Ich sollte wegen meines Berufes mindestens zwei Mal nach Strich und Faden verprügelt werden, weil dem einen oder anderen meine Fragen nicht passten. Als in Paris im Jahr 2000 die Concorde abstürzte, weinte ich als junger Journalist an einem Küchentisch mit Hinterbliebenen. Und als nach der Ahrtal-Katastrophe gefühlt die halbe rheinland-pfälzische Landespolitik der Öffentlichkeit einreden wollte, dass man die lange geleugneten Hubschrauberbilder aus der Flutnacht niemals zeigen werde, habe ich – allein, am heimischen Schreibtisch, wo mich niemand sah – wütend mit der flachen Hand auf den Tisch gehauen und zu mir selbst gesagt: „Das wollen wir doch mal sehen.“
Journalismus lässt, wenn er relevant sein soll, nicht gleichgültig. Diejenigen, die schreiben, und diejenigen, die beschrieben werden. Da kommt im Lauf einiger Berufsjahrzehnte so einiges zusammen. Angst aber hatte ich eigentlich nie. Fast nie. Nur einmal doch, in diesem Haus in Friedrichsthal im Saarland.

Meine Kollegen und ich haben dieses Haus oft beschrieben. Es gehörte Edmund Dillinger, einem ehemaligen Priester des Bistums Trier, der dort 2022 im Alter von 77 Jahren verstarb. Sein Neffe Steffen fand im Haus unter Bergen aus Unrat und Kitsch Fotos und anderes Material, das schon nach kurzem Anschauen den Verdacht des vielfachen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen sichtbar werden lies. Durch Edmund Dillinger, in diesem Haus und an anderen Orten.
Der Ekel, der dabei zunehmend in meine Kehle stieg, rührte nicht nur von dem her, was ich mir anschaute. Vor allem kam er aus dem Haus selbst. Der Geruch, der Schmutz, dazwischen Kutten, Kruzifixe und Kerzen – eine einzige Müllhalde tiefer Tragik und entseelten Scheiterns, auf drei Etagen. Und dann war da noch der stockdunkle Keller, wie der finale Level in einem Computerspiel, in dem immer die Endgegner lauern. Ich hatte Angst, was wir dort wohl finden mochten.
Der Fall Dillinger hat seine Geheimnisse bis heute nicht vollständig preisgegeben. Die Tagebücher des Priesters wurden auf höchst merkwürdige Weise fast vollständig vernichtet. Der Trierer Bischof mochte sich an Dillinger nicht wirklich erinnern. Die bischöflichen Personalakten auf über 100 Seiten wenig später doch. Und weder Staatsanwälte noch Sonderermittler konnten bislang die Existenz des Täternetzwerks belegen, dessen Teil Dillinger gewesen sein soll.
Ein ehemaliger Priester des Bistums Trier hat offenbar über Jahrzehnte sexuellen Missbrauch betrieben und diesen fotografisch dokumentiert. Sein Neffe Steffen Dillinger findet die erschütternden Belege und gerät danach selbst in einen Krimi.
Die Abgründe des Ehrendomherrn: Priester des Bistums Trier missbrauchte und fotografierte seine Opfer
Ich werde nicht wütend, wenn sich wieder einmal eine Spur zu diesem Netzwerk als Sackgasse oder vermauert erweist. Aber jedes Mal steigt mir dann dieser Geruch in die Nase, dieser Geruch aus dem Haus. Schimmel, fauliges Rosenwasser, dreckige Unterwäsche, Mottenpulver. Ein Cocktail aus allem, was falsch ist.
Dass die Recherche dennoch stetig weiterging, ist denjenigen zu verdanken, die doch reden. Den Opfern und denjenigen, die sich heute als Betreuer, Verwandte, Therapeuten oder Anwälte um sie kümmern. Manche Gespräche brechen schon nach Minuten wieder ab. Manche werden laut, und längst nicht aus allen findet das Gehörte und Gesagte seinen Weg auf Papier und Displays.
Im Missbrauchsfall um den katholischen Priester Edmund Dillinger kommen weitere Details ans Licht – Dillingers Neffe appelliert eindringlich an das Bistum Trier, die bisherige Haltung zu überdenken.
Missbrauchsfall Edmund Dillinger: Neffe fühlt sich bei Aufarbeitung von Kirche alleingelassen
Aber es bleibt genug für ein Bild. Die Opfer erzählen so detailliert, dass es schwerfällt, zu glauben, jemand könne sich das alles ausdenken. Noch nicht einmal die Kirche behauptet das. Sie zahlt vielmehr – wenn sie muss. Aber weil sie das immer einzeln und diskret abwickelt, entsteht auch darüber kein Bild eines Netzwerks. Obwohl offizielle Stellen von über 2800 Priestern sprechen, die man bei einer Betrachtung über Jahrzehnte wohl als Täter einstufen muss.
Wir haben seinerzeit nichts gefunden in jenem Keller in Friedrichsthal, außer Staub, kaputten Möbeln und Einmach-Gläsern mit grotesk verschrumpeltem Inhalt. Die Angst war unbegründet. Für mich führte der Weg aus der Dunkelheit zurück ins Licht nur über eine einzige Stiege. Loslassen wird mich das Haus aber nicht mehr. Weil es andere gibt, in denen das Dunkel immer noch wohnt. Es quält die Opfer und schützt weiterhin Mitwisser und vor allem Täter. Man sieht sie nicht. Aber ihr Geruch verrät sie.
Der Autor
Lars Hennemann, Jahrgang 1968, ist seit 2021 Chefredakteur der Rhein-Zeitung. Er hat in Mainz Publizistik, Anglistik und Politikwissenschaft studiert, bevor er Volontär bei der „Allgemeinen Zeitung“ Mainz (VRM) wurde. Es schlossen sich verschiedene Stellen bei der VRM an, vom landespolitischen Redakteur über Lokalchef bis zum Chefredakteur Hessen für das „Darmstädter Echo“, den „Wiesbadener Kurier“ und die „Wetzlarer Neue Zeitung“. Mit seinem Wechsel zum Mittelrhein-Verlag nach Koblenz verantwortet er heute elf Zeitungsausgaben. „Dieser Beruf ist für eine Demokratie und das Zusammenwirken einer freien Gesellschaft wichtig und unverzichtbar“, sagt er über seinen Beruf. „Ich möchte hinter manche Kulisse leuchten, in manche Ecke, die ohne Journalisten dunkel bliebe.“


