Loni Weber, eine Institution
Die heimliche Bürgermeisterin in Ockenfels
Loni Weber war in Ockenfels eine Institution.
Loni Weber war in Ockenfels eine Institution.
Archiv Sabine Nitsch. Sabine Nitsch

Auch mit 80 Jahren hatte Loni Weber die „Schlüsselgewalt“ in Ockenfels. Sie kümmerte sich um alles und jeden im Dorf. Loni Weber war eine Institution.

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Ich muss zugeben, dass ich zunächst wenig begeistert war, als ich den Auftrag erhielt, Loni Weber aus Ockenfels zu porträtieren. Die Dame sei gerade 80 geworden und so etwas wie die heimliche Bürgermeisterin des Dorfes. Ich stellte mich auf einen anstrengenden Nachmittag bei dünnem Kaffee und trockenen Keksen ein, bei dem es eine Herausforderung sein würde, ein Interview zu führen. Es kam völlig anders. Ich denke noch heute gerne an den Nachmittag 2008 zurück, der mir vor Augen führte, dass die besten Geschichten und Begegnungen mit beeindruckenden Menschen dort zu finden sind, wo man sie am wenigsten vermutet.

Sie war die erste Adresse im Dorf, wenn es um Rat und Hilfe ging

Ich klingelte in der Hauptstraße, und eine kleine, drahtige Person mit strahlenden, verschmitzten Augen öffnete schwungvoll die Haustür. Mit der einen wohl manikürten Hand, mit lachsfarbenen Fingernägeln, hielt sie ein Handy ans Ohr, in der anderen eine Zigarette, mit der sie mich hereinwinkte. Ihr Wohnzimmer, so wurde schnell klar, war die „Einsatzzentrale“ des Dorfes, von wo aus sie die Geschicke der Linzer Berggemeinde steuerte. „Der Chef ist jetzt Verbandsbürgermeister“, beantwortete sie die Frage, die mir offenbar ins Gesicht geschrieben stand. „Ich kümmere mich um alles“, sagte sie. Das war wörtlich zu nehmen. Sie war Anlaufstelle für kleinere und größere Probleme ihrer Mitbürger und erste Adresse, wenn es um Rat und Hilfe ging.

Unsere Redakteurin Sabine Nitsch
Unsere Redakteurin Sabine Nitsch
Wolf-Gatow Gatowgrafie. WOLF-GATOW GATOWGRAFIE

Das Alter schien für sie nur eine Zahl zu sein. Von Ruhestand keine Spur. Das Telefon klingelte, gleichzeitig schaute der Schornsteinfeger vorbei. Denn sie hatte die Schlüsselgewalt über alle öffentlichen Türen am Ort. „Alles in Ordnung“, vermeldete der Schornsteinfeger, während sie schon wieder ans Telefon gerufen wurde. Multitasking? Kein Problem für Loni, da hatte sie schon ganze andere Sachen bewältigt.

Als Mutter von fünf Kindern engagierte sie sich 40 Jahre in der Politik, davon 15 Jahre im Gemeinderat. „Der Sache wegen. Ich wollte was bewegen“, sagte sie. Sie gründete die erste Krabbelgruppe, setzte sich für den Bau des Kindergartens ein und brachte den Jugendtreff auf den Weg. Ihre Aktivitäten beschränkten sich jedoch nicht aufs Dorf. „Nach dem Fall der Mauer hab ich denen in der Partnergemeinde in Thüringen erst mal gezeigt, wie man Wahlkampf macht“, erinnert sie sich strahlend. Mir drängte sich der Verdacht auf, dass ihr Tag irgendwie mehr als 24 Stunden haben muss.

„Jugendliche müssen etwas Sinnvolles tun können.“
Loni Weber

Hilfstransporte nach Polen oder Rumänien hat sie organisiert und ist natürlich auch mitgefahren. An dem Nachmittag erzählte sie auch, wie das Leben früher im Dorf war und sie hatte eine ganz klare Haltung zu dem, was sie glaubte, was Kinder brauchen und was definitiv heute schiefläuft. „Jugendliche müssen etwas Sinnvolles tun können“, betonte sie und wurde plötzlich wehmütig. „Ich mache das hier noch ein, maximal zwei Jahre, dann gehe ich ins Altenheim“, erklärte sie resolut und ließ durchblicken, dass sich eine Demenz bei ihr angekündigt hatte. 2014 starb Loni Weber im Alter von 86 Jahren im Linzer Seniorenheim.

Die Autorin

Sabine Nitsch hat Biologie und Kunst an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn studiert, bevor sie in den Journalismus wechselte. Ihre erste Station war die „Bonner Rundschau“. Als ihre Kinder kamen, arbeitete sie als freie Journalistin für verschiedene Medien, betreute die Pressearbeit für eine Tagungshotelkette und arbeitete für den Hörfunk. Seit 2005 berichtet sie für die RZ aus dem nördlichen Teil des Landkreises Neuwied. Darum ist sie Journalistin geworden: „Man darf in diesem Beruf professionell neugierig sein, auf Menschen, auf Schicksale, auf Lebenswege. Man lernt immer wieder faszinierende Menschen kennen und darf hinter so manche Kulisse schauen, die sonst für die Öffentlichkeit verborgen bleibt. Als Journalistin darf man auch so etwas wie der Anwalt der Menschen sein, ihre Interessen vertreten, indem man zum Beispiel auf Missstände aufmerksam macht. Manchmal gelingt es, den Menschen so Gehör zu verschaffen, die sonst kein Gehör finden.“

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Zeitgeschichte

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