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  • Aus Reportersicht: Schwierige Pressearbeit während der ENF-Veranstaltung

    Koblenz. Dass Journalisten beim Kongress der ENF-Fraktion nur bedingt willkommen sind, zeigte sich bereits im Vorfeld. Doch wie waren die Arbeitsbedingungen vor Ort? Reporterin Nina Kugler und Redakteur Marcus Schwarze schildern ihre Eindrücke.

    Für die umstrittene Veranstaltung der ENF-Fraktion hatten sich nach Angaben des Veranstalters 365 Journalisten aus 20 bis 25 verschiedenen Ländern angekündigt. Dabei kamen auch einige Reporter aus dem außereuropäischen Ausland, wie beispielsweise aus Brasilien, Kanada, den USA, China, Japan oder Russland.

    Wie bei solchen Veranstaltungen üblich, mussten sich die Pressevertreter im Vorfeld wie auch die Publikumsteilnehmer akkreditieren lassen, um teilnehmen zu dürfen. Unüblich hingegen ist, dass Journalisten ihre Presseausweise abfotografieren und hochladen mussten. Das wurde im Vorfeld von Journalistenverbänden kritisiert, denn auf diesen Dokumenten steht in der Regel die Privatadresse. Normalerweise begnügen sich Veranstalter mit den Registriernummern der ausstellenden Verbände und überprüfen sie beim Aussteller.

    „Press restricted“ stand auf Ausweisen

    Unüblich ist auch, dass die Journalisten unterschiedliche Presseausweise bekommen: Die ENF-Veranstalter verteilten lila Presseausweise für die „press restricted“, also für jene Pressevertreter, die nur begrenzten Zugang bekommen sollten zu der Fraktionskonferenz. Der SWR, der „Stern“ und der WDR standen unter anderem auf der „lila Liste“ der ENF. Die restlichen – „normalen“ – Journalisten bekamen rote Presseausweise. Eine Begründung für die unterschiedlichen Presseausweise konnte von Seiten des Veranstalters nicht gegeben werden. 

    Kongressteilnehmer und Journalisten sind Kategorien zugeordnet. 
    Kongressteilnehmer und Journalisten sind Kategorien zugeordnet. 
    Foto: Hartmut Wagner

    Jedoch wurden bereits im Vorfeld der Veranstaltung einigen, aus Sicht der ENF besonders kritischen Journalisten, etwa dem „Spiegel“, dem ZDF und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, erst gar keine Akkreditierung gegeben: Sie sollten an der Tagung nicht teilnehmen dürfen. Gleich zu Beginn der Veranstaltung wurde der FAZ-Kollege namentlich auf offener Bühne dafür gescholten, dass er sich gerichtlich Zugang zu der Tagung verschaffen haben soll. „Lügenpresse, Lügenpresse“, skandierte das Publikum daraufhin lautstark.

    Es war aber offensichtlich etwas anders: Tatsächlich hatte das Verwaltungsgericht Koblenz am Freitag einen Eilantrag auf Akkreditierung abgelehnt. Begründung: Der Eilantrag sei vor dem Gerichtshof der Europäischen Union zu führen, nicht vor einem deutschen Gericht. Wie die „Zeit“ online zuerst berichtete und der Journalist am Abend selbst schrieb, war er am Ende dennoch in der Halle. Er hatte am Eingang seinen Presseausweis vorgezeigt und eine Akkreditierung bekommen – „versehentlich“.  Das war allerdings, anders als für die meisten anderen Medien, nur eine eingeschränkte Akkreditierung ohne Zugang zur Empore. Nur von dort konnte man das Geschehen auf dem Parkett verfolgen.

    „Europa der Nationen und der Freiheit“ steht auf dem Bändchen, das akkreditierte Journalisten beim ENF-Kongress bekamen. Wieviel Freiheit bei der Berichterstattung möglich war, entschieden Farbe und Wortlaut des Plastiksets. Neben der roten „Press“ (zu deutsch Presse) gab es die lilafarbene „Press restricted“ (eingeschränkte Presse).
    „Europa der Nationen und der Freiheit“ steht auf dem Bändchen, das akkreditierte Journalisten beim ENF-Kongress bekamen. Wieviel Freiheit bei der Berichterstattung möglich war, entschieden Farbe und Wortlaut des Plastiksets. Neben der roten „Press“ (zu deutsch Presse) gab es die lilafarbene „Press restricted“ (eingeschränkte Presse).
    Foto: Marcus Schwarze

    Das ZDF durfte ebenfalls mit seinen Kameras nur in die Pressekonferenz, nicht aber in den großen Saal, in dem die Redner sprachen – anders als rund 50 Kameraleute internationaler Sender. Ohnehin sollte sich die Presse nur auf der Tribüne tummeln, nicht aber auf der Publikumsebene. Eine Vermischung zwischen Presse und Publikum sollte vermieden werden, Fragen oder Diskussionen waren in der von Reden bestimmten Hauptveranstaltung nicht vorgesehen.

    Darüber hinaus gestaltete sich die Pressearbeit während der ENF-Tagung schwieriger als sonst bei ähnlichen Veranstaltungen. Bereits bis 6 Uhr am Morgen mussten Kameraleute und Fotografen ihre Geräte aus Sicherheitsgründen in den Saal bringen, der anschließend von Polizisten mit Spürhunden auf Sprengstoff untersucht wurde. Die Geräte konnten zwar zurückgelassen werden – „Veranstalter und Saalbetreiber übernehmen bei Verlust oder Beschädigung in diesem Falle keine Haftung“, hieß es jedoch von Seiten der ENF. Die Reporter blieben also größtenteils vor Ort. Das hatte zur Folge, dass noch vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung gegen 11 Uhr die meisten Journalisten bereits völlig übermüdet auf ihren Sitzen Platz genommen hatten – halb sitzend, halb liegend, halb wach, halb schlafend. „Ich schlafe gleich ein“ war ein Satz, der an diesem Tag häufig zu hören war.

    Der Arbeitstraum für die Presse.
    Der Arbeitstraum für die Presse.
    Foto: Nina Kugler

    Einige Journalisten beklagten zudem die Organisation der Pressearbeitsmöglichkeiten vor Ort. Die mangelnde Beschilderung in der Rhein-Mosel-Halle war noch das geringste Problem, so dass einige der 365 Journalisten teilweise orientierungslos durch die weiten Gänge der Rhein-Mosel-Halle irrten. Viel schwerer wogen die eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten. Ein hergerichteter Arbeitsraum für Journalisten war sehr klein: Lediglich rund 50 bis 60 Journalisten konnten dort Platz finden. Die restlichen waren gezwungen, in den Fluren auf dem Boden zu sitzen und so ihre Artikel zu schreiben.

    Zudem war die Versorgung mit Stromanschlüssen für die große Zahl der Journalisten völlig unzureichend und die Räumlichkeit für die Pressekonferenz erschien unterdimensioniert. Mitgebrachte Lebensmittel waren den Journalisten abgenommen worden, ohne dass diese Sicherheitsregelung angekündigt war. Immerhin gab es ein ordentliches Catering.

    „Durch künstliche Verknappung erhöht sich das Interesse. Gut gemacht, Marcus Pretzell“, kommentierte ein Leser dieses Tweets. Ein Reporter des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) wurde aus dem Gebäude verwiesen, nachdem er einen Besucher interviewen wollte. „Fragen zu stellen, ist hier nicht erlaubt“, sagte seinem Bericht zufolge ein schwarz gekleideter Ordner und unterbrach damit das Gespräch. Als der Reporter weiter drängte, wurde er von weiteren Ordnern vor die Tür begleitet.

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