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  • Ein Stück Geschichte muss weichen: "Kroppacher Türmchen"wird abgerissen

    Kroppach. Am früheren Hotel Müller am Ingelbacher Bahnhof nagt der Zahn der Zeit. Das traditionsreiche Gebäude, vielen heute nur noch als „Kroppacher Türmchen“ bekannt, soll nun abgerissen werden. 

    Die Bausubstanz des ehemaligen Hotels Müller in Kroppach (später „Kroppacher Türmchen“) ist stark marode. Daher wird das Gebäude abgerissen. Foto: Röder-Moldenhauer
    Die Bausubstanz des ehemaligen Hotels Müller in Kroppach (später „Kroppacher Türmchen“) ist stark marode. Daher wird das Gebäude abgerissen.
    Foto: Röder-Moldenhauer

    Jahrzehntelang war das traditionsreiche Hotel Müller am Ingelbacher Bahnhof in Kroppach das Eingangstor zu einem Urlaub in der Kroppacher Schweiz. Ende der 70er der 80er-Jahre begann dann allerdings eine unruhige Zeit für das markante Gebäude, das vielen Jüngeren heute nur noch als das „Kroppacher Türmchen“ und als Bordell ein Begriff ist. Jetzt steht dem 1904 errichteten Bau das Ende bevor: Der heutige Besitzer möchte das inzwischen marode und seit Jahren leer stehende Objekt abreißen lassen und das Grundstück anderweitig gewerblich nutzen. Ein Grund für die Schwestern Meike Elfers und Ursula Räder, Urenkelinnen des Hotelgründers Carl Müller, noch einmal auf die bewegte Geschichte des Hauses zu blicken, in dem sie aufgewachsen sind.

    1899 baute der Kroppacher Kaufmann Carl Müller mit seiner Ehefrau Hedwig Zeiger (die gemeinsam neun Kinder hatten) zunächst ein Lagerhaus mit Bahnanschluss und 1904 dann in unmittelbarer Nähe zum Ingelbacher Bahnhof eine Bauhandlung mit Landhandel sowie ein großes Hotel mit Gaststätte, Lebensmittelgeschäft und Eisenwarenhandel. Carl starb 1905, seine Witwe Hedwig wohnte bis zu ihrem Tod 1913 im Hotel Müller. Zunächst übernahmen dann die Söhne Julius und Willi die Geschäfte gemeinsam. Nach dem 1. Weltkrieg machte sich Willi am Bahnhof Hattert mit einem Bauhandel selbstständig, und Julius wurde alleiniger Inhaber des Baugeschäfts und des Hotels in Kroppach, zu dem inzwischen auch eine Tankstelle gehörte. Julius' erste Ehefrau Paula Beinhauer, mit der er vier Kinder hatte, starb 1920, 1921 heiratete er zum zweiten Mal: Die Auserwählte war Lina Enders. Aus dieser Beziehung gingen drei weitere Kinder hervor.

    Als Julius 1943 starb, hatten bereits seine beiden ältesten Söhne Karl und Werner Ferdinand die Geschäftsführung übernommen: Karl kümmerte sich um das Bauunternehmen, Werner ums Hotel. Während Werners Zeit in französischer Kriegsgefangenschaft sprangen Familienangehörige ein. Lediglich für seine Heirat mit Elise Schmidt durfte der neue Hoteleigentümer für eine Woche aus der Gefangenschaft in den Westerwald reisen. Aus dieser Ehe gingen in der Folge die beiden Töchter Meike (geboren 1949) und Ursula (geboren 1952) hervor, die sich heute mithilfe alter Bilder und Dokumente an ihre Jugend im Hotel Müller erinnern.

    Seine erste Hochphase hatte das Haus lange vor ihrer Geburt: In den 20er-Jahren entfaltete sich erstmals der Tourismus im Westerwald. Kurgäste aus dem Ruhrgebiet oder Berlin, viele Jäger, die sich zur gemeinsamen Jagd trafen: Sie alle gingen im Hotel Müller ein und aus, das vor allem von seiner guten Lage direkt an der Bahnlinie profitierte. Die einzige Tankstelle weit und breit zog zusätzlich Kundschaft an. Selbst Graf Alexander von Hachenburg soll des Öfteren hier getankt haben. „Man sagt, er habe den Treibstoff nicht immer bezahlen können“, weiß Meike Elfers aus frühen Erzählungen. Gelegentlich soll der Graf auch die Gaststube besucht haben, um sich mit Gründerin Hedwig und ihrem Sohn Julius zu unterhalten. Zu den Räumlichkeiten im Gebäude gehörte unter anderem ein Billardzimmer, in dem nach dem Krieg zu Klaviermusik und Schallplatten getanzt wurde.

    Neben Urlaubern lebten zeitweilig immer zahlreiche Verwandte aus nah und fern im Hotel Müller, die auch bei der Arbeit im Fremdenverkehr mit anpackten. 1945 besetzten amerikanische Soldaten das Gebäude „und hausten darin“, wie es in den Unterlagen von Meike Elfers heißt. In dieser Phase fanden die Bewohner in einer Scheune auf dem Gartengelände Unterschlupf, nachdem sie zuvor während des Krieges in Bombennächten Zuflucht in den Gewölbekellern des Hotels gesucht hatten.

