Ein paar Aktenordner bleiben nach mehreren Jahren Recherche übrig – und die Einsicht, dass die Justiz zwar Recht spricht, aber nicht Gerechtigkeit schaffen kann. Begeistert bin ich 2012 nicht, als der Prozess gegen einen Modelagenten aus dem Kreis Cochem-Zell auf meinem Schreibtisch landet. Die Anklage lautet Kindesmissbrauch, der mutmaßliche Täter ist in der Redaktion seit Jahren bekannt. Schon die Vorbereitung auf den ersten Prozesstag sprengt mein Zeitbudget, Dutzende Artikel gilt es zu lesen. Diese drehen sich um Körperverletzung, die Hells Angels, einen Zahnarzt und eben den berüchtigten Modelagenten. Die Fälle sind undurchsichtig. Doch die Recherche ist keine Vorbereitung auf das, was mich in Gerichtssälen in Cochem, Koblenz und Bonn erwarten wird.
Zwei Fragen beschäftigen mich während der Verfahren intensiv. Warum gelangen Informationen aus Verfahren in Bayern oder Cochem nicht nach Bonn oder Koblenz? Und: Wie tief soll ich selbst in den Fall einsteigen, um ein umfassendes Bild des Missbrauchs von jungen Mädchen in der Modelbranche offenlegen zu können? Dabei fühle ich mich zunächst überfordert. Schon die Einsicht, dass ein Gericht einen Ü-Vierziger nicht wirklich zur Verantwortung ziehen kann, weil er mit minderjährigen Mädchen sexuellen Kontakt hat, muss ich erst mal verarbeiten. Nur der juristische Kniff, dass es sich bei den Mädchen um Schutzbefohlene gehandelt haben könnte – wie bei einem Lehrer und einem Schüler –, bringt die Staatsanwaltschaft weiter.

Hintergrund: Der Modelagent verspricht jungen Mädchen den Einstieg in die Modelwelt. Aus dieser Machtposition heraus gelingt es ihm, die Mädchen zu missbrauchen. Zum Verhängnis wird ihm später, dass ein Kind zum Zeitpunkt des Missbrauchs erst zwölf Jahre alt ist. Hier ist der Fall eindeutig, ein dokumentierter Missbrauch eines Kindes. Später wird er zu mehr als sechs Jahren Haft verurteilt. Ein mildes Urteil, bedenkt man, dass der Angeklagte in Verteidigungsreden den Sex zwischen Erwachsenen und Kindern als „branchenüblich“ darstellte.
Nicht gesühnt wurde, dass der Modelagent Fotos des Missbrauchs zum Verkauf angeboten haben soll. Es dauerte damals nur knapp 30 Minuten, die Bilder der Mädchen und die Offerte im Internet zu finden. Ein Umstand, der Zweifel daran aufkommen lässt, dass die Justiz die Gesellschaft zumindest vor den Menschen schützen kann, die bereits bekannt sind. Nur Monate nach Strafende sah sich der Mann vermeintlich nach neuen Opfern um, diesmal im Ausland. 2021 wurde er erneut festgenommen, ihm wurde die Vergewaltigung einer 18-Jährigen vorgeworfen.
Bonn/Cochem. Der Modelagent von der Mosel, der sich seit Jahren in unzähligen Fällen für den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen verantworten musste, hat vor dem Bonner Landgericht alle ihm zur Last gelegten Taten gestanden.
Sechseinhalb Jahre Haft: Modelagent gesteht
Eine Branche, die aus Träumen und Wünschen von Kindern Profit erwirtschaftet
Heute habe ich den Fall aus den Augen verloren, meine Aufgaben sind andere. Vergessen kann ich den Täter nicht. Geblieben sind Vorbehalte gegenüber einer Branche, die aus den Träumen und Wünschen von Kindern Profit erwirtschaftet. Geblieben ist die Ungläubigkeit, wie einfach die Naivität von Menschen ausgenutzt werden kann. Geblieben ist ein Fall, der mein Berufsleben geprägt hat. Die Aktenordner allerdings sind entsorgt.
Der Autor
Kevin Rühle, Jahrgang 1980, hat in Mainz Volkswirtschaftslehre und Publizistik studiert, entschied sich dann aber für eine Selbstständigkeit als Fotograf und Webdesigner. Während des Studiums begann er, als Pressefotograf für die Rhein-Zeitung zu arbeiten – zuerst in der Cochemer Lokalredaktion, später für den Sport in der Region. Seit 2001 ist der gebürtige Kaisersescher nun für die RZ tätig. 2010 begann Rühle sein Volontariat mit dem Schwerpunkt Fotografie und Gestaltung, 2012 wechselte er als Redakteur in die Cochemer Lokalredaktion. 2023 ist Kevin Rühle in die Digitalredaktion gewechselt, dort kümmert er sich darum, das Thema Video voranzutreiben.


