Tag des Terrors
„Jetzt ist dort nur noch eine riesige Staubwolke“
Zeichen des Mitgefühls: Blumen und Kränze werden am 11. September 2001 und den Tagen danach am Willkommensschild am Eingang zur
Zeichen des Mitgefühls: Blumen und Kränze werden am 11. September 2001 und den Tagen danach am Willkommensschild am Eingang zur Smith-Kaserne in Baumholder niedergelegt.
Reiner Drumm

Es war ein Tag, der die Welt erschütterte: Das Datum – der 11. September 2001 – ist mittlerweile zum Synonym für Terror und Zerstörung geworden.

Lesezeit 2 Minuten

Es ist ein ganz normaler Arbeitstag im Herbst 2001 in der Redaktion der Nahe-Zeitung in Idar-Oberstein – die Kolleginnen und Kollegen schreiben, recherchieren, telefonieren, die Ausgabe für den 12. September ist so gut wie fertig, gerade hat der Spätdienst begonnen, die Seiten für den nächsten Tag gegenzulesen – bis ein Kollege aus der Anzeigenabteilung am frühen Nachmittag den Produktionsraum betritt: „In New York ist ein Flugzeug in ein Hochhaus geflogen.“

Im Prä-Internet-Zeitalter gibt es darauf nur eine Reaktion: Wir schalten sofort den Fernseher an – gerade noch rechtzeitig, um fassungslos zu sehen, wie ein weiteres Flugzeug in den zweiten Turm des World Trade Centers rast. Von dem dritten Flugzeug, das ins Pentagon-Gebäude stürzt, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Doch die katastrophalen Bilder von Tod, Zerstörung, Explosionen und rauchenden Trümmern werden uns den ganzen Tag lang begleiten.

Bettina Schäfer
Bettina Schäfer
Jens Weber. MRV

Nach der ersten Schockstarre verfallen wir in hektische Betriebsamkeit: Was tun? Wen kontaktieren? Wessen Einschätzung oder Reaktion einholen? Wie viel Zeit ist noch bis zum Andruck? Der naheliegende Gedanke ist die US Army Garrison Baumholder, doch dort sind schon sämtliche Zugänge zu den US-Liegenschaften abgeriegelt. Es herrschen höchste Alarmstufe und große Nervosität: Zwei unserer Mitarbeiter werden vorübergehend festgenommen, die Speicherkarten ihrer Kameras gelöscht.

Als nicht ganz unkompliziert stellt sich auch der Versuch heraus, den gebürtigen Kirschweilerer Hans-Georg Storr in den USA zu erreichen: Für teure Ferngespräche (transatlantische gar) sind die meisten Telefone in der Redaktion schlicht nicht freigeschaltet. Doch schließlich ist der Spitzenmanager und Ex-Finanzchef des US-Konzerns Philip Morris, der rund eine Autostunde von New York entfernt in Connecticut wohnt, am Apparat.

„Dieses Ereignis wird unser Leben verändern.“
Hans-Georg Storr

Storr, der 1954 nach Amerika übersiedelte, konnte von seinem Wohnort aus die beiden Türme des World Trade Center sehen: „Viele Firmen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, hatten dort ihren Sitz, viele der Mitarbeiter habe ich gekannt. Jetzt ist dort nur noch eine riesige Staubwolke“, sagt er mit einer Erschütterung in der Stimme, die noch über Tausende von Kilometern und Meilen hinweg hörbar ist. „Eine Tragödie, die in ihren Ausmaßen nur mit Pearl Harbor vergleichbar ist“, nennt er den Terroranschlag. „Dieses Ereignis wird unser Leben verändern. Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war. Wir werden niemals mehr wie zuvor einfach in ein Flugzeug einsteigen können“, sagt Storr. Er wird mit jedem Wort recht behalten.

Tagelang steht danach das Faxgerät der Redaktion nicht mehr still: Meter um Meter quillt Papier mit Kondolenzwünschen und Aberhunderten Unterschriften unaufhörlich heraus. Tausenden Menschen ist es ein tiefempfundenes Bedürfnis, ihrer Bestürzung und ihrem Mitgefühl Ausdruck zu verleihen. Irgendwann kehrt dann auch wieder der Redaktionsalltag ein. Vergessen kann man den 9.11.2001 aber wohl nie – auch nach fast 25 Jahren nicht.

Die Autorin

Bettina Schäfer, Jahrgang 1964, hat 1996 als freie Mitarbeiterin der Nahe-Zeitung angefangen und ist nach weiteren Stationen bei der RZ seit 2023 Nachrichtenchefin des Redaktionsverbunds Nahe. Das Schöne – und manchmal auch Schreckliche – an unserem Beruf: Man weiß wirklich nie, was der Tag bringt.

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Zeitgeschichte

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