Als ich an diesem Morgen zum Koblenzer Krankenhaus Marienhof fahre, weiß ich: Vor mir liegt ein herausforderndes Treffen. Ich hatte mich mit Torsten Schupp verabredet. Der Lokalpolitiker und Entertainer lag als Palliativpatient auf der Onkologie und hatte nicht mehr lang zu leben. Tausend Fragen in meinem Kopf. Welche stellt man am Ende eines Lebens, ohne kalt, anmaßend oder gefühlsduselig zu sein?
Torsten Schupp war in seinem Leben vieles: Sohn, Bruder, Onkel und Partner, Freund, Friseurmeister und Songschreiber, DJ, Entertainer, Karnevalist und Lokalpolitiker. Er gründete sogar eine eigene Gruppierung: die Wählergruppe Schupp, die später in Wählergruppe Schängel (WGS) umbenannt wurde. Er liebte seine Heimatstadt, war ein Original, das sagte, was es dachte. Am 3. Februar 2025 starb er im Alter von 54 Jahren.

Erstmals hatten wir zwei Jahre zuvor richtig Kontakt, als Torsten Schupp Hasskommentaren wegen seines Ballermann-Hits „Kim“ ausgesetzt war. Damals hustete er schon arg, schob es aufs Rauchen und Blutdruckmedikamente. Anfangs führten wir kontroverse und kritische Gespräche über Frauenbilder und Sexismus. Später entstanden über diesen respektvollen Austausch auch tiefere Gespräche, die dazu führten, dass wir uns duzten, und dazu, dass ich ihn am Ende seines Lebens besuchen durfte; nicht nur, aber auch, um darüber zu berichten.
Geschrieben habe ich über viele Begegnungen. Diese aber ist für mich besonders: Ich habe einen Menschen getroffen im Wissen, dass er jeden Tag sterben kann, und mit dem Gedanken, dass ich schildern möchte, wie es ihm, Torsten, den viele kannten, an diesem Ort, mit dieser Krankheit und dem nahen Ende geht.
Das Leben hat der Lokalpolitiker und Musiker Torsten Schupp in vollen Zügen genossen. Und auch am Ende seines Weges versucht der todkranke Koblenzer, noch das rauszuholen, was in seinem Zustand möglich ist.
Todkranker Torsten Schupp kämpft um jeden weiteren Tag
Wenn Menschen uns von sich erzählen, uns nah an sich heranlassen, ist es später ein Abwägen, was wir schreiben, welche Worte wir wählen, wie wir die Person zeichnen, um das große Ganze zu transportieren. Wenn die Protagonisten uns zurückmelden, dass sie sich im Artikel wiederfinden, ist es ein gutes Gefühl. Und diesmal? Würde Torsten noch lesen können, was ich schreibe?

Im Sommer 2023, als er die Diagnose erhielt, war sinngemäß eine ganze Stadt im Bilde: Über Facebook informierte „Torty“, wie es ihm ging. Er wollte dem Lungentumor, der gestreut hatte, die Stirn bieten. Die Chemotherapie nannte er „Jack“ – in Anlehnung an das Getränk Jacky Cola, „mit dem ich schon viel Spaß im Leben hatte“. Er wollte Lebenszeit gewinnen.
Jetzt, anderthalb Jahre später, betrat ich sein Stationszimmer, die Fraktionskollegen verabschiedeten sich grad. Torsten war schmal, der Teint fahl, sein Körper langsam, und doch war er wie immer, humorvoll, ehrlich, sein Geist klar, trotz Morphium. Ich lernte Vertraute kennen, hörte Anekdoten, sah letzte Umarmungen. Wir redeten, lachten – und schwiegen.
Dass es ihn irgendwann treffen könnte, damit hatte Torsten Schupp schon gerechnet – denn er raucht(e) seit 39 Jahren: Der Koblenzer Entertainer und Stadtrat hat vor Kurzem die Diagnose Lungenkrebs bekommen, und er gibt sich kämpferisch.
Stadtrat und Entertainer Torsten Schupp aus Koblenz hat Krebs: „Die Chemo ist mein Freund“
Am Tag, bevor er starb, verabschiedete Torsten sich auf Facebook: „Tschau Kakao. Ich danke euch für eine tolle Zeit in einer tollen Welt. Wir werden uns in einer neuen Welt wieder sehen. Ich werde dann mal gehen (...).“ Was bleibt, sind Erinnerungen.
Die Autorin
Katrin Steinert, 1980 in Oldenburg (Niedersachsen) geboren, hat Kunstgeschichte, Germanistik und Ethnologie in Trier studiert. Sie ist leidenschaftliche Journalistin und Mutter zweier Kinder. Mit ihrer Regenbogenfamilie lebt sie in Koblenz, über das sie seit 2018 berichtet. Sie mag Geschichten mitten aus der Stadt, findet spannend, was hinter Fassaden und gesperrten Bereichen vor sich geht. Unerschrocken geht sie an Themen ran, wendet sich empathisch den Menschen zu, mit denen sie spricht. Bevor sie nach Koblenz kam, schrieb sie über die Stadt Andernach, war erste mobile Multimediareporterin (2009–2011) unserer Redaktion, berichtete aus dem RZ-Land, bloggte, twitterte und erstellte Videos. Ihr Volontariat absolvierte sie ab 2006 in den Lokalredaktionen in Simmern und Bad Kreuznach. Warum sie ihren Beruf liebt? „Ich kann jeden Tag unterschiedliche Themen aufgreifen, begegne verschiedenen Menschen und stelle Fragen, die sich auftun. Dabei kann ich unabhängig recherchieren und berichten.“


