Archivierter Artikel vom 20.02.2019, 19:53 Uhr

Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung: „Die Wertschätzung kann nicht groß genug sein“

Staatssekretär Andreas Westerfellhaus hat sein ganzes Berufsleben in der Pflegebranche verbracht. Bis September 2017 hatte der CDU-Politiker acht Jahre lang als Präsident des Deutschen Pflegerats eine einflussreiche Stimme. Immer wieder beklagte er den Personalmangel, die hohe Belastung und eine schlechte Bezahlung in der Pflege. Seit einem Jahr ist er der Bundesbeauftragte für Pflege. Wir sprachen mit ihm am Rande des Patronatsfestes der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV), die seit 2006 eine pflegewissenschaftliche Fakultät betreibt und die Fachkräfte im Pflegemanagement ausbildet.

Lesezeit: 5 Minuten
Andreas Westerfellhaus ist der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung. Im Interview wünscht er sich mehr Mut der Politik zu auch unkonventionellen Lösungen.  Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Andreas Westerfellhaus ist der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung. Im Interview wünscht er sich mehr Mut der Politik zu auch unkonventionellen Lösungen.
Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Worauf liegt bei Ihrer Arbeit der Schwerpunkt – auf der professionellen Pflege oder den pflegenden Angehörigen?

Da gibt es kein entweder – oder. Alle Bereiche der professionellen Pflege haben auch immer etwas zu tun mit den Angehörigen. Und in meinem Auftrag steht die Sicherstellung der qualitativen und quantitativen pflegerischen Versorgung der Menschen. Da muss man natürlich identifizieren: Wer trägt dazu bei? Und da spielen die pflegenden Angehörigen eine ganz große Rolle. Ich sage immer eins ganz deutlich: Die Wertschätzung kann pflegenden Angehörigen gegenüber nicht hoch genug sein. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht in der Politik pflegenden Angehörigen immer mehr Aufgaben zuschieben. Gerade in den letzten Jahren haben wir mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff die Pflegeversicherung und damit auch die Unterstützung der Angehörigen auf ein modernes Fundament gestellt. Das muss konsequent umgesetzt und ausgebaut werden.

Der Barmer-Report zeigt ja die Dramatik, dass Angehörige sagen „Ich kann nicht mehr“ und „Ich denke manchmal ans Aussteigen“.

Ich glaube, und das haben wir ja deutlich gemacht, dass wir, um Angehörige ernst zu nehmen und sie zu begleiten und Unterstützung zu leisten, ja auch sagen, wir wollen die Bereiche der Prävention und Rehabilitation für Angehörige stärken. Bis hin zu dem Schritt, dass die Angehörigen, die das benötigen, auch ein Anrecht darauf haben, den Pflegebedürftigen in die Reha mitzunehmen.

Allerdings funktioniert das zum einen nur dann, wenn auch das Angebot dafür da ist. Und das Zweite ist: Die Angebote müssen mit qualifizierten Pflegekräften besetzt sein. Salopp gesagt: Ein pflegender Angehöriger gibt seinen pflegebedürftigen Ehepartner ja nur in die Kurzzeitpflege, wenn er ihn mindestens genauso gut wieder zurückbekommt, wie er ihn abgegeben hat.

Das geht nur über Professionalität. Und deswegen ist Professionalität so eng verknüpft mit den pflegenden Angehörigen. Also beides geht nicht ohne einander.

Dann kommt natürlich noch dazu, dass wir viel zu wenig Plätze in der Kurzzeitpflege haben. Gerade die eingestreuten Kurzzeitpflegeplätze sind so rar, dass die meisten, die diese präventiv, rehabilitativ oder in Urlaubszeiten nutzen wollen, mittlerweile eine Vorlaufzeit haben von bis zu einem Jahr. Dann gibt es ja noch die, die vor einer Krankenhausentlassung stehen und eine Kurzzeitpflege brauchen, um eine Übergangssituation meistern zu können. Diese Angebote reichen vorne und hinten nicht mehr.

Politik ist dringend und gut beraten, sich gerade um die Leistungserhaltung und den Leistungswillen der pflegenden Angehörigen zu kümmern. Wenn uns an der Stelle durch Erkrankung der Pflegenden oder durch Arbeitsprozesse, die es nicht möglich machen, etwas passiert, dann haben wir ein echtes Problem. Ich werde in Kürze hierzu einen Vorschlag machen.

