Schrift:

Verstehen, wie Menschen durch "zeigen" Sinn erzeugen können

Mainz - Ohne Bilder geht nichts mehr, ob in den Medien oder in der Wissenschaft, im privaten Bereich oder in der Weltpolitik.

Gottfried Boehm forscht über die "Bildkritik".

Das Problem ist nur: Die Wissenschaft weiß zwar längst, wie unsere Sprache funktioniert, aber die Frage, wie Bilder auf uns wirken, wurde bisher vernachlässigt. "Wir müssen ein Instrumentarium schaffen, das uns gestattet, Bildern auf aufgeklärte Weise kritisch gerecht zu werden", fordert Gottfried Boehm. Diesem Thema wird sich der Schweizer Professor für Neuere Kunstgeschichte und Direktor des Nationalen Forschungsschwerpunkts "Bildkritik" in seiner Vorlesungsreihe "Die Sprache der Bilder" widmen. Zur Unterstützung hat er sich Wissenschaftler aus verschiedensten Fachgebieten nach Mainz eingeladen.

Boehm ist der zwölfte Träger der Gutenberg-Stiftungsprofessur, die der Verein der Freunde der Universität im Jahr 2000 ins Leben rief. Persönlichkeiten wie Kardinal Karl Lehmann oder Hans-Dietrich Genscher waren bereits zu Gast. "Uns kostet das keinen Cent", freute sich Uni-Präsident Georg Krausch bei Boehms Vorstellung. "Es ist ein Geschenk der Freunde an die Universität."

"Eine andere Sprache. Das Bild und die Grundlagen der Kommunikation", nannte Boehm seinen ersten Vortrag an der Uni. Rund 900 Neugierige waren gekommen, um einem der Begründer der recht jungen Bildforschung zu lauschen.

Die Bildflut schwappte bereits im 19. Jahrhundert um die Welt, doch die digitale Revolution hat den Trend ungeheuer verstärkt. "Anders als Sprache vermitteln Bilder Sinn nicht durch sagen, sondern durch zeigen", sagt Boehm. "Wir haben bisher nur noch nicht so ganz verstanden, wie man durch zeigen Sinn erzeugen kann." Um dem auf den Grund zu gehen, schaut der Professor zuerst in die Kindheit und die Urzeit.

"Wir alle sozialisieren uns mit Bildern." Das passiert vor dem Spracherwerb, der später mit der Bilderfahrung untrennbar zusammenwächst. "Wir müssen deswegen ein umfassenderes, komplexeres Sprachverständnis entwickeln, das Bilder mit einschließt."

Bilder sind etwas Ursprüngliches. Sie entstanden aus den Gebärden, mit denen schon der Urmensch einen Raum vor seinem Körper aufbaute. "Er schuf einen Bezugsrahmen mit oben und unten, links und rechts, hier und dort." Kategorien, die er im schöpferischen Akt aufs Bild überträgt.

"Diese Fähigkeit ist ein Geschenk der Evolution", so Boehm. Und wie der Mensch mit dem Geschenk von der Steinzeit bis zum digitalen Zeitalter umging, das ist Thema der nächsten Vorlesungen. Gerd Blase

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