Auf der Suche nach Liebe findet eine junge Frau im Sommer 2016 den Tod. In Malervlies eingepackt sitzt die bereits stark verweste Leiche von Sarah H. aus Fischbach am Beckenrand einer Badewanne. Der Mann, der dafür vermutlich verantwortlich ist, kann nichts mehr erzählen. Auch er starb 2020.
Es ist wohl das Ende einer Geschichte, die man so nicht erfinden könnte und die über Jahre hinweg von Tragik und dramatischen Ereignissen geprägt war: Im Kindergarten findet die kleine Sarah kaum Freunde. Der Vater, damals schon schwer krank, arbeitet nicht. Die Mutter hält die sehr isoliert lebende Familie als Mitarbeiterin eines Supermarktes der Region gerade so über Wasser und wahrt den Schein nach außen. Sarah wird in der Schule gemobbt. Einmal wird sie 70-mal hintereinander von einer Mitschülerin geohrfeigt.

1-Euro-Jobs, Hartz-IV-Anträge … Sarah fasst nirgends Fuß, scheitert überall. Auch an sich selbst. Sarah räumt von 2008 bis Ende 2015 Regale in einem Supermarkt ein. Kunden zeigen mit dem Finger auf sie.
2011 entdeckt sie in ihrem Postfach im früheren sozialen Netzwerk „Wer kennt wen“ eine Nachricht: Für eine neue TV-Kuppelshow mit dem Titel „Schwer verliebt“ suche man Kandidaten. Sarah fällt wegen ihrer Barbie-Sammelleidenschaft auf, mehr als 170 dieser Puppen hat sie. Die damals 27-Jährige sieht eine Chance. Romantik, Zärtlichkeit, Liebe: Nichts fehlt ihr mehr in ihrem trostlosen Leben. Sexszenen mit Ken und Barbie nachzuspielen – das ist keine Dauerlösung für Sehnsucht. Sie lässt sich auf das üble Spiel der TV-Macher ein: Sarah wird im Fernsehen vorgeführt, muss vorgegebene Sätze nachplappern, sich mit Männern treffen, die sie gar nicht mag. Wollte sie das so? Das fragt sich unsere Redaktion direkt nach der ersten Sendung.
4808 virtuelle Freunde, aber keine echten
Es ist die Zeit, in der unsere Zeitung Kontakt mit Sarah aufnimmt und sie im Kampf gegen die Fake-TV-Macher unterstützt, was bundesweit und darüber hinaus für Medieninteresse sorgt. Viele Artikel beschäftigen sich über Monate mit dem Fall Sarah H. – „Alles Lüge, was die da im Fernsehen machen, so wollte ich das nicht“, stellt sie mutig klar. Das hatte sich vorher noch niemand getraut, laut zu sagen.
In ihrem Heimatdorf trifft man sich währenddessen an Sonntagen zum Public Viewing, um über Sarah abzulästern. Sie ist die Witzfigur schlechthin. Mithilfe unserer Zeitung erfährt sie zumindest ein wenig Genugtuung, als Knebelverträge öffentlich werden. Sarah findet Menschen, die ihr Mut zusprechen, ihren Kampfgeist bewundern. Doch der Hype hält nicht lange.
4808 virtuelle Freunde auf ihrem Facebook-Profil können letztlich nicht verhindern, dass eine gestörte Persönlichkeit zu ihrem Schicksal wird: Axel G., polizeilich bestens bekannt. Sarah zieht zu ihm nach Mecklenburg-Vorpommern, ist ihrem Partner offenbar hörig, bettelt um Liebe. Doch es gibt dunkle Wolken, die über der verhängnisvollen Beziehung schweben. Sarah kann sich nicht wehren.
Trauer, Wut, Entsetzen: Es gab im Sommer 2016 und auch in den Jahren danach unzählige Reaktionen auf den Tod der 32-jährigen Sarah H., die bis Februar 2016 in Fischbach bei Idar-Oberstein lebte und dann nach Alt Rehse/Neubrandenburg zu ihrem damaligen, 51-jährigen Partner Axel G.
Der Tod von Sarah H. warf viele Fragen auf
An einem Spätsommertag vor zehn Jahren schreckt Verwesungsgeruch in der zugemüllten Wohnung die Polizisten, die wegen einer Ruhestörung bei Axel G. klingeln, auf. Sie machen einen grausamen Fund. Wie genau Sarah zu Tode kam, ist nicht bekannt: Hatte Axel G. sie in den Schrank gesperrt, verhungern und verdursten lassen? Hat er sie mit einer Peitsche gequält? Sarah wird in einem Ruheforst beerdigt.
2019 heiratet Axel G. eine junge Frau, die ebenfalls aus dem Kreis Birkenfeld stammt, die ihn aber schnell verlässt. Nach einer jahrelangen Prozess-Serie wird der bekennende Reichsbürger im Juni 2020 wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Axel G. erliegt im September 2020 seinen schweren Verletzungen infolge einer womöglich von ihm selbst ausgelösten Verpuffung und eines damit verbundenen Wohnungsbrandes.
Die Autorin
Vera Müller, Jahrgang 1966, startete bereits 1985 als freie Mitarbeiterin für die Lokalredaktion Bad Sobernheim. 1988 wurde sie Volontärin und durchlief verschiedene Stationen in Montabaur, Koblenz, Bad Kreuznach und Idar-Oberstein. Ihr Schwerpunkt ist die Lokalredaktion Idar-Oberstein/Bad Kreuznach. Mit viel Fingerspitzengefühl schreibt sie über Themen und Schicksale, die die Menschen bewegen. „Lokaljournalismus schafft für mich Vertrauen und Identität, er klärt auf, hinterfragt, kritisiert, motiviert und erreicht die Menschen der eigenen Heimat unmittelbar: im besten Fall ihre Herzen und ihren Verstand. Dazu gehört auch, jenen eine Stimme zu geben, denen niemand zuhört“, beschreibt sie ihre Motivation.


