Ich hinterfrage Dinge, sehe Dinge kritischer. Da rede ich jetzt nicht nur von der großen Politik, sondern von kleinen Dingen. Es ist viel mehr als nur ein Job.

Nur das Beste für die Rhein-Zeitung, denn…

Markus Kratzer: … ohne sie wäre da eine große Lücke. Ja, da würde aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz eine wichtige Stimme fehlen, die erklärt, die unterhält. Die auch heikle Themen und heiße Eisen anfasst.

Annika Wilhelm: Besser kann man es nicht sagen.

Das Gespräch führte Petra Mix

Die Autorin

Petra Mix
Petra Mix
Jens Weber. MRV

Petra Mix ist Leitende Redakteurin für Aus- und Weiterbildung bei der Rhein-Zeitung. Eine Aufgabe, bei der die 57-Jährige ihre ungebrochene Begeisterung für den Lokaljournalismus und ihre bei der RZ in unterschiedlichen Funktionen gesammelten Erfahrungen an die nächsten Generationen weitergeben kann. Der Blick ist nach vorn gerichtet, der Nachwuchs bringt frischen Wind ins Haus. Das Besondere prägt den Alltag. Wie dieses Interview mit einem ehemaligen Volontärskollegen Markus Kratzer und Annika Wilhelm, die Mix als Mentorin während des Volontariats bei der RZ begleitet hat. 32 Jahre trennen Kratzer und Wilhelm. Das Gespräch mit ihnen zeigt, dass es den viel zitierten Generationenkonflikt höchst selten bis gar nicht gibt. Expertise mit dem Smartphone versus Berufserfahrung: Es geht nur gemeinsam.

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Zeitgeschichte

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