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Forscher: Leidensweg Jesu stimmt so nicht

Mainz - Osterzeit ist traditionell Pilgerzeit. Das wohl beliebteste Ziel auf christlichen Spuren ist Jerusalem.

Blick über die Altstadt von Jerusalem auf den Tempelplatz und auf den Ölberg. Fotos: Wolfgang Zwickel

Auch der Mainzer Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie, Wolfgang Zwickel, ist immer wieder in die Stadt gereist, in der Jesus gekreuzigt wurde. Oder, aus Sicht der Archäologen gesprochen: die Stadt, in der Jesus gekreuzigt worden sein soll. Denn die Archäologen können nicht mit Bestimmtheit sagen, ob Jesus überhaupt gelebt hat. Aber über die damalige Zeit in Jerusalem haben sie viel herausgefunden. So muss der berühmte Leidensweg, die "via dolorosa", anders verlaufen sein als in der Pilgertradition bislang angenommen wurde, berichtet der 54-jährige evangelische Theologe.

"Jesus hat keine direkten Spuren hinterlassen", sagt Zwickel gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Dennoch haben die Archäologen in den vergangenen Jahren einiges herausgefunden, was die historischen Stätten und Wege anbetrifft. Wir haben an acht biblischen Stationen Halt gemacht.

Die Grabeskirche befindet sich am Felsen von Golgatha.
  1. Der Tempelplatz steht heute noch dort auf den Grundmauern von damals. Der gesamte Platz umfasste eine Fläche von 143 800 Quadratmetern, was etwa der Fläche von 14 Fußballfeldern entspricht. Der Platz war ein großer Treffpunkt des Handels in der Antike. Der Tempel selbst wurde 70 n. Chr. zerstört. Archäologische Grabungen sind dort nicht erlaubt.
  2. Der Ort des letzten Abendmahls, die nächste Station Jesu und seiner Jünger, lässt sich nicht mehr genau bestimmen.
  3. Anschließend aber begaben sich Jesus und seine Jünger zum Ölberg. "Die antike Stadt Jerusalem ist von zwei tief eingeschnittenen Tälern umgeben, die der Stadt einen natürlichen Schutz gaben: dem Hinnomtal im Westen und Süden und dem Kidrontal im Osten. Östlich dieses Tals erhob sich der Ölberg, auf dem seit längerer Zeit Olivenbäume angepflanzt wurden." Auch der Name des Garten Getsemani weist in diese Richtung, erläutert der Professor. Übersetzt heißt er "Kelter des Öls". In der Pilgertradition befindet er sich im unteren Bereich des Ölbergs. Die genaue Lage lässt sich durch die Archäologie nicht bestimmen. "Irgendwo hier im Umkreis von vielleicht 200 bis 300 Metern muss das Landgut Getsemani gelegen haben."
  4. Laut Matthäus-Evangelium (27, 3-10) hat Judas die 30 Silberlinge, die er für den Verrat Jesu bekommen hatte, den Hohenpriestern zurückgegeben. Der Hohe Rat nahm das Geld und kaufte dafür einen Begräbnisplatz für die Fremden. Ob diese Überlieferung historisch korrekt ist, lässt sich laut Zwickel nicht mehr beweisen. Aber in unmittelbarer Nähe des Ortes, an dem man jahrhundertelang diesen "Blutacker" lokalisiert hatte, haben Archäologen vor einigen Jahren einen Grabkomplex freigelegt, in dem auffallend viele Fremde bestattet waren. "Sie waren offensichtlich zur Wallfahrt nach Jerusalem gekommen und hier verstorben." Die Überlieferung passt hier mit den Fakten zusammen.
  5. Nach seiner Verhaftung wurde Jesus vom Hohen Rat verhört. Seit Mitte des 4. Jahrhunderts suchen Pilger den Ort im Südwesten der Stadt, wo sich heute die Kirche Sankt Peter in Gallicantu befindet. Ob hier wirklich das Haus des Hohenpriesters stand, konnten dortige Ausgrabungen nicht belegen.
  6. Als nächstes wurde Jesus zu Pilatus geführt. Seit der Kreuzfahrerzeit hat man den Aufenthaltsort des Pilatus, der normalerweise in Cäsarea maritima residierte, in der Burg Antonia gesehen. Zur Zeit Jesu war dies der Ort, von dem aus das römische Militär das Geschehen auf dem Tempelplatz überwachte. Bei Unruhen konnte man hier schnell einschreiten. Für die römischen Statthalter aber war dieser Ort sicherlich zu klein, wenn sie zu den großen Wallfahrtsfesten nach Jerusalem kamen. Durch antike Überlieferungen steht fest, dass der Statthalter im Königspalast residierte, an der Zitadelle am Jaffator.
  7. Daraus ergibt sich, dass der Leidensweg Jesu nicht von der Burg Antonia nach Golgatha, der "Schädelstätte", führte. Diese Route gehen Pilger seit dem späten Mittelalter entlang der antiken, noch heute die Altstadt von Jerusalem prägenden Straßenverläufe von Ost nach West. Stieg Pilatus aber in der Zitadelle ab, so Wolfgang Zwickel, dann müsste der Leidensweg richtigerweise von West nach Ost zur Grabeskirche geführt haben. "Hier steht die Pilgertradition also in einem klaren Gegensatz zu den historischen und archäologischen Fakten, die wir heute besitzen." Allerdings behalte die Pilger-Tradition dennoch weiter ihre große Bedeutung. Diese stelle die Archäologie nicht in Abrede.
  8. Der Golgatha-Hügel soll der Überlieferung nach jener Fels sein, auf dem sich die heutige Grabeskirche befindet. Noch heute kann man hier einen Blick auf diesen Felsen werfen, der deutliche Risse aufweist. Zur Zeit Jesu wurde die Gegend zum Grablegen benutzt. Von einer Seitenkapelle der Grabeskirche aus kann man noch heute eine dieser Grabkammern sehen, die damals angelegt wurden. "Kreuzigung und Grablegung hätten also aufgrund des archäologischen Befundes sehr gut hier stattgefunden haben können", bilanziert der Mainzer Professor, der insgesamt gut ein Dreivierteljahr in Jerusalem verbracht hat.
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