„Geh‘ mal ins Easy – da ist ein Konzert!“ Der Redaktionsleiter ruft es dem jungen freien Mitarbeiter Anfang der 1980er-Jahre so beiläufig zu, als ob da eine lokale Band ihren ersten Auftritt hätte. Das Easy im Diezer Industriegebiet, eine dieser typischen Großraumdiskotheken jener Zeit, versuchte sich damals auch mit Livemusik. Und weil der junge Mitarbeiter der Lahn-Zeitung selbst Musik machte, wurde er auch diesmal wieder hingeschickt. Die Nachfrage, wer denn jetzt da spiele, wird ebenso beiläufig durch die Redaktion gerufen: „Die Tina Turner – aber von der ist ja schon lange kein Hit mehr gekommen…“
Recht hat er, der Redaktionsleiter. Die großen Zeiten von Tina Turners erster Karriere mit (Ex-)Ehemann Ike sind Geschichte. Und an eine zweite große Karriere glaubt damals offenbar noch niemand. Auch nicht in Diez an der Lahn. Die Disko ist nahezu menschenleer. Und das Konzert soll schon in einer halben Stunde beginnen.

Der junge Autor stapft ungefragt von der Seite an die Bühne. Der Pianist scheint glücklich, dass überhaupt jemand gekommen ist. Etwas belustigt schaut er auf die Kamera des lokalen Berichterstatters. Die nämlich ist selbst zu dieser Zeit schon ein Altertümchen: eine Kodak Retina IIa. Aber der junge Mitarbeiter der Lokalzeitung vertraut seiner Kamera. Er weiß, dass sie Top-Fotos machen kann, wenn man denn zur richtigen Zeit vor dem richtigen Motiv auf den Auslöser drückt. Ob das auch in einer schummrigen Disko funktioniert, weiß er damals aber noch nicht. Egal, Schwarz-Weiß-Film eingelegt – wird schon werden!
Als der junge Mann seinen nervösen Blick vom Fotoapparat Richtung Bühne richten will, steht sie plötzlich vor ihm. Allein. Kein Manager, kein Bodyguard, nur Tina Turner. Ihr Bühnenoutfit hat sie schon an. Ein ultraknappes schwarzes Lederkleid. Der junge Mann mit dem alten Fotoapparat schluckt. Die Sängerin lächelt warmherzig und gewinnend.

Sie fragt, ob er mit diesem Gerät Fotos von ihr machen wolle. Der Pianist lacht aus dem Hintergrund. Der Junge bejaht und schämt sich ein bisschen dabei. Tina Turner schaut durch den leeren Raum. Dann wendet sie sich wieder an den nervösen Kerl von der Lokalzeitung und sagt: „Du bekommst deine Fotos! Aber dafür musst du genau auf meine Hände achten.“ Wie zur Bestätigung hebt sie ihre Hände und knickt einen Zeigefinger ab.
Was dann passiert, ist so unglaublich, dass man es auch Jahrzehnte später noch nicht fassen kann: Tina Turner rockt die fast leere Disko. Sie wirbelt über die Bühne, tanzt und faucht, braucht keine Sekunde zum Luftholen. Den wenigen Gästen klappt vor Erstaunen kollektiv die Kinnlade herunter.
Tina Turners Countdown
Der junge Zeitungsmitarbeiter steht allein direkt vor der Bühne und tut, wie ihm geheißen – er achtet auf die Hände von Tina Turner. Gar nicht so einfach, wie sie da von einer Seite der Bühne zur anderen fegt. Aber da – was ist das? Tina Turner reckt den Arm nach oben, dann senkt sie ihn langsam ab, zeigt auf den Jungen, holt ihn mit einem Fingerwinken zu sich heran, dirigiert ihn auf einen Platz im Halbdunkel vor der Bühne, nickt fast unmerklich mit dem Kopf, lässt den Arm am Körper herunter und zählt wie zufällig an drei Fingern den Countdown herunter. Jetzt aber schnell! Der Junge richtet die Kamera auf die Sängerin und drückt ab, gerade als der letzte Finger einknickt. Und er weiß: Dieses Foto hat Tina Turner selbst geschossen.
Das Foto aber, dieser eine choreografierte Schuss, hat den jungen Journalisten seither begleitet. Es wurde zum Logo der „Jungen Szene“, der Jugendseite in der Rhein-Zeitung. Es wurde durch die Jahre hinweg zum Bild an mehreren Wänden. Es wurde sogar zur Vorlage einer Kreidezeichnung. Für den inzwischen gealterten Journalisten, der noch immer gern Musik macht, wurde dieses Foto auch zum Sinnbild für ehrlichen Erfolg mit Herz und Energie. Kurz nachdem Tina Turner durch die nahezu leere Diskothek in Diez gewirbelt war, erschien 1984 das Album Private Dancer. Der Rest ist Musikgeschichte.
Der Autor
Jörg Peter Herrmann (Jahrgang 1963) hat bei der Lahn-Zeitung in der Lokalredaktion Diez Ende der 70er-Jahre als Freier Mitarbeiter begonnen – ohne Notebook und Handy, ohne Google und KI. Dafür mit einer Riesenportion Neugierde und Begeisterung für das Geschehen vor der eigenen Haustür. Einer breiten Leserschaft bekannt wurde er später unter anderem durch seine munteren Kolumnen und Bücher über „Herrmanns Familienbande“. Seit Jahrzehnten berichtet er bereits für das Journal unserer Zeitung von seinen vielen spannenden Reisen rund um den Erdball. Heute kümmert er sich als Chef vom Dienst um die vielen kleinen (und größeren) Aufgaben und Herausforderungen, ohne die die Redaktion einer Tageszeitung nicht funktionieren würde – gedruckt wie digital.


