Ein denkwürdiges Treffen
Ein letzter Besuch bei Torsten Schupp, bevor er starb
Torsten Schupp wurde im Marienhof behandelt, wo ihn unsere Reporterin am 27. Januar 2025 besuchte. Diese Begegnung war für sie e
Torsten Schupp wurde im Marienhof behandelt, wo ihn unsere Reporterin am 27. Januar 2025 besuchte. Diese Begegnung war für sie eine besondere.
Katrin Steinert

Torsten Schupp, Entertainer und Koblenzer Stadtrat, hat das Leben in vollen Zügen genossen und kämpfte am Ende um jeden weiteren Tag. Für unsere Reporterin war es eine besondere Begegnung, ihn wenige Tage vor seinem Tod zu besuchen.

Lesezeit 3 Minuten

Als ich an diesem Morgen zum Koblenzer Krankenhaus Marienhof fahre, weiß ich: Vor mir liegt ein herausforderndes Treffen. Ich hatte mich mit Torsten Schupp verabredet. Der Lokalpolitiker und Entertainer lag als Palliativpatient auf der Onkologie und hatte nicht mehr lang zu leben. Tausend Fragen in meinem Kopf. Welche stellt man am Ende eines Lebens, ohne kalt, anmaßend oder gefühlsduselig zu sein?

Torsten Schupp war in seinem Leben vieles: Sohn, Bruder, Onkel und Partner, Freund, Friseurmeister und Songschreiber, DJ, Entertainer, Karnevalist und Lokalpolitiker. Er gründete sogar eine eigene Gruppierung: die Wählergruppe Schupp, die später in Wählergruppe Schängel (WGS) umbenannt wurde. Er liebte seine Heimatstadt, war ein Original, das sagte, was es dachte. Am 3. Februar 2025 starb er im Alter von 54 Jahren.

Katrin Steinert
Katrin Steinert
Jens Weber. MRV

Erstmals hatten wir zwei Jahre zuvor richtig Kontakt, als Torsten Schupp Hasskommentaren wegen seines Ballermann-Hits „Kim“ ausgesetzt war. Damals hustete er schon arg, schob es aufs Rauchen und Blutdruckmedikamente. Anfangs führten wir kontroverse und kritische Gespräche über Frauenbilder und Sexismus. Später entstanden über diesen respektvollen Austausch auch tiefere Gespräche, die dazu führten, dass wir uns duzten, und dazu, dass ich ihn am Ende seines Lebens besuchen durfte; nicht nur, aber auch, um darüber zu berichten.

Geschrieben habe ich über viele Begegnungen. Diese aber ist für mich besonders: Ich habe einen Menschen getroffen im Wissen, dass er jeden Tag sterben kann, und mit dem Gedanken, dass ich schildern möchte, wie es ihm, Torsten, den viele kannten, an diesem Ort, mit dieser Krankheit und dem nahen Ende geht.

Wenn Menschen uns von sich erzählen, uns nah an sich heranlassen, ist es später ein Abwägen, was wir schreiben, welche Worte wir wählen, wie wir die Person zeichnen, um das große Ganze zu transportieren. Wenn die Protagonisten uns zurückmelden, dass sie sich im Artikel wiederfinden, ist es ein gutes Gefühl. Und diesmal? Würde Torsten noch lesen können, was ich schreibe?

Auch seine Stadtratskollegen gedachten Torsten Schupp nach seinem Tod im Februar 2025.
Auch seine Stadtratskollegen gedachten Torsten Schupp nach seinem Tod im Februar 2025.
Jan Lindner

Im Sommer 2023, als er die Diagnose erhielt, war sinngemäß eine ganze Stadt im Bilde: Über Facebook informierte „Torty“, wie es ihm ging. Er wollte dem Lungentumor, der gestreut hatte, die Stirn bieten. Die Chemotherapie nannte er „Jack“ – in Anlehnung an das Getränk Jacky Cola, „mit dem ich schon viel Spaß im Leben hatte“. Er wollte Lebenszeit gewinnen.

Jetzt, anderthalb Jahre später, betrat ich sein Stationszimmer, die Fraktionskollegen verabschiedeten sich grad. Torsten war schmal, der Teint fahl, sein Körper langsam, und doch war er wie immer, humorvoll, ehrlich, sein Geist klar, trotz Morphium. Ich lernte Vertraute kennen, hörte Anekdoten, sah letzte Umarmungen. Wir redeten, lachten – und schwiegen.

Am Tag, bevor er starb, verabschiedete Torsten sich auf Facebook: „Tschau Kakao. Ich danke euch für eine tolle Zeit in einer tollen Welt. Wir werden uns in einer neuen Welt wieder sehen. Ich werde dann mal gehen (...).“ Was bleibt, sind Erinnerungen.

Die Autorin

Katrin Steinert, 1980 in Oldenburg (Niedersachsen) geboren, hat Kunstgeschichte, Germanistik und Ethnologie in Trier studiert. Sie ist leidenschaftliche Journalistin und Mutter zweier Kinder. Mit ihrer Regenbogenfamilie lebt sie in Koblenz, über das sie seit 2018 berichtet. Sie mag Geschichten mitten aus der Stadt, findet spannend, was hinter Fassaden und gesperrten Bereichen vor sich geht. Unerschrocken geht sie an Themen ran, wendet sich empathisch den Menschen zu, mit denen sie spricht. Bevor sie nach Koblenz kam, schrieb sie über die Stadt Andernach, war erste mobile Multimediareporterin (2009–2011) unserer Redaktion, berichtete aus dem RZ-Land, bloggte, twitterte und erstellte Videos. Ihr Volontariat absolvierte sie ab 2006 in den Lokalredaktionen in Simmern und Bad Kreuznach. Warum sie ihren Beruf liebt? „Ich kann jeden Tag unterschiedliche Themen aufgreifen, begegne verschiedenen Menschen und stelle Fragen, die sich auftun. Dabei kann ich unabhängig recherchieren und berichten.“

Ressort und Schlagwörter

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