Lesermarkt und Marketing
Die Kunst, dem Leser zu begegnen, wo er gerade ist
Ein starkes Team (hinten, von links): Christiane Götsch, Björn Gerteis, Marlen Scheu, Johanna Berns, Julia Wilke, (vorn, von lin
Ein starkes Team (hinten, von links): Christiane Götsch, Björn Gerteis, Marlen Scheu, Johanna Berns, Julia Wilke, (vorn, von links): Carlos Alexandre, Stephanie Arend, Hiral Doshi, Lena Kösters-Berkele, Vesena Korff, Maria Klug. Es fehlen auf diesem Bild: Sabine Westermayer, Sarah Fritz und Susanne Dany.
Jörg Peter Herrmann

Traditionsreich und gleichzeitig innovativ? Genauso beschreibt Lesermarkt- und Marketing-Chef Björn Gerteis die Aufgabe seines Teams. Im Gespräch mit Chefredakteur Lars Hennemann gibt er einen Ausblick auf künftige Produkte des Verlages.

Lesezeit 8 Minuten

Traditionsreich und in der Region verwurzelt, gleichzeitig innovativ und auf vielen Feldern Vorreiter spannender Entwicklungen – so beschreibt Björn Gerteis, Leiter Lesermarkt und Marketing, im Gespräch mit unserem Chefredakteur Lars Hennemann die Aufgabenstellung seines Teams. Und er wagt einen Blick in die Glaskugel: Wie werden wohl die Produkte und Angebote des Verlages beim nächsten runden Geburtstag in zehn Jahren aussehen?

Herr Gerteis, was bedeutet heutzutage in einem modern aufgestellten regionalen Medienhaus eigentlich Vermarktung?

Vermarktung – das war früher ein überschaubares Geschäft: Man hatte ein Produkt, die gedruckte Tageszeitung, und einen Vertriebsweg, den Träger, der sie morgens vor die Haustür oder in den Briefkasten legte. Heute ist Vermarktung im Grunde die Kunst, dem Leser dort zu begegnen, wo er ohnehin schon ist – auf dem Smartphone in der Bahn, am Frühstückstisch mit dem Tablet, abends auf dem Sofa mit dem Laptop. Vermarktung bei einem regionalen Medienhaus wie der Rhein-Zeitung heißt: zuhören, beobachten, verstehen, was Menschen in unserer Region wirklich bewegt – und daraus Angebote zu entwickeln, die in deren Lebensrealität passen. Und diese wird zunehmend digitaler. Konkret bedeutet das, dass wir heute Zugang zu einem ganzen digitalen Ökosystem schaffen: zu unserer App, zum E-Paper, zum Webportal mit RZ+, zu Podcasts, Newslettern. Vermarktung ist damit zur Schnittstelle zwischen Redaktion, Technik, Daten und Kundenservice geworden – ein hochintegratives Feld, in dem es darum geht, Inhalte und Erlebnisse so zu verpacken, dass sie für unterschiedliche Zielgruppen jeweils relevant und attraktiv sind. Und ehrlich gesagt: Es ist auch das Feld, auf dem sich entscheidet, ob unabhängiger Lokaljournalismus in zehn oder zwanzig Jahren noch finanzierbar ist.

Lassen Sie uns das Thema Produkte und Abonnements noch ein wenig vertiefen: Auf welche Weisen kann man denn heutzutage Kunde bei der Rhein-Zeitung werden?

