Jener 20. April war der Karsamstag des Jahres 1946. „Osterzeit ist in vielem Sinnbild des Neuentstehens“, heißt es unter anderem. Optisch ziert die Erstausgabe eine Zeichnung des Künstlers Heinrich Reifferscheid (1872- 1945), der sich in den letzten Jahren seines Wirkens in Niederdollendorf bei Bonn den „Rheinlandschaften“ widmete. Kurz und knapp, mitunter mit nur einem Satz, sind zudem nachrichtlich sieben Kurzmeldungen notiert. Und – rechts und links neben dem Titelkopf – die Zustellgebühren für die zunächst drei Erscheinungstage Montag, Mittwoch und Samstag (1,80 Reichsmark) sowie die Preise für Anzeigen, die in Millimetern abgerechnet werden – und nur gegen Ausweis durch die Kennkarte, dem damals (noch) gültigen Identitätsausweis.
Das Geleitwort der Rhein-Zeitungin der ersten Ausgabe
Aus unzähligen Wunden blutet Europa, blutet Deutschland, blutet unsere rheinische Heimat. Die Taten weniger Wahnsinniger, die da glaubten, eine Welt nach ihrer Willkür formen zu können, führten zur fast völligen Auslöschung aller Ordnung und weitgehenden Vernichtung unserer in Jahrtausenden aufgebauten Kultur. Das Leben besonders hier am Rhein mit seinen von Natur aus fröhlichen Menschen wurde unter der Geißel des Hitlerismus zu einem Höllendasein. Vernichtet wurde, was den Menschen lieb und teuer war, mag es gut gewesen sein oder schlecht. Wir fragen nicht, ob es notwendig war, dass wir erst durch ein Meer von Blut und Tränen gehen mussten. Wir kennen die Ursachen und sehen die Dinge, wie sie sind. Keiner Illusion geben wir uns hin. Wir wissen, dass es nicht leicht sein wird, die vom normalen Kurs abgewichenen Gemüter wieder auf die rechte Bahn zu bringen, die Gedankenwelt neu zu formen und dass es immenser Kraft bedarf, den geistigen, seelischen und materiellen Schutt wegzuräumen.
Viele sind am Werk, freizulegen, was verschüttet wurde, wieder aufzubauen, was vernichtet wurde, neu zu schaffen, wo Altes nicht wieder erstehen kann. Einen wesentlichen Anteil an dieser Arbeit, die zum Segen unserer Heimat gereichen soll und darüber hinaus auch zum Wohle Deutschlands und Europas, hat zweifellos die Presse, wenn sie wahr ist, das heißt aufklärend und bildend. Das braucht nicht besonders betont zu werden, obwohl wir mehr als ein Jahrzehnt hinter uns haben, in dem selbstverständliche Dinge als überlebt abgetan wurden und den Menschen Sinn und Gefühl für Realitäten genommen wurde.
Langsam, durch technische, personelle und andere Schwierigkeiten gehemmt, entstehen wieder Zeitungsverlage und bedienen die nach Wahrheit, nach Aufklärung dürstenden, nach notwendigem Lesestoff verlangenden Menschen. Die Aufgabe der Männer und Frauen, die sich dieser Tätigkeit widmen, ist schwieriger denn je. Umso größer ist die Verantwortung.
Dem bereits wieder vorhandenen, zurzeit noch lichten Blätterwald, in dem vielleicht mancher junge Stamm nie zur Reife des Baumes heranwachsen wird, schließt sich diese Zeitung an. Als echte Rheinzeitung wird sie ohne Falsch sein, wie es dem rheinischen Charakter entspricht. Ihre Aufgabe, Wegbereiter zu sein für eine schönere Zukunft, wird sie nicht nur zu lösen versuchen durch getreue Wiedergabe des Weltgeschehens, durch Herantragung des Gedankengutes der Kulturschaffenden, voran das der Künstler, sondern auch durch wesentliche Anregungen auf allen Gebieten des Lebens. Dass sie als rheinländische Zeitung die rheinischen Belange voranstellt, ist ihre besondere Aufgabe. Das bedeutet nicht Abschließung nach außen, Einengung des Interessenkreises, sondern Beziehung einer Position, von der allein aus wir Rheinländer unser Geschick meistern werden zum eigenen und anderer Völker Segen. Als demokratische und parteipolitisch neutrale Zeitung wird sie den in ihrem Verbreitungsgebiet vorhandenen deutschen Parteien Raum geben, damit auch die, die noch keine eigenen Korrespondenzen haben, mit ihren Meinungen und ihrem Wollen an das rheinische Volk herantreten können.
Möge die Rhein-Zeitung zu den Herzen des Volkes finden, aus dem sie entstanden ist und für das sie sich einsetzen wird.

