Von der Militärregierung der französischen Besatzungszone hat der Mayener Bauingenieur Peter Josef Stein kurz zuvor die Lizenz zur Herausgabe einer Tageszeitung erhalten. Gut zehn Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Für viele deutsche Zeitungen beginnt die Geschichte im Jahr 1946. Unter britischer Lizenz erscheinen beispielsweise in Hamburg fast zeitgleich neue Blätter wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ oder „Die Welt“. Papier ist knapp, die Ausgaben sind dünn – und doch gelten diese Jahre als Beginn des Neuaufbaus der Presse in Deutschland. Acht Jahrzehnte später hat sich die Arbeitsweise grundlegend verändert: Nachrichten werden heute in Echtzeit verbreitet, Redaktionen arbeiten digital und crossmedial. Gleichzeitig sehen sich viele Häuser mit Herausforderungen wie Reichweite, wirtschaftlicher Stabilität und ihrer Rolle in einer digitalen Öffentlichkeit konfrontiert.
Der Anfang und Ausgangspunkt dieser Entwicklung liegt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Wobei der Wiederaufbau der Medien nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur zunächst mit einem radikalen Einschnitt beginnt. Zeitungen und Rundfunk sind zunächst gänzlich verboten, öffentliche Kommunikation ist stark eingeschränkt. Erst schrittweise entsteht unter Kontrolle der Alliierten wieder eine neue Presselandschaft. „Die Westalliierten geben ausgewählten Personen die Erlaubnis, eine Zeitung zu verlegen. Und diese Lizenzträger dürfen dann Zeitungen verantworten – allerdings unter dem Vorbehalt, dass die Militärregierung im Zweifel eingreifen konnte“, erklärt der Leiter der Forschungsgruppe Mediengeschichte am Leibniz-Institut für Medienforschung, Hans-Ulrich Wagner, den schrittweisen Übergang zur Lizenzpolitik im Nachkriegsdeutschland.
In der sowjetischen Besatzungszone entwickelt sich laut Wagner hingegen ein stärker zentral gesteuertes, parteigebundenes Pressemodell. Anders als im Westen entsteht hier ein Mediensystem, in dem Zeitungen eng an Parteien gebunden sind und vor allem politische Vorgaben transportieren. Dieses Modell prägt die Presse in der späteren DDR über Jahrzehnte hinweg.
Die neuen Zeitungen im Westen entstehen derweil in einer Phase des Aufbruchs. „Diese junge Generation legt einen enormen Elan an den Tag und versteht sehr schnell, dass diese freie Presse eine Chance ist. Sie begreifen, dass Journalismus nach dem Krieg nicht nur ein Beruf ist, sondern Teil eines demokratischen Neubeginns“, sagt Wagner.

Dem 32 Jahre alten Peter Josef Stein steht bei der Neugründung der Rhein-Zeitung in Koblenz der Journalist (und spätere Landespolitiker) Dr. Wilhelm Nowack zur Seite. „Langsam, durch technische, personelle und andere Schwierigkeiten gehemmt, entstehen wieder Zeitungsverlage und bedienen die nach Wahrheit, nach Aufklärung dürstenden, nach notwendigem Lesestoff verlangenden Menschen. Die Aufgabe der Männer und Frauen, die sich dieser Tätigkeit widmen, ist schwieriger denn je. Um so größer ist die Verantwortung“, schreiben Stein und Nowack als „Zum Geleit“ auf die erste Titelseite, die an Karsamstag, dem 20. April 1946 erscheint. 1. Jahrgang – Nr. 1 prangt unter dem Titelkopf. Die Rhein-Zeitung ist geboren. Zwanzig Pfennig im Einzelpreis kostet das in der Koblenzer Görres-Druckerei gesetzte und gedruckte Blatt; der monatliche Bezugspreis beträgt 1,80 Reichsmark.
Weil Papier und Druckfarbe knapp sind, werden in den Kasematten von Fort Asterstein in Koblenz zunächst maximal acht Seiten für lediglich drei Erscheinungstage (Montag, Mittwoch und Samstag) produziert. Ende 1947 übernimmt der 43 Jahre alte Verlagskaufmann Walter Twer aus Nassau Nowacks Anteile als Gesellschafter am Rhein-Mosel-Verlag, wird zum Geschäftsführer bestellt – und gründet am 29. April 1948 als Verlagsdirektor mit den Chefredakteuren Oscar Richardt und Michael Weber als „gemeinsame Träger der Lizenz“ die Mittelrhein-Verlag GmbH, in der der Rhein-Mosel-Verlag aufgeht. Die Kaufleute Erich Schneider und Joachim Ulrich stoßen später als weitere Gesellschafter hinzu.
Anno 2026 ist der Mittelrhein-Verlag noch immer ein Familienunternehmen. Die Hälfte der Anteile halten Verleger Walterpeter Twer, der Sohn des Verlagsgründers Walter Twer, mit seinem Enkel Thoren Thorn Twer. Von 1978 bis 2018 wirkt Twer Senior als Verlagsleiter sowie Geschäftsführender Gesellschafter. Weitere 50 Prozent vereint Dr. Olaf Theisen, der Sohn von Dr. Werner Theisen und dessen Frau Anneliese, der Tochter des früheren Chefredakteurs und Gesellschafters Michael Weber.
Zurück in die Historie: Im Jahr 1951 ziehen zunächst die Drucker, später auch die weiteren Abteilungen in die Koblenzer Innenstadt um. In der Stegemannstraße kann sich der junge Verlag vergrößern und weiterentwickeln. Nach und nach werden zusätzliche Lokalausgaben eingeführt oder bestehende Titel im nördlichen Rheinland-Pfalz übernommen. Schon Mitte der fünfziger Jahre hat sich die Auflage mehr als verdreifacht.
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland geht auch die positive Entwicklung des MRV einher. 1967 wird in der August-Horch-Straße im Industriegebiet Rheinhafen der Grundstein für ein neues Verlags- und Redaktionsgebäude mitsamt Druckerei gelegt. Ein Jahr später gehen zwei neue Rotationsmaschinen in Betrieb. Die August-Horch-Straße bleibt bis Anfang der 2000er-Jahre die Heimat des Verlages. Dann ziehen 2012 die Druckerei und die Logistik in den Industriepark an der A61 um, 2021 wird ein neues Medienhaus, das alle Abteilungen vereint, eingeweiht.
Seither werden am Koblenzer Kreuz mit drei hochmodernen Offset-Druckmaschinen im Rund-um-die-Uhr-Betrieb Millionen von Druckprodukten hergestellt. Längst nicht mehr nur die Rhein-Zeitung. Aktuell gibt der Mittelrhein-Verlag elf Lokalausgaben heraus: als Rhein-Zeitung im Titelkopf erscheinen sie in Koblenz sowie in den Landkreisen Neuwied, Mayen-Koblenz, Ahrweiler, Cochem-Zell und Altenkirchen. Hinzu kommen die Rhein-Hunsrück-Zeitung, die Nahe-Zeitung, die Westerwälder Zeitung, die Rhein-Lahn-Zeitung sowie der Öffentliche Anzeiger im Kreis Bad Kreuznach.
Seit dreißig Jahren gibt es die Nachrichten der Rhein-Zeitung und ihrer Heimatausgaben auch im World Wide Web. RZ-Online hieß zum Start das erste Internetangebot einer deutschen Tageszeitung, mit dem der Verlag im Jahr 1995 für Furore sorgte. Ebenso wie 2001, als mit dem im Mittelrhein-Verlag entwickelten E-Paper das digitale Abbild einer gedruckten Zeitung im Web abrufbar wird – weltweit erstmalig.
Die fortschreitende Digitalisierung hat die Bedingungen in der Medienbranche jedoch auch grundlegend verändert. „Heute kann ich Informationen jederzeit im Internet abrufen, sie erreichen mich sogar personalisiert“, sagt der Medienwissenschaftler Hans-Ulrich Wagner. „Aber die entscheidende Frage ist: Wer gibt mir Orientierung? Wer ordnet diese Informationen so ein, dass ich sie verstehe? Dafür braucht es weiterhin Journalismus, der Zusammenhänge erklärt und einordnet.“ Dabei wird Vertrauen zu einer zentralen Ressource. „Menschen orientieren sich an bekannten Marken, weil sie dort einschätzen können, wofür sie stehen und wie verlässlich sie sind“, sagt Wagner. (mit dpa)