Die ehrliche Antwort lautet: auf so vielen digitalen Wegen wie nie zuvor – und das ist Absicht. Wir haben uns von der Idee verabschiedet, dass es das eine Standard-Abo gibt, das für alle passt. Stattdessen denken wir in Zugängen, die zur jeweiligen Lebenssituation passen. Im Zentrum unseres Angebots steht heute die neue RZ-App – ein mobil optimierter Zugang zu allen Inhalten, Podcasts, elf regionalen Ausgaben von Koblenz über den Westerwald bis in den Hunsrück und einem Newsfeed, der sich auf das Lesen am Smartphone wirklich einstellt. Ergänzt wird das durch RZ+, unser digitales Premium-Angebot im Web, das Hintergrundberichte, Reportagen und exklusive Recherchen freischaltet. Wer es lieber klassisch mag, greift zum E-Paper – das ist die originale Zeitungsoptik in digitaler Form, mit Zoomfunktion, Vorlesemodus und Archiv. Und natürlich gibt es auch das gedruckte Abo nach wie vor, für all jene, die das morgendliche Ritual des Zeitungsblätterns nicht missen möchten. Für alle, die erst einmal hineinschnuppern wollen, gibt es Probezugänge, kostenlose Newsletter und unsere Podcasts. Die Eintrittshürde ist also bewusst niedrig – wir wollen, dass guter Lokaljournalismus für möglichst viele zugänglich bleibt. Und wir wollen, dass jeder den Weg findet, der zu seinem Alltag passt.

Björn Gerteis, Leiter Lesermarkt und Marketing
Björn Gerteis, Leiter Lesermarkt und Marketing
Björn Gerteis

Bekomme ich bald gar keine Zeitung mehr von der Rhein-Zeitung? Was bekomme ich stattdessen? Oder ist das alles gar nicht so schwarz-weiß?

Es ist tatsächlich alles andere als schwarz-weiß – im wahrsten Sinne des Wortes. Die gedruckte Rhein-Zeitung wird es selbstverständlich auch in den kommenden Jahren geben. Sie ist für viele unserer Leserinnen und Leser ein Stück Heimat, ein verlässlicher Begleiter durch den Tag. Aber: Die Dynamik liegt eindeutig im Digitalen, und das aus guten Gründen. Eine App kann mir morgens um halb sieben die wichtigsten Meldungen aus meinem Stadtteil als Push-Nachricht aufs Display bringen – das schafft kein Druckprodukt der Welt. Ein Podcast lässt mich die Hintergründe einer kommunalpolitischen Entscheidung beim Joggen oder im Auto verfolgen. Das sind Erlebnisse, die das Gedruckte nicht leisten kann, und die wir mit jeder Iteration unserer digitalen Produkte besser machen. Mein Bild ist eher das eines Kontinuums: Auf der einen Seite die klassische Zeitung, auf der anderen rein digitale Formate – und der Schwerpunkt unserer Investitionen, unserer Aufmerksamkeit und unserer Innovationskraft liegt eindeutig auf der digitalen Seite. Nicht, weil wir die Zeitung abschaffen wollen, sondern weil dort die Zukunft des Lokaljournalismus stattfindet.

Wie hilft mir die Rhein-Zeitung beim Umstieg auf ein Digitalprodukt?

Das ist uns ein echtes Anliegen, weil wir wissen: Der Schritt vom gedruckten zum digitalen Lesen ist für viele kein technisches, sondern ein emotionales Thema. Es geht um Gewohnheiten, manchmal um Jahrzehnte alte Routinen – und um Vertrauen darauf, dass man sich auf einem Tablet oder in einer App genauso gut zurechtfindet wie auf der vertrauten Doppelseite.

Deshalb setzen wir auf mehrere Ebenen der Unterstützung. Unsere digitalen Produkte sind bewusst so gestaltet, dass sie keine Hürden aufbauen: Das E-Paper sieht aus wie die Zeitung, blättert sich auch so – nur dass man hineinzoomen, Artikel speichern oder die Vorlesefunktion nutzen kann. Die App ist klar strukturiert, mit großen Schaltflächen, gut lesbarer Typografie und einer Navigation, die auch dem digitalen Einsteiger schnell vertraut wird. Dazu kommt unsere persönliche Beratung: Der Kundenservice nimmt sich die Zeit, gemeinsam mit Leserinnen und Lesern das passende Endgerät und den passenden Zugang zu finden, und wir bieten regelmäßig Sprechstunden und kleine Workshops an, in denen die ersten Schritte gezeigt werden.