Die Politik ist also darauf angewiesen, dass die Angehörigen einen Teil der Aufgaben übernehmen?

Die meisten Menschen wollen auch im Falle von Pflegebedürftigkeit so lange wie möglich zu Hause bleiben. Das können wir nur im Miteinander, im Mix von Angehörigen und Profis schaffen. Und dafür muss die Politik die Rahmenbedingungen schaffen.

Wie wollen Sie für mehr Entlastung sorgen?

Wir haben ja die Situation, dass Pflegebedürftigkeit sehr oft sehr spontan und unvorbereitet eintritt. Und ich erlebe trotz vieler guter Beratungsangebote bei Kostenträgern oder in den Kommunen eine riesige Hilflosigkeit bei den Menschen, die von jetzt auf gleich davon betroffen sind. Mir ist in Erinnerung, wie es war, als meine Frau und meine Zwillinge nach der Geburt aus dem Krankenhaus nach Hause kamen. Da war ich froh, dass ich wusste: Morgen um acht kommt eine Hebamme, die uns in dieser Unsicherheit einfach Unterstützung leistet. Die war immer da, immer ansprechbar. Und ich glaube, genau das brauchen die Menschen. Bildlich gesagt eine „Pflegehebamme“, immer die gleiche, die mir bekannt ist. Wir nennen das Konzept Pflege-KoPilot. Wir machen jetzt gerade ein Gutachten dazu.

Wir wollen den Menschen etwas zur Verfügung stellen in dem Moment, wo sie von jetzt auf gleich betroffen sind. Jemand, der regelmäßig zu ihnen nach Hause kommt und sagt: Wie kommst du mit der Situation klar? Was kannst du morgen machen? Welche Angebote gibt es, welche werden bezahlt und wie schütze ich mich vor Überforderung.

Jetzt fühlen sich schon die Ersten angegriffen, die sagen: „Wir haben aber doch schon gute Beratungsangebote.“ Es geht uns überhaupt nicht um die Konkurrenz zu bestehenden Beratungsangeboten, aber wir brauchen jemanden, der zu den Menschen geht, sich Zeit nimmt und sie lotst.

Stichwort Tagespflege: Welche Konzepte wären für Sie auch denkbar?

Ich habe bis April 2018 eine große Ausbildungsstätte mit 54 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen geleitet (Zentrale Akademie für Berufe im Gesundheitswesen in Gütersloh, Anm. d. Red.). Und da standen wir irgendwann vor der schönen Herausforderung, dass viele Mitarbeiter Eltern wurden, aber im Betrieb dringend benötigt wurden. Meine Gedanken gingen in die Richtung, eine eigene Kita zu gründen. Aber man hatte Sorge, dass die Auslastung nicht stimmt. Da habe ich gesagt: Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder nehmen wir externe Kinder auf, oder wir machen was ganz Innovatives und machen ergänzende Tagespflege dazu. Und wenn die Strukturen und Genehmigungsverfahren dem im Weg stehen, müssen wir schauen, dass wir die Strukturen verändern. Das wäre eine Bereicherung für beide Seiten. Ein bisschen Kreativität ist nötig.

Es ist ja auch nicht jedem Arbeitnehmer so einfach möglich, Job und die Betreuung der pflegebedürftigen Eltern unter einen Hut zu bekommen.

Die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Situation hat sich verändert. Die Arbeitgeber müssen sich darauf einstellen zu sagen: Ich brauche doch die Mitarbeiter. Das ist das Motiv, das im Vordergrund stehen sollte. Da ist es egal, ob es Kinder oder Eltern sind. Ich brauche ja die Arbeitskraft.

Werden pflegende Angehörige in die Konzeption der zukünftigen Strukturen eingebunden?

Wir haben die Pflegekassen verpflichtet, Selbsthilfegruppen zu fördern, und diese entsenden nun auch Vertreterinnen und Vertreter in die Gremien, die über die Pflege entscheiden. Derzeit wird zum Beispiel der neue Pflege-Tüv erarbeitet. Hier sitzen jetzt auch Vertreter der pflegenden Angehörigen mit am Tisch und beraten mit. Und natürlich spreche ich mit vielen pflegenden Angehörigen und deren Verbänden und kann Erfahrungen und Wünsche in die Arbeit der Bundesregierung einfließen lassen.

Die Fragen stellte Kathrin Hohberger