    Eine Renaissance erlebte das Haus dann in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Werner und seine Frau Elise tätigten große Investitionen, schalteten Anzeigen in verschiedenen überregionalen Zeitungen und bei Verkehrsvereinen und warben für einen Urlaub in der Kroppacher Schweiz und für Tanzveranstaltungen. Zu dieser Zeit führte Inhaber Werner den Familienbetrieb mit sieben Frauen des „Stammpersonals“ (Stiefmutter, Gattin, Schwester, verwitwete Cousine, zwei Töchter, Köchin) sowie ein bis zwei weiteren Hausangestellten. 1966 wurde ein moderner Selbstbedienungsladen angebaut, neue Toiletten und Duschen wurden errichtet. Vor allem Stammgäste aus dem Ruhrgebiet und aus Holland machten im Hotel Müller „Urlaub mit Familienanschluss“. Besonders verehrt wurde, nicht nur wegen ihrer Kochkünste, Seniorchefin Lina Müller. Aber auch Einheimische besuchten das Haus. Etwa um nach der Arbeit beim Dämmerschoppen das Neueste aus dem Ort zu erfahren. Am Sonntagmorgen traf man sich zum Frühschoppen und spielte Skat. Die Gastwirtschaft war Treffpunkt für junge Leute, die hier tanzten, Musik hörten, Fernsehen schauten, kickerten oder auch den Partner beziehungsweise die Partnerin fürs Leben fanden. So hatte der Ort eine wichtige soziale Funktion.

    Chef Werner F. Müller war ein Original. Bekleidet war er stets mit Anzug und Krawatte. Zu erkennen war er an einer Zigarre, die er fast immer in der Hand hielt. Er war ein beliebter Gesprächspartner, unter anderem für Vertreter auf der Durchreise. Bis auf den ersten Weihnachtsfeiertag war die Gaststube immer geöffnet. Die Töchter Meike und Ursula mussten trotz ihres Schulbesuchs regelmäßig mithelfen – zum Beispiel bedienen oder Autos und Mopeds betanken. Gemeinsame Urlaube als Familie entfielen dadurch weitgehend. „Dafür gab es in unserem Haus immer Leben – das typische Leben einer Großfamilie in einem öffentlichen Familienbetrieb. Alt und Jung arbeiteten gemeinsam, Freud und Leid wurden geteilt, man stand füreinander ein, übernahm früh Verantwortung. Der Preis: Kaum Privatleben“, berichten Meike Elfers und Ursula Räder, die nach ihrem Studium andere berufliche Richtungen eingeschlagen haben.

    Ein verändertes Reiseverhalten und zunehmende gesundheitliche Schwierigkeiten von Werner Müller (gestorben 1979) führten 1976 zur Schließung des Hotels. 1978 wurde das Haus an eine jugoslawische Familie verkauft, die hier stattdessen das Spezialitätenrestaurant „Belgrader Hof“ eröffnete. Doch der neue Inhaber verstarb kurz darauf nach einem Treppensturz. Der Versuch der Witwe, das Lokal am Laufen zu halten, scheiterte. Schließlich übernahm die Bank das Objekt. Die Folgejahre können Meike Elfers und ihre Schwester nicht mehr genau rekonstruieren. So steht auch nicht genau fest, ab wann sich der zwielichtige Barbetrieb entwickelte. Vor knapp zehn Jahren erwarben dann die heutigen Eigentümer das stark baufällige und längst leer stehende Gebäude in einer Zwangsversteigerung. Eine Sanierung der Immobilie sei ein finanziell nicht kalkulierbares Risiko, heißt es.

    Nadja Hoffmann-Heidrich

    Opernsänger preist das Hotel Müller

    Jahrelang verbrachte der Hamburger Opernsänger Pastor seinen Sommerurlaub im Hotel Müller am Bahnhof Ingelbach in Kroppach. Dabei ließ er es sich nicht nehmen, einige Arien zum Besten zu geben – begleitet von Meike Elfers (geborene Müller) am Klavier. Im Juli 1966 dichtete er einen Minnegesang auf das Haus und schrieb diesen ins Gästebuch nieder:

    „Seit Jahren die Devise galt,

    wir fahren in den Westerwald.

    Ob Sonne, Regen, Donnerkrach,

    das Ziel blieb Bahnhof Ingelbach.

    Denn hier beginnt der Urlaubsreiz,

    der Eingang zur Kroppacher Schweiz.

    Als delikater Magenfüller

    ist bekannt das Hotel Müller.

    Am Küchenherd, der nie erkaltet,

    mit hoher Kunst die Oma waltet.

    Da sie nicht alles schafft allein,

    springt Fräulein Gertrud kräftig ein.

    Auch Meike und die Ursula

    sind in Bedrängnis immer da.

    Im Laden hat Frau Reusch ihr Reich

    und alle sind bedient sogleich.

    Auch sie ist freundlich und gelassen

    und abends sind gefüllt die Kassen.

    Zur allgemeinen Zimmerpflege

    ist Fräulein Gerda immer rege.

    Mit immer freundlichem Gesichte

    serviert sie täglich die Gerichte.

    Stets freundlich und nie aufgebracht

    Frau Müller über alles wacht.

    Mit Ruhe, Charme und nie in Hast

    bewältigt sie des Tages Last.

    Von sieben Frauen ganz umhegt,

    Herr Müller seine ,Hähne' pflegt.

    Der ,Schultheißhahn' den Durst stets stillt,

    der ,Shell-Hahn' manchen Tank noch füllt.

    Zuvorkommend und stets mit Witz

    versendet er manch Geistesblitz.

    Nun hab ich dieses Haus besungen,

    ich glaub, es ist mir fast gelungen.

    Auch dieses Jahr ist bald verronnen,

    die Pastors werden wiederkommen.“

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