Auch unsere Kommunikation rund um Veränderungen ist darauf ausgelegt, niemanden zurückzulassen. Wer Fragen hat, bekommt eine Antwort. Wer Unterstützung braucht, bekommt sie. Das ist für uns keine Marketingfloskel, sondern Selbstverständnis – denn ein Digitalprodukt, das nur die Hälfte unserer Leser bedienen kann, wäre keines, auf das wir stolz sein könnten.

Welche Zielgruppen sprechen Sie und Ihr Team heute schon besonders an und welche könnten in Zukunft vielleicht noch dazu kommen?

Unsere Kernleserschaft ist nach wie vor das, was man klassisch die regional verwurzelte, an lokalen Themen interessierte Bürgerschaft nennt – Menschen, die wissen wollen, was im Stadtrat verhandelt wird, wer das letzte Spiel der TuS gewonnen hat, wo gebaut wird und welche Veranstaltungen am Wochenende stattfinden. Diese Leserschaft ist das Rückgrat eines jeden Regionalverlags. Im Digitalen kommen aber zunehmend Gruppen dazu, die wir mit Print kaum erreicht haben. Da sind die jüngeren Berufstätigen zwischen 25 und 40, die digital affin sind, sich für ihre Region interessieren, aber mit gefalteten Zeitungen wenig anfangen können. Da sind die Studierenden und jungen Erwachsenen, für die vor allem unser RZ+-Angebot interessant ist. Hier starten wir demnächst eine extrem spannende Offensive.

Interessant sind auch die Zugezogenen und Pendler, die in unsere Region kommen oder hier arbeiten, ohne hier verwurzelt zu sein. Sie haben einen Informationsbedarf – nur eben oft auf anderen Kanälen, mit anderen thematischen Schwerpunkten. Und nicht zu vergessen: Familien, denen wir mit altersgerechten digitalen Angeboten den Zugang zu Nachrichten und Wissen erleichtern können. Stichwort Medienkompetenz – ein Feld, auf dem regionale Medienhäuser eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielen können, gerade wenn anderswo Desinformation und algorithmische Verzerrung zunehmen.

Macht es einen Unterschied, in einem und für ein Medienhaus zu arbeiten und wenn ja welchen?

Ja, und der Unterschied ist erheblich. In einem Medienhaus zu arbeiten heißt, dass man Teil von etwas ist, das über das eigene Tagesgeschäft hinausgeht. Wir produzieren keine Schrauben, wir verkaufen keine Versicherungen – wir stellen Öffentlichkeit her. Und das ist, gerade in diesen Zeiten, eine Aufgabe von ziemlicher gesellschaftlicher Tragweite.

Konkret bedeutet das: Jede Entscheidung, die wir auf der Vermarktungs- oder Produktseite treffen, hat auch eine publizistische Dimension. Wenn wir einen Paywall-Mechanismus anders bauen, beeinflusst das, welche Artikel wie viele Menschen erreichen. Wenn wir entscheiden, in welche App-Funktionen wir investieren, entscheiden wir damit auch, wie Lokaljournalismus in fünf Jahren aussehen wird. Wenn wir einen Newsletter neu aufsetzen oder einen Podcast starten, schaffen wir damit nicht nur ein Produkt, sondern eine neue Form des Gesprächs mit der Region. Diese Doppeldeutigkeit – kommerzielles Handeln, das immer auch publizistische Folgen hat – ist herausfordernd, aber auch ungemein motivierend.

Und es gibt diesen ganz besonderen Stolz, wenn man in der Region unterwegs ist und merkt: Was wir hier machen, hat Resonanz. Bei der Vereinsversammlung, im Wahllokal, am Stammtisch – die Rhein-Zeitung ist Gesprächsstoff, in welcher Form auch immer sie konsumiert wird.

Was zeichnet die Rhein-Zeitung Ihrer Meinung nach ganz besonders aus?

Wenn ich es auf eine Formel bringen müsste: die Verbindung von Bodenständigkeit und digitaler Innovationsfreude. Die Rhein-Zeitung ist tief in der Region verwurzelt – wir sind seit Jahrzehnten Teil des öffentlichen Lebens zwischen Mittelrhein, Westerwald, Eifel und Hunsrück. Diese Nähe zu den Menschen, zu den Themen, zu den Vereinen und Institutionen ist unser eigentliches Kapital. Kein überregionales Medium, kein Algorithmus aus dem Silicon Valley kann das leisten, was unsere Lokalredakteure jeden Tag tun: hingehen, zuhören, einordnen.

Gleichzeitig sind wir aber auch ein Medienhaus, das in Sachen Digitalisierung eine bemerkenswerte Vorreiterrolle hat. Das E-Paper haben wir schon vor 25 Jahren eingeführt – als andere Verlage noch nicht einmal eine eigene Website hatten. Diese Mischung – traditionsreich, aber nicht traditionalistisch; verwurzelt, aber nicht verkrustet; lokal in der Sache, modern in der Form – ist das, was die Rhein-Zeitung von vielen anderen Häusern unterscheidet. Und nicht zu vergessen: Wir sind ein unabhängiges Verlagshaus, kein Teil eines großen Konzerns. Das bedeutet, dass Entscheidungen vor Ort getroffen werden, von Menschen, die hier leben, hier ihre Kinder zur Schule schicken, hier wählen gehen. Diese Verankerung ist unbezahlbar – analog wie digital.

Lassen Sie uns zum Abschluss nach vorne schauen: 85 Jahre oder 90 Jahre Rhein-Zeitung – wie wird der Verlag diese Jubiläen begehen, und wie werden sich die Produkte und Angebote bis dahin noch weiterentwickelt haben?

Eine schöne Frage zum Abschluss – und eine, bei der ich ehrlich sein muss: Vorhersagen über solche Zeiträume in unserer Branche sind ein gewagtes Unterfangen. Wer hätte 2015 ernsthaft prognostiziert, wo wir heute mit KI, Streaming und mobilem Mediennutzungsverhalten stehen? Trotzdem will ich es versuchen. Zum 85. oder 90. Jubiläum wird die Rhein-Zeitung mit großer Wahrscheinlichkeit ein primär digitales Medienhaus sein – mit einer hochpersonalisierten App, die Inhalte nach individuellen Interessen kuratiert, ohne dabei die journalistische Vielfalt zu verlieren. Mit audiovisuellen Formaten, die unsere Region erlebbar machen: Erklärvideos zur Kommunalpolitik, immersive Reportagen aus den Weinbergen, Live-Streams von Stadtratssitzungen, Podcasts, die das aktuelle Tagesgeschehen einordnen. Vielleicht mit Augmented-Reality-Anwendungen, die Stadtgeschichte direkt vor Ort erfahrbar werden lassen, wenn man mit dem Smartphone durch Koblenz oder Bad Kreuznach läuft. Künstliche Intelligenz wird im Hintergrund vieles übernehmen, was heute noch manuelle Routinearbeit ist – aber im Vordergrund werden, davon bin ich überzeugt, immer noch Menschen stehen: Reporterinnen, die vor Ort recherchieren, Redakteure, die einordnen, Kolleginnen aus dem Lokalsport, die wissen, wer in der Kreisliga das nächste Talent ist.

Die Jubiläen selbst werden wir feiern, wie es sich für ein Haus gehört, das mit Region und Menschen verbunden ist: nicht nur in eigener Sache, sondern mit der Region. Mit großen Veranstaltungen, mit interaktiven digitalen Rückblicken, die zeigen, wie sehr sich diese Landschaft in einem Menschenleben verändert hat – und mit einem Ausblick, der deutlich macht, dass die Rhein-Zeitung auch in 85 oder 90 Jahren das sein will, was sie immer war: die Stimme einer Region, die sich nicht verstecken muss. Auf welchem Bildschirm auch immer.

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Zeitgeschichte

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