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Mainzerin zeigt ihre Bilder in London

Die 24-jährige Mainzer Künstlerin Julia Striegel stellt ihre Werke derzeit in der Londoner Chelsea Town Hall aus.

Julia Striegel malt die meisten Bilder in ihrem Elternhaus in Bretzenheim.
Foto: Bernd Eßling
Julia Striegel malt die meisten Bilder in ihrem Elternhaus in Bretzenheim.
Foto: Bernd Eßling

Mainz – Hier bleibt der Blick hängen: Nackt sitzt die schlanke Frau da, spärlich hält sie sich einen weißen Umhang vor die Brust, der ihr weit über die Hüften fällt. Ihre ganze Körperhaltung hat etwas scheues: Die Schultern sind angezogen, mit den Händen hält sie sich den Umhang eng am Oberkörper. Der Hingucker ist allerdings weiter oben: Auf dem anmutigen Frauenkörper sitzt ein Rehkopf, der leicht zur Seite geneigt ist, den Blick nach unten gerichtet.

Foto: mrz

"Die Scheu" heißt das Bild von der jungen Mainzer Künstlerin Julia Striegel. Es bildet eine Reihe mit "Eitelkeit", auf dem eine halb nackte Frau mit dem Unterkörper eines Pfau zu sehen ist, und "Selbstdisziplin" – eine Frau, die sich selbst in ein Korsett einschnürt. Diese beiden Bilder stellt die 24-jährige Mainzerin, die gebürtig aus Bretzenheim stammt, und jetzt mit ihrem Freund in Kastel wohnt, gerade in der Chelsea Town Hall auf der Parallax Art fair mitten in London aus. Über 200 Künstler aus 38 Ländern zeigen auf der internationalen Kunstmesse ihre Werke. Gerade für unbekannte junge Künstler sind solche Messen wichtig, um sich bei Galerien bekannt zu machen und Kontakte zu knüpfen. Julia Striegel hat unter den wenigen Deutschen als einzige Mainzerin die Kuratoren überzeugt. Mit zwei Bildern hat sie sich im Vorfeld beworben und ist genommen worden.

Sechs Bilder, die sie vorher bereits aufwendig in einer Kiste verpackt nach London geschickt hat, zeigt sie. Am Donnerstag ist sie zusammen mit ihrem Freund in die englische Metropole geflogen. Welche Kontakte sich hier ergeben, wird sich zeigen. Für die 24-jährige Studentin ist die Parallax die erste internationale Messe, auf der sie ihre Bilder vor einem so großen Publikum zeigen kann. Neben ein paar kleineren Ausstellungen in Mainz und der Region hat sie bereits auf der Berliner BAGL (Berlin Artist Going Live) ausgestellt. Außerdem ist sie auf diversen Online-Galerien präsent, wo sie auch schon mal den ein oder anderen Druck verkaufen konnte.

Die Malerei ist für Striegel bisher nur ein Hobby. Die 24-Jährige studiert Buchwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik. In wenigen Wochen gibt sie ihre Magisterarbeit ab. Kunst an der Mainzer Hochschule zu studieren, hat sie nach dem Abitur kurz überlegt, sich aber dann doch dagegen entschieden. "Im schlechtesten Fall bin ich danach arbeitslose Künstlerin", sagt sie und erklärt: "Ich wollte neben der Kunst noch etwas anderes lernen."

Julia Striegels Bilder sind stark vom Surrealismus geprägt. Ihre Figuren wirken zwar realistisch, sind aber meist in eine fantastische oder traumartige Szenerie gestellt. So werden auf einem Porträt etwa die wallenden Haare einer liegenden Frau zu einem Wasserfall, woanders entwachsen einem weiblichen Oberkörper mehrere Arme.

Striegels Kunst ist einprägsam, die Farben intensiv. Sie will, dass ihre Bilder etwas sagen, ohne dass sie es erklären muss. Zu abstrakte Kunst mag sie nicht. Sie setzt lieber Abstraktes in konkrete Motive um. So entstehen etwa Bilder wie "Die Scheu". Ob sie Vorbilder hat? Albrecht Dürer, sagt sie. Aber auch von den Renaissance-Malern und den Surrealisten ist sie begeistert. Das künstlerische Talent liegt bei der 24-Jährigen in der Familie. Der Vater malte früher selber und ist jetzt im Designbereich tätig.

Neben dem Studium bleibt Julia Striegel gerade nicht viel Zeit für die Kunst. Darum will sie, wenn sie den Magister hat, ein halbes Jahr aussetzen, um sich aufs Malen zu konzentrieren und auch um ihre eigene Vermarktung auf breitere Füße zu stellen. Ob sie das hinbekommt, weiß sie nicht. Doch vielleicht ist mit der Teilnahme an der Londoner Messe auch schon ein großer Schritt in die richtige Richtung getan. Andrea Wagenknecht