An jedem verdammten Sonntag fiel ziemlich genau um 16.45 Uhr der Startschuss für das Rennen gegen die Zeit. In diesem Moment werden bis heute die meisten Fußballspiele in den diversen Amateurklassen abgepfiffen – und in den Lokalsportredaktionen der Rhein-Zeitung begann vor der Jahrtausendwende der Telefonabrufsprint.
Früher waren Fußballergebnisse noch nicht so einfach eine Stunde nach Spielschluss im Internet zu finden. Damals waren die lokalen Zeitungen für die schnellstmögliche Verbreitung der Resultate verantwortlich.

Bei der Nahe-Zeitung gab es zwei Termine – und die waren jeden Sonntag unbedingt einzuhalten. Der wichtigere war der spätere. Um 20.15 Uhr war Redaktionsschluss. Bis dahin mussten alle Texte über die Fußballklassen zum Drucken bereit sein. Doch schon um 18 Uhr war Deadline, um zwei weitere Informationsquellen bedienen zu können – nämlich die telefonische Ergebnisinfo und den Aushang an der Eingangstür der Redaktion.
Fünf Viertelstunden Zeit, um die Resultate von etwa 80 Fußballspielen zu erfahren, die Torschützen genannt und einen kurzen Überblick über das Spielgeschehen zu bekommen. Wie das ging? Natürlich telefonisch mit Vereinsvertretern, die in den Sport- und Klubheimen schon auf den Anruf warteten – im Idealfall. Pro Liga machte sich optimalerweise ein Mitarbeiter ans Werk. Doch nicht selten war einer auch für zwei oder gar drei Spielklassen zuständig.
Spannende und nervenaufreibende Anrufe in Sportheimen
Also, um Punkt 16.45 Uhr wird das erste Sportheim angewählt: „Ich kann noch nichts sagen, das Spiel läuft noch, es gab eine Unterbrechung“, tönt es aus dem Hörer. Also, nächstes Klubhaus: Es klingelt achtmal, es klingelt neunmal – keiner geht dran. Es ist jetzt 16.47 Uhr, und der Stresspegel steigt. Drittes Sportheim: „Guten Tag, Nahe-Zeitung, kann mir jemand was zum Spiel sagen?“ „Nein“, knurrt eine unfreundliche Stimme, „die Theke steht voll, hier ist die Hölle los!“ Es knackt in der Leitung, das Gespräch ist beendet. Durchatmen – und viertes Sportheim: Endlich läuft es nach Plan, der Informant ist freundlich, hat Ergebnis, Torschützen und kurzen Spielverlauf parat – nur die Einschätzung, dass die 1:8-Heimniederlage unglücklich und wegen „katastrophaler Schiedsrichterleistungen“ zustande gekommen ist, lässt Fragen offen.
Irgendwann sind alle Ergebnisse beisammen. Nur das aus dem ersten Sportheim fehlt. Ein erneuter Anruf also: „Moment“, schnarrt es – und im selben Moment ein Geräusch, das so klingt, als werde ein Telefonhörer auf die Theke gelegt. Beten: Hoffentlich vergessen die das Telefon jetzt nicht. Es ist 17.56 Uhr. Die Nerven sind zum Zerreißen angespannt. Um 17.58 Uhr kommt endlich einer und gibt die Infos durch.
Geschafft, mal wieder. Der Aushang wird an die Tür gepinnt, vor der schon zehn Leute stehen und warten – und der erste Anrufer beim Ergebnisabruf ist auch schon in der Leitung. In den nächsten zwei Stunden entstehen schließlich die Fußballtexte für die Montag-Ausgabe. Wenig Zeit, aber es hat immer geklappt – an jedem verdammten Sonntag.
Der Autor
Sascha Nicolay, Jahrgang 1971, hat nach dem Abitur 1992 und seiner Bundeswehrzeit in Idar-Oberstein zunächst Germanistik und Sport studiert. Nebenbei begann er für den Lokalsport der Nahe-Zeitung zu schreiben. Als nächster Schritt folgte von 2000 bis 2002 ein Volontariat, ehe er acht Jahre lang als Freier Journalist arbeitete und dabei weiter auch für die Rhein-Zeitung schrieb. 2010 wurde er zunächst Sportredakteur bei der Rhein-Hunsrück-Zeitung, ehe er nur wenige Monate später in gleicher Funktion wieder in den Kreis Birkenfeld wechselte, wo auch heute noch als Redakteur des Regionalsports Süd sein Schwerpunkt liegt.


