Erinnerung an Schiffsunglück
Die „Waldhof“-Havarie und der vermisste Steuermann
In kleinen Gruppen beratschlagen Experten die weitere Vorgehensweise für die Bergung. Unmengen von Schläuchen und Leinen liegen
In kleinen Gruppen beratschlagen Experten die weitere Vorgehensweise für die Bergung. Unmengen von Schläuchen und Leinen liegen auf der Waldhof. Foto: Archiv Suzanne Breitbach
Archiv Suzanne Breitbach. Suzanne Breitbach

Die Havarie der „Waldhof“ im Jahr 2011 zählt zu den größten Schiffsunglücken in Rheinland-Pfalz. Maximilian Eckhardt erinnert an die Tragödie, die er als Jungredakteur begleitet hat – und an das Schicksal eines Mannes, das ihn noch heute beschäftigt.

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Bei Dunkelheit, Schneeregen und starker Strömung nähert sich die „Waldhof“ am 13. Januar 2011 der Loreley. Dort, wo sich der Rhein durch einen nur 130 Meter breiten, aber mit mehr als 20 Metern sehr tiefen Engpass zwängt, kentert der Säuretanker um 4.42 Uhr. Es ist eines der größten Schiffsunglücke, das Rheinland-Pfalz je erlebt hat.

Führerlos treibt die „Waldhof“ etwa zwei Kilometer stromabwärts, kollidiert mit einem Tankmotorschiff und bleibt schließlich bei Rheinkilometer 555,33, wo die Loreley als Bronzefigur alle Rheinschiffer grüßt, liegen. Sie blockiert nun die wichtigste Wasserstraße Europas. Wochenlang bietet sich eine Szenerie, die ich noch so deutlich vor Augen sehe, als sei es gestern gewesen: Ein 110 Meter langes Schiff liegt bei St. Goarshausen im Rhein. Es wird umrahmt von riesigen Schwimmkränen. Auf dem Schiff und drum herum sind Experten und Rettungskräfte zu sehen. Und Schaulustige säumen die Ufer.

Maximilian Eckhardt
Maximilian Eckhardt
Jens Weber. MRV

Was ist die Ursache der Havarie? Wie hoch ist der Schaden? Was wurde aus den Besatzungsmitgliedern? Fragen über Fragen, die ich mir seinerzeit stelle. Und die ich als junger Redakteur beantworten will. Zu dem Zeitpunkt ahne ich jedoch nicht, dass mich das Thema über Jahre hinweg beschäftigen wird - und immer wieder Gegenstand der Berichterstattung sein wird. Letztlich wird es auf alle Fragen eine Antwort geben, nur auf eine nicht, die mich noch heute umtreibt.

Rückblick: Rettungskräfte beider Rheinseiten sind am Morgen des Unglücks im Einsatz. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, um die vier Besatzungsmitglieder zu retten. Die Überlebenschancen im eiskalten Wasser sind gering. Völlig durchnässt sitzt ein Matrose auf dem Schiffsrumpf, mutige Beamte der Wasserschutzpolizei retten ihn. Er ist unterkühlt und schwer verletzt. In der Dämmerung dreht sich das havarierte Schiff auf die Backbordseite. Ein zweites, ebenfalls schwer verletztes Crewmitglied wird sechs Kilometer talabwärts bei Bad Salzig aus dem Rhein gefischt. Der Mann hatte sich mit letzter Kraft an abgerissenen Schiffsteilen festgeklammert. Zwei Mann der vierköpfigen Schiffsbesatzung werden noch vermisst. Aber an diesem Tag wird niemand mehr gefunden.

Schicksal bleibt ungeklärt

Die „Waldhof“ hat 2400 Tonnen Schwefelsäure geladen. Nun droht der Tanker zu zerbrechen. Es sind herausfordernde Tage für den Krisenstab und die Rettungskräfte. Letztlich lässt sich die Katastrophe abwenden. Einen Monat nach der Havarie ist die Bergung geglückt. Doch etwas trübt die Stimmung: Im Inneren des Schiffes wird die Leiche eines 63-jährigen Crewmitglieds gefunden. Der vierte Mann, der 31-jährige Schiffsführer, ist mitsamt Steuerstand von der starken Strömung weggespült worden. Und bleibt verschwunden. Was aus ihm wurde, darauf wird es wohl nie eine Antwort geben. Leider. Mehrere groß angelegte Suchaktionen verlaufen erfolglos. Er hinterlässt zwei Kinder. Noch heute kommen die Angehörigen Jahr für Jahr an die Loreley, um Blumen niederzulegen. Auch wenn ich nie wusste, wer er war, so denke ich bis heute an ihn.

Der Autor

Maximilian Eckhardt (Jahrgang 1985) hat bei der Rhein-Zeitung in Koblenz und Mayen volontiert. Als Lokalredakteur schrieb er einige Jahre für die Rhein-Hunsrück-Zeitung in Simmern. Schwerpunkt seiner Berichterstattung waren historische Themen, Kommunalpolitik sowie Gerichtsprozesse. Nach dem Wechsel im Sommer 2013 in die Zentralredaktion nach Koblenz schlossen sich verschiedene Aufgaben an, als Online-Redakteur, als Regio-Chef-vom-Dienst (Online) bis hin zum Leiter der Online-Redaktion ab 2020. Seit Mai 2022 ist er Mitglied der Chefredaktion. Als Leiter Digitales verantwortet er gemeinsam mit seiner Kollegin Nina Borowski den digitalen Auftritt der Rhein-Zeitung und dessen Weiterentwicklung mitsamt allen redaktionellen Produkten (Webseite, Newsletter, Social Media, Podcast, Video etc.). Seit Juni 2023 engagiert er sich im Vorstand von HELFT UNS LEBEN, der Hilfsorganisation der Rhein-Zeitung, die Kinder und Familien in Not unterstützt.

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