Fallschirmsprung im Westerwald
In 4000 Metern Höhe ist für Angst kein Platz
4000 Meter freier Fall: Reporter Martin Boldt bei seinem Fallschirmsprung-Selbsstversuch im Jahr 2017.
4000 Meter freier Fall: Reporter Martin Boldt bei seinem Fallschirmsprung-Selbsstversuch im Jahr 2017.
Skyconcept

Wie fühlt es sich eigentlich an, aus 4000 Metern Höhe Richtung Erde zu fallen oder mit einem Segelflugzeug zwischen den Wolken zu kreisen? Fragen, denen Reporter Martin Boldt im Jahr 2017 mit einem Selbstversuch nachspürte.

Lesezeit 2 Minuten

Als Journalist zu arbeiten, das bringt hin und wieder mit sich, die eigenen Grenzen auszutesten, zu verschieben und den Leser über die gewonnenen Erkenntnisse zu informieren. Besonders hoch hinaus führte mich die Methode „Selbstversuch“ zu Beginn meines Volontariates bei der Westerwälder Zeitung im Jahr 2017: Es galt, einen neuen Dreh für den Vorbericht zum jährlichen Fliegerfest auf dem Sportflugplatz in Ailertchen zu finden. Warum nicht einfach – statt den üblichen Pressetext abzudrucken – alles einfach selbst ausprobieren und dann darüber schreiben?

Sowohl der heimische Flugsportverein „Glück Auf” Ailertchen als auch der für die Fallschirmsprünge zuständige Verein Skydive waren schnell überzeugt und so fand ich mich an einem sonnigen Maiwochenende plötzlich mit einem Dutzend wildfremder Menschen in einer winzigen Propellermaschine in 4000 Metern Höhe wieder. Spätestens als sich die Ausstiegsluke öffnete, dämmerte es mir, dass „Kneifen“ heute keine Option mehr war.

Martin Boldt
Martin Boldt
Jens Weber. MRV

Die finale Entscheidung für den freien Fall nahm mir dankenswerterweise Unai ab. Der kernige Baske mit schwarzem Vollbart war an jenem Tag mein Tandemsprungpartner und bugsierte uns, ehe ich mich noch wehren konnte, aus der Maschine. Was danach folgte, war anders als erwartet: Ein kleines Detail – meine undichte Schutzbrille – sorgte leider dafür, dass ich auf dem Weg hinunter aufgrund des Gegenwindes reichlich Tränenflüssigkeit verlor, was den erhofft Rausch und die Sicht auf den rasant näher kommenden Westerwald etwas trübte.

Frei wie ein Vogel

Wie sich im Nachhinein zeigte, hatte ich da das weitaus prägendere Ereignis des Tages aber noch vor mir: Direkt nach der Landung ging es nämlich hinüber zu den Segelfliegern des FSV, wo mich der erst 18-jährige Jugendwart des Vereins ein weiteres Mal mit in die Luft nahm – diesmal mit dem Segelflugzeug . Nach dem Ausklinken des Zugseils war sie dann auch da, die Erleuchtung, warum manche Menschen gar nicht genug vom Schwebezustand zwischen den Wolken bekommen können: Es ist die Annäherung an die scheinbar grenzenlose Freiheit, die die Vögel zwischen ihren Flügelschwingen genießen.

Nachdem Simon uns zunächst in kreisförmigen Bewegungen immer weiter nach oben geschraubt hatte, wurde es abenteuerlich. „Wenn du magst, kannst du das Steuer mal kurz übernehmen“, knarzte es über den Bordfunk. Und wie ich Lust hatte! Schon kleinste Bewegungen des Knüppels führten zu merklichen Veränderungen in der Lage des Seglers – und plötzlich war ich selbst der Zugvogel, der lautlos über der Westerwälder Seenplatte dahin glitt.

Ich habe in den Jahren danach noch viele spannende Geschichten erlebt und zu Papier gebracht – an den Ausflug auf den Sportflugplatz in Ailertchen denke ich aber noch heute regelmäßig. Nicht nur wegen der tollen Sonderseite, die aus den Eindrücken im Anschluss entstanden ist. Vor allem jedoch, wegen der Dankbarkeit, die ich verspürt habe, solche Abenteuer als Teil meiner Arbeit erleben zu dürfen.

Der Autor

Martin Boldt (40) arbeitet seit 2016 für die Rhein-Zeitung. Zunächst als freier Mitarbeiter und Volontär für die Westerwälder Ausgabe, später als Redakteur für den Bereich des Maifeldes und der Verbandsgemeinde Vordereifel im Kreis Mayen-Koblenz. Studiert hat er an der Universität zu Köln unter anderem Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft sowie Politikwissenschaften. In diese Zeit fallen Veröffentlichungen beim „Kölner-Stadt-Anzeiger“ und der „Kölnischen Rundschau“. Neben dem klassischen Lokaljournalismus besteht eine hohe Affinität zu Videospielen, über die er gelegentlich auch im Kulturressort der Rhein-Zeitung veröffentlicht. Aktuell unterstützt er das Team der Blattmacher.

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