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Klotten

Ein Projekt trägt die Kunst in den Alltag und zurück

Diese Idee trägt. Mit Sicherheit. Weil jeder Mensch trägt. Nicht nur Taschen, Koffer und Hüte. "Wenn man weiterdenkt, trägt er auch Bürden oder Krankheiten", sagt die Künstlerin Anja Schindler von der Jugendkunstschule (Jukusch) Klotten/Kail. Deshalb holen sie, der Puppenspieler Matthias Träger und der Designer Dominik Burger für das neue Semester ein Projekt aus der Wissenschaft zurück in die Welt der Kunst: "Homo portans", der tragende Mensch. Es trägt dazu bei, dass die Kunst in den Alltag der Region Einzug hält und umgekehrt. Und dass mit dem Jazztrompeter Markus Stockhausen ein Musiker vom Weltrang nach Cochem kommt.Die Kunst an Kinder herantragen

Die Jugendkunstschule Jukusch in Klotten plant das neue Projekt Homo Portans. 
Foto: Kevin Rühle
Die Jugendkunstschule Jukusch in Klotten plant das neue Projekt Homo Portans.
Foto: Kevin Rühle – Kevin Rühle

Klotten – Diese Idee trägt. Mit Sicherheit. Weil jeder Mensch trägt. Nicht nur Taschen, Koffer und Hüte. "Wenn man weiterdenkt, trägt er auch Bürden oder Krankheiten", sagt die Künstlerin Anja Schindler von der Jugendkunstschule (Jukusch) Klotten/Kail. Deshalb holen sie, der Puppenspieler Matthias Träger und der Designer Dominik Burger für das neue Semester ein Projekt aus der Wissenschaft zurück in die Welt der Kunst: "Homo portans", der tragende Mensch. Es trägt dazu bei, dass die Kunst in den Alltag der Region Einzug hält und umgekehrt. Und dass mit dem Jazztrompeter Markus Stockhausen ein Musiker vom Weltrang nach Cochem kommt.

Die Kunst an Kinder herantragen

Schon Schulkinder haben eine Menge zu tragen. Sie tragen etwa buchbeschwerte Tornister in die Klasse, wo sie etwas lernen. Sie tragen aber noch ganz andere Lasten auf ihren Schultern, beispielsweise die Erwartungen ihrer Eltern oder einen wachsenden Termindruck. Zwischen Schule, Fußballtraining und Klavierunterricht wollen, ja, müssen sie auch irgendwie noch Kind bleiben. Anja Schindler von der Jukusch: "Deshalb haben wir uns überlegt, wie es wäre, dieses Thema, das Künstler und Wissenschaftler bearbeitet haben, an Kinder und Jugendliche heranzutragen." Aber nicht nur deshalb. Es hat auch etwas mit der Geschichte dieses ungewöhnlichen Projekts zu tun, das den Untertitel "Tragen. Die Faszination des Selbstverständlichen" trägt – ein kurzer Rückblick:

Im Jahr 2009 entwickeln Anja Schindler und ihre Freundin Professor Dr. Annette Kehnel die Idee zu "Homo Portans". Kehnel lehrt mittelalterliche Geschichte an der Universität Mannheim. "Sie ist eine Querdenkerin", sagt Schindler über Kehnel. "Ihrer Ansicht nach braucht es immer wieder etwas Neues, Kreatives, um Geschichte in den Köpfen der Menschen präsenter zu machen." So wurde der Gedanke geboren, eine Selbstverständlichkeit zum Desiderat der Forschung zu erheben – und das Ganze mit der Kunst zu verknüpfen.

"Mein Part bei dem Ganzen war immer, das Tragen sichtbar zu machen", erzählt Schindler. Also färbte sie zum Beispiel Koffer und Tasche in ihrem selbst kreierten hellen Blauton ein. Im Jahr 2010 wurde das Tragen zum Thema des Deutschen Historikertages in Berlin. Ein Jahr später hieß es auch bei einem interdisziplinären Symposium von Wissenschaftlern im Deutschen Hygiene-Museum Dresden "Homo Portans".

Spannend, mal überraschend, mal erschreckend sind die Resultate der Forschung. Nur einige Beispiele: Tragen kann eine Strafe sein, eine perfide noch dazu. Im Mittelalter zum Beispiel mussten Frauen 10 bis 50 Kilogramm schwere Steine tragen – als Sühne für üble Nachrede oder öffentlichen Streit unter Frauen. Zuerst schleppten sie diese Lasten in kirchlich motivierten Prozessionen durch die Stadt, später in einem eigenen Zug. Sinn dieses Schandsteine-Schleppens? Klar, die Sünder sollten erniedrigt, gedemütigt werden. Über den Ursprung dieser Art der Strafe können Historiker bislang nur Vermutungen anstellen. Frühe Belege dafür finden sich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts im Hennegrau und in Luxemburg. Von dort aus breitete sich das Steinetragen gen Osten aus.

Acht Jahrhunderte später, im 20., trieben Diktaturen diese fiese Form der Bestrafung auf die Spitze. In Lagern ließen die Erfüllungsgehilfen des jeweiligen Systems die Häftlinge schwere Lasten tragen – bis zur Erschöpfung, bis zum Tod. Sie sprachen den so Bestraften ihre Menschenwürde ab.

Gepäck erzählt Geschichten

Doch das Tragen hat zum Glück auch wesentlich harmlosere historische Facetten: Beispielsweise hat sich das Gepäck, das Menschen auf ihre Reisen mitnehmen, ob Koffer oder Tasche, im Laufe der Jahrhunderte extrem gewandelt. Untrennbar verbunden mit den Gepäckstücken sind die Lebensgeschichten ihrer Besitzer. Die Inhalte und das Aussehen von Handtaschen erzählen ebenfalls etwas über die Frauen, die diese mit sich tragen. Und diese Inhalte sind zum Teil durchaus überraschend ( http://ku-rz.de/1lyq).

So selbstverständlich der Mensch ein "Homo Portans" ist, das jeweilige Tragen verrät mehr über ihn, als man denkt. Im Jahr 2014 soll der tragende Mensch Thema einer Ausstellung in Bremen sein, sagt Anja Schindler. "Und so kam der Gedanke, wie wir dieses Thema bis dahin lebendig erhalten können."

Deswegen also nun "Homo Portans" als Semesterthema an der Jukusch Klotten/Kail. "Wir werden auch die Kleinsten einbeziehen über einen Kurs, der nennt sich Mini Portans." Mit den älteren Kunstschülern werden Trageobjekte gebastelt, Matthias Träger wird mit Kursteilnehmern Großfiguren bauen. Es gibt Bodypainting und einen Schauspielworkshop.

Gegen Ende des Semesters wird es in Sayn und in Trier als sichtbares Ergebnis des Projekts "Homo Portans" Trageprozessionen geben. "Wir wollen möglichst viele Menschen aus der Region motivieren, sich daran zu beteiligen", sagt Schindler. Gleiches gilt für einen Workshop mit dem bekannten Komponisten und Trompeter Markus Stockhausen. Der wird eine Hymne für die Trageprozession komponieren. Mit den Teilnehmern des Workshops, der am Freitag, 25. Mai, von 16 bis 19 Uhr im Cochemer Kulturzentrum Kapuzinerkloster sein wird, will er diese Hymne uraufführen.

Designer Dominik Burger sagt über Stockhausen: "Er ist schon sehr experimentell." Trotzdem wird dieses Tonexperiment sicherlich alles andere als unerträglich. Und die Töne werden die Projektidee sicherlich weitertragen.

Infos und Anmeldung unter www.jukusch.org

Von unserem Redakteur David Ditzer

Cochem Zell
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