Wenn Ärzte nicht zuhören
Hirntumor bei Dreijährigem beinahe zu spät erkannt
Das Martyrium eines kleinen Jungen und seiner Mutter macht auch noch Jahre später betroffen. Inzwischen hat er den Krebs besiegt
Das Martyrium eines kleinen Jungen und seiner Mutter macht auch noch Jahre später betroffen. Inzwischen hat er den Krebs besiegt.
Christian Carisius. dpa

Erst waren es nur Kopfschmerzen, dann kamen Übelkeit und Ausfallerscheinungen hinzu. Nachdem der kleine Felix monatelang Fehldiagnosen von seinem Kinderarzt erhalten hatte, musste er in letzter Minute notoperiert werden.

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Es war in meinem ersten Jahr bei der Rhein-Zeitung. Ich saß in einem lichtdurchfluteten Büro der Redaktionsräume in Dernbach, als mich eine Mutter anrief, die mich bat, mir die Geschichte ihres dreijährigen Sohnes anzuhören.

Es ist die Geschichte einer monatelangen Agonie, die für den kleinen Felix mit starken Kopfschmerzen beginnt. Dabei bleibt es jedoch nicht. Schnell kommen Übelkeit, Sehstörungen und neurologische Ausfälle hinzu. Es folgen durchweinte Nächte, in denen der Kleine in den Armen seiner Mutter vor Schmerzen schreit.

Till Kronsfoth
Till Kronsfoth
Jens Weber

Und es ist die Geschichte einer verzweifelten Mutter. Denn nachdem sie vom Kinderarzt monatelang Fehldiagnosen erhält, von der Notaufnahme weggeschickt und von einer Krankenschwester des ärztlichen Bereitschaftsdienstes verspottet wird, bricht das entkräftete Kind eines Tages zusammen. Eine Rheumatologin hat schließlich einen schrecklichen, aber zutreffenden Verdacht: Hirntumor. Felix wird buchstäblich in letzter Minute operiert, doch damit ist sein Martyrium nicht vorbei. Denn nach der Notoperation, bei der der größte Teil des Tumors entfernt werden kann, fällt Felix ins Koma. Als er viele Wochen später erwacht, kann er nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, sich nicht mehr alleine aufsetzen.

Verzweiflung der Mutter war mit Händen zu greifen

Das Telefonat sollte eine Stunde lang dauern. Ich glaube, mich erinnern zu können, dass ich das Gespräch einigermaßen professionell bewerkstelligte. Doch nachdem wir aufgelegt hatten, kamen mir die Tränen. Vielleicht lag es daran, dass ihr Sohn im selben Alter war wie meiner, oder daran, dass die Verzweiflung dieser Frau, der niemand zugehört hatte und die nun um das Leben ihres Sohnes bangte, förmlich mit Händen zu greifen war.

Mein Artikel, so plante ich zunächst, sollte eine Anklage werden. Eine Anklage gegen all jene, die nicht zugehört hatten, während der Tumor in Felix’ Kopf wuchs und wuchs. Am Ende entschied ich mich anders. Ich ließ lediglich die Fakten sprechen. Und die entlarven damals wie heute ein verheerendes Gesundheitssystem, in dem Patienten sich von ihren Hausärzten immer weniger ernst genommen fühlen, in dem in Notaufnahmen maximal jener schnelle Hilfe erwarten darf, der sich zuvor gut sichtbar mit der Kettensäge den Fuß abgetrennt hat, und in dem Kassenpatienten teilweise neun Monate lang auf einen Facharzttermin warten.

Kein Wunsch nach Genugtuung

Kürzlich telefonierte ich wieder mit Felix’ Mutter. Sie klang nicht mehr verzweifelt, sondern vielmehr zuversichtlich. Und dies ist etwas, das mich am meisten beeindruckt: Während all der Zeit verwendete sie keinen Gedanken an eine Schadenersatzklage aufgrund der Fehldiagnosen. Es schien, als fürchte sie, dass auch nur eine Sekunde, die sie für Gedanken an eine Klage aufwende, jene Sekunde sein könne, die ihr für Felix’ Pflege fehle.

Heute, fast drei Jahre später, geht es Felix besser. Er hat sein Sprachvermögen zurückerlangt, kann wieder gehen und kommt diesen Sommer sogar in die Schule. Auf einem Auge, dort, wo der Tumor auf den Sehnerv drückte, ist er blind. Doch den Krebs hat er besiegt.

Der Autor

Till Kronsfoth, geboren 1987, ist promovierter Historiker und seit 2023 Redakteur bei der Rhein-Lahn-Zeitung. Zuvor arbeitete er als freier Mitarbeiter für den Hessischen Rundfunk, die „Süddeutsche Zeitung“ sowie die „Märkische Allgemeine“ und absolvierte ein Volontariat in der Presseabteilung des Historischen Museums der Pfalz. Auf die Frage, was ihn motivierte, Journalist zu werden, sagt er: „Ohne die faktenbasierte Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge werden bloße Stimmungen und Gefühle zur Maßgabe von Entscheidungen.“

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Gesundheit

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