Es gibt diese Momente im Journalismus, die alles verschieben. Die Ahrflut im Juli 2021 war so ein Moment. Nicht nur für die Menschen im Tal – sondern auch für diejenigen, die darüber berichtet haben. Plötzlich war da kein „Thema“ mehr, sondern eine Katastrophe: 135 Tote, zerstörte Existenzen – und das alles nicht irgendwo weit weg, sondern vor unserer Tür. Und damit begann ein Dilemma, das viele Kolleginnen und Kollegen bis heute begleitet: Wie berichten wir über Leid, wenn wir mittendrin stehen? Wenn persönliche Betroffenheit sich nicht einfach zur Seite schieben lässt?
Als Regio-Chefin in unserer Zentralredaktion gehörte ich damals zu denen, die die Berichterstattung koordiniert haben. Ich war selten direkt am Ort. Aber ich erinnere mich an Telefonate mit Kolleginnen und Kollegen „draußen“, die entweder mit großer Stille begannen oder darin endeten – weil Erschöpfung, Betroffenheit oder auch Wut so groß waren, dass Worte fehlten.

Uli Adams, damals Redaktionsleiter in Ahrweiler, hat später in einem Interview genau diesen Zustand beschrieben: Man kommt als Journalist ins Katastrophengebiet – und merkt schnell, dass man nicht nur Beobachter ist, sondern Teil der Situation. Gespräche finden zwischen Schlamm, Tränen und improvisierten Küchen statt. Die Distanz, die der Beruf eigentlich verlangt, wird brüchig.
Zugleich sahen wir uns mit Erwartungen konfrontiert, die kaum zu erfüllen waren. Journalismus soll erklären, einordnen, prüfen. Im Katastrophenmoment wird er aber auch zur Projektionsfläche: für Hoffnung, für Wut, für den Wunsch nach Hilfe. Warum kommen die mit Zettel und Stift – und nicht mit Eimer und Schaufel? Eine Frage, die viele von uns getroffen hat. Und die dazu führte, dass nicht wenige nach Feierabend selbst im Helfershuttle saßen oder Kleidung am Nürburgring sortierten.
Berichterstattung ist mehr als ein Produkt
Journalistisch waren die ersten Tage geprägt von Tempo. Informationen waren knapp, Wege zerstört, Netze zusammengebrochen. Der Überblick fehlte, die Menschen suchten Orientierung. In diesen Momenten haben wir verstanden: Berichterstattung ist mehr als ein Produkt. Sie wird Teil der Infrastruktur. In unserem Fall sogar ganz konkret: Gedruckte Ausgaben unserer Zeitung lagen an zentralen Punkten im Ahrtal aus, damit Betroffene überhaupt an verlässliche Informationen kamen.
Die Flut hat uns auch gelehrt, wie wichtig es ist dranzubleiben. Nicht nur im Ausnahmezustand, sondern danach. „Vergesst uns nicht“ – dieser Satz ist im Ahrtal oft gefallen. Wir haben genau das versucht. Und mussten doch erfahren, dass unsere Arbeit Grenzen hat. Denn wir können erzählen, aber nicht reparieren. Wir können sichtbar machen, aber nicht heilen. Vielleicht ist das die nachhaltigste Veränderung, die die Flut uns als Redaktion gebracht hat: Dass wir uns immer wieder bewusst machen, was unser Beruf leisten kann – und was nicht. Und dass das manchmal schwer auszuhalten ist.
Die Autorin
Angela Kauer-Schöneich, Jahrgang 1980, hat nach ihrem Volontariat bei der Rhein-Zeitung ab 2009 zunächst als Reporterin im Kreis Cochem-Zell, dann in der Region Koblenz gearbeitet. 2012 wechselte sie in den überregionalen Teil der Rhein-Zeitung, wo sie als Regio-Chefin und Leiterin Recherche unter anderem für die Verknüpfung regionaler und lokaler Inhalte verantwortlich war. Nach ihrer Elternzeit 2022 kehrte sie 2023 zu ihren beruflichen Wurzeln im Lokalen zurück und leitet zusammen mit einem Kollegen den Redaktionsverbund Rhein-Mosel. Journalistin ist sie geworden, weil sie gern Menschen begegnet, mit ihnen ins Gespräch kommt und versucht, hinter Fassaden zu blicken.


