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    Kreis BirkenfeldNaturschützer wenden sich gegen Ausverkauf der Heimat

    Aktuelle Berichte in der Nahe-Zeitung über Windradbaumaßnahmen und -planungen im Oberen Nahebergland (Dienstweiler, VG Baumholder, Reichenbach) haben die Naturschutzverbände Pollichia, Nabu, die Naturschutzinitiative (NI) sowie die Landesaktionsgemeinschaft Natur und Umwelt zum Anlass genommen, in einer gemeinsamen Pressemitteilung das Problemfeld Windenergieanlagen (WEA) und Naturschutz aus ihrer Sicht zu beleuchten. Und da schneidet die Windkraft erwartungsgemäß nicht gut ab...

    Wie dicht Rotmilane an Windräder geraten, zeigt dieses Foto, aufgenommen vor wenigen Tagen bei Gimbweiler.  Foto: Pollichia
    Wie dicht Rotmilane an Windräder geraten, zeigt dieses Foto, aufgenommen vor wenigen Tagen bei Gimbweiler.
    Foto: Pollichia

    Hier die Presserklärung im Wortlaut:

    „Laut Bericht der Nahe-Zeitung vom 6. April schlugen die Vertreter der EnergyEffizienz GmbH bei der Vorstellung des Klimaschutzkonzepts der Verbandsgemeinde Baumholder vor, bezüglich der Windkraft die ,Potenziale des Flächennutzungsplans stärker umzusetzen' und fügten sogleich hinzu, dies sei ,eine Maßnahme, die vor allem bei Naturschützern nicht gut ankäme'.

    Kein Beitrag zum Klimaschutz

    Dies ist sehr milde ausgedrückt. Wir wenden uns entschieden gegen den Ausverkauf der Heimat im Oberen Nahebergland. Weitere Windräder in diesem Gebiet lehnen wir entschieden ab, weil sie einerseits die Landschaft in einem bisher nicht gekannten Ausmaß verschandeln und Fledermäuse und Vögel erschlagen, während sie andererseits keinen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz leisten.

    Trotz der massiven Steigerung der regenerativen Stromerzeugung bleibt der Kohlendioxidausstoß im Stromsektor unverändert hoch. Da die Lieferung von Windstrom zwischen Totalausfall und Überproduktion schwankt, und es bis heute keine befriedigenden Speichermöglichkeiten gibt, wird in windschwachen Phasen (die an Land weitaus überwiegen) der Strom durch Kohlekraftwerke bereitgestellt, die nicht vollständig heruntergefahren werden können, also andauernd Kohlendioxid ausstoßen. Der Bau neuer Windräder in der jetzigen Situation dient also keineswegs dem Klimaschutz, sondern lediglich dem Profit einiger Projektentwickler, Betreiber und Verpächter auf Kosten aller Stromverbraucher. Vor diesem Hintergrund ist es für Naturschützer extrem frustrierend zu erleben, was alles für die Nutzung der Windenergie aufgegeben wird:

    Zuallererst der Landschaftsschutz. Das geht so weit, dass die Protagonisten des ausufernden Windradbaus den Landschaftsschutz als antiquiert und überholt abtun und Landschaftsschützer als ewig Gestrige belächeln. Lediglich zur Tourismuswerbung ist die Landschaft noch gut, die Windräder blendet man dabei aus.

    Rotmilane sind erheblich gefährdet

    Da es sich beim Klimaschutz um ein hehres Ziel handelt, soll auch der Artenschutz zurückstehen, obwohl die sogenannte Energiewende längst eine profitgesteuerte Eigendynamik entwickelt hat. Dass die Gewinnsucht hier den Klimaschutz als sogenanntes öffentliches Interesse vorschieben kann, macht es dem Naturschutz besonders schwer. Nehmen wir als Beispiel den Schutz des Rotmilans, einer Vogelart , die wegen ihres auf Mittel- und Südwesteuropa beschränkten Verbreitungsgebiets mit einem Gesamtbestand von etwa 25.000 Paaren aus globaler Sicht zu den seltenen Arten zählt. Zum Vergleich: Vom Afrikanischen Elefant, um dessen Bestand wir uns zu Recht Sorgen machen, existieren noch etwa 500.000 Tiere. Da mehr als die Hälfte der 25.000 Rotmilanpaare in Deutschland brüten, haben wir eine besondere Verantwortung für die Erhaltung dieser Art. Leider werden Rotmilane infolge ihrer Jagdtechnik besonders häufig von den Rotoren der Windräder erschlagen. Wird ein Altvogel in der Brutsaison getötet oder verletzt, geht in der Regel die ganze Brut verloren. Die Arbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten Deutschlands, also ein Gremium versierter Ornithologen und Vogelschützer, hat daher nach umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen im sogenannten „Helgoländer Papier“ dringend empfohlen, einen Mindestabstand von 1500 Metern zwischen WEA und Rotmilanhorsten einzuhalten.

    In Verdichtungsräumen der Rotmilanverbreitung sollten grundsätzlich keine Windräder gebaut werden. In Anbetracht der kommerziellen Attraktivität der Windenergienutzung liegt es auf der Hand, dass die einflussreiche Lobby der Windindustrie alles tut, um den „Störfaktor“ Rotmilan zu minimieren.

    Mitschuld des Umweltministeriums

    Da findet sich ein Professor für Rechts- und Politkwissenschaft, der das Helgoländer Papier der Vogelschutzwarten als unwissenschaftlich brandmarkt, obwohl der Bayerische Verwaltungsgerichtshof dieses bereit im März 2016 als anzuwendende Fachkonvention anerkannt hat. Ein Schweizer Ingenieurbüro, das als Projektentwickler für Windenergiefirmen tätig ist, veröffentlicht ein Papier mit dem Titel „Windenergie und Rotmilan: Ein Scheinproblem“. Im Nachhinein müssen die Autoren zugeben, dass die „Studie“ von der Windradlobby gesponsert wurde Das naturschutzfachlich nicht haltbare Lobbypapier wird nicht nur von der Windindustrie freudig begrüßt, sondern leider auch von Politikern bestimmter Couleur und sogar vom rheinland-pfälzischen Umweltministerium argumentativ benutzt.

    Auch auf der lokalen Ebene wