November 2011, ein Spaziergang im Rheinbett bei der Insel Niederwerth. Da, wo sonst der Fluss dahin strömt, kann man in diesem Herbst über die Felsen staksen, so niedrig steht das Wasser. Doch da, dieses dunkle, metallische Teil, ist das ...? „Oh nein, nicht schon wieder ein Nebelfass!“
Ob es tatsächlich ein Sprengkörper war, den ich damals im Flussbett erspähte, weiß ich gar nicht mehr so genau. An den Reflex kann ich mich aber noch sehr gut erinnern: eine Bombe, nicht schon wieder! Denn davon gab es in den letzten Wochen des Jahres 2011 in Koblenz mehr als genug, und natürlich hielt das auch unsere Redaktion in Atem.

Das ganze Jahr über waren in und um Koblenz immer wieder Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg aufgetaucht. Selten ist das nicht, einmal sagte mir ein Archäologe nur halb im Scherz, dass man eigentlich immer irgendetwas findet, wenn man in Koblenz in die Erde sticht: ein Artefakt von den Römern oder Kelten oder eben eine Bombe. Doch 2011 endete mit einer wahren Bombenflut, die weltweit Schlagzeilen machte.
„ Zu 75 Prozent könnten wir überleben, wenn die Luftmine hochgeht. “
Horst Lenz, damals technischer Leiter des Kampfmittelräumdienstes
Der niedrig stehende Rhein öffnete seine Waffenkammer, und ständig waren neue Funde zu vermelden. Allein zwischen Bendorf und Vallendar wurden sieben Nebelfässer gefunden, eine Bombe musste in Spay entschärft werden. Nachdem in Koblenz-Pfaffendorf schon ein Nebelfass gesprengt worden war, tauchten hier innerhalb kürzester Zeit noch ein Fass, eine Fliegerbombe und eine gewaltige 1,8 Tonnen schwere Luftmine auf. Damals hießt es, dass Luftminen im Zweiten Weltkrieg die größten Kampfmittel waren, die abgeworfen wurden. Ihre Sprengkraft ist gewaltig – und bei der Bombe im Rhein war sie fast vollständig erhalten.
Dementsprechend groß war der Evakuierungsradius: Mehrere Stadtteile auf rechter und linker Rheinseite mussten geräumt werden. Die Sprengung beziehungsweise Entschärfung brachte die größte Evakuierung in der deutschen Nachkriegszeit mit sich: 45.000 Koblenzer, fast die halbe Stadt, mussten am 4. Dezember ihre Häuser verlassen.
Koblenz - Um 13.36 Uhr hat das Warten ein Ende. Halb Koblenz ist evakuiert, die Ordnungskräfte haben die Sperrzone verlassen, der Kampfmittelräumdienst hat die Bomben am Pfaffendorfer Rheinufer vorbereitet: Die Entschärfung beginnt.
Die heiße Phase hat begonnen: Die Bombe in Koblenz wird entschärft
Die Autorin
Stephanie Mersmann, Jahrgang 1979, hat Deutsch und Spanisch in Münster und Valencia, Spanien, studiert. Nach dem Ersten Staatsexamen für das Gymnasiallehramt hätte sie Lehrerin werden können – doch es zog sie schon damals ganz klar zum Journalismus. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung machte sie von 2006 bis 2008 ihr Volontariat und arbeitete infolge an diversen Stellen bei der Rhein-Zeitung, unter anderem lange als Reporterin in der Koblenzer Lokalredaktion. Heute ist sie Mitglied der Redaktionsleitung im Redaktionsverbund Rhein-Ahr und ist hier vor allem für die Berichterstattung aus Stadt und Kreis Neuwied zuständig. Darum ist sie Journalistin geworden: „Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, stellen sich einem viele Fragen: Warum ist das so? Wie funktioniert das? Wer macht so etwas? Als Journalistin habe ich das Privileg, all diese Fragen zu stellen.“


