Im Sommer 2019 mussten sich die Menschen in der Kurstadt Bad Kreuznach mit den weniger schönen Seiten ihrer Stadt beschäftigen: Vor dem Landgericht mussten sich in einer Reihe von Verfahren mehrere junge, meist türkischstämmige Männer verantworten. Die Palette der Vorwürfe war breit: Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung, gewerbsmäßiger Handel mit Betäubungsmitteln, diverse andere Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, über Bedrohung und Nötigung reden wir gar nicht, ein Verfahren drehte sich gar um Menschenhandel.
Begangen wurden diese allesamt von Mitgliedern einer Gruppierung, die sich selbst „No Mercy“ nannte und etwa 25 Mitglieder hatte. So beschrieb es zumindest der Einsatzleiter der Ermittlungsgruppe „Schranken“. Der Name der Polizeieinheit kam nicht von ungefähr, wollte sie doch eben solche der Gruppierung mit dem deutschen Namen „Keine Gnade“ aufzeigen. Und das war auch nötig: Seit 2015 terrorisierte diese Vereinigung, die sich mit Lederkutten und Outlaw-Gehabe wie ein Motorradklub in den sozialen Netzwerken gerierte, das Bad Kreuznacher Nachtleben. Immer wieder gab es brutale Schlägereien, vermeintliche Machtdemonstrationen – und hinterher wurden die Zeugen eingeschüchtert. „Für Bad Kreuznacher Verhältnisse war das einzigartig“, charakterisierte damals der Einsatzleiter der Polizei.

Mit zum Teil langjährigen Haftstrafen endeten die mitunter langwierigen und aufsehenerregenden Prozesse, die ich als Reporter, frisch zur Rhein-Zeitung gewechselt, begleiten durfte. Einer der Angeklagten versuchte sich nebenbei noch als Rapper: Die von ihm besungenen Taten brachten die Ermittler übrigens auf seine Spur. Beim Dreh eines Videoclips alarmierte man die Polizei – damit die eintreffenden Beamten gleich im Video dazu mitspielen konnten. Unfreiwillig, versteht sich.
An unzähligen Prozesstagen drückte ich die mitunter harte Bank des nigelnagelneuen Justizzentrums in Bad Kreuznach. Immer Auge in Auge mit den Beschuldigten (und später fast ausnahmslos Verurteilten), mit den unzähligen Zeugen (fast alle mit Gedächtnislücken) und den anderen Prozessbeobachtern aus dem Milieu.
Sie hatten mich erwartet
Nach einer Verhandlung fuhr ich an die Tankstelle. Und wen traf ich dort? Die Jungs von „No Mercy“. Da waren sie, zwei der Angeklagten, mit ihrer Gang. Insgesamt fünf Leute. Zwei saßen auf einer Kühltruhe. Während des Verfahrens waren sie auf freiem Fuß. Sie hatten mich erwartet. Der „Chef“ sprach mich an. „Du bist doch der Typ von der Presse.“ Das ließ sich nicht abstreiten. „Wir lesen jeden Artikel“, überraschte mich der Rädelsführer. Er bemängelte, dass die Fotos, die ich mir über Umwege „besorgt“ hatte, nicht sehr vorteilhaft für ihn seien. „Das geht doch besser“, so seine Meinung. Das Versprechen, mir bessere Fotos zu schicken, löste er indes nie ein.
Dass einer ihrer Laufburschen ein paar Tage später in die Redaktion gestolpert kam, um ein paar Exemplare der begehrten Zeitungen abzustauben und sich exaltiert mehrfach zu bedanken, sei nur eine Randnotiz.
Der Autor
Marian Ristow, Jahrgang 1983, hat an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz Publizistik und Soziologie studiert. Im März 2017 wurde er als Redakteur beim Oeffentlichen Anzeiger in Bad Kreuznach Teil der RZ-Familie. Zum Start des Jahres 2021 wurde er stellvertretender Redaktionsleiter dieses Titels und blieb es bis 2023. Seit diesem Jahr leitet er den Redaktionsverbund Nahe, zudem neben dem Oeffentlichen Anzeiger auch die Nahe-Zeitung gehört. Bekannt und geschätzt ist seine wöchentliche Kolumne „Randnotizen“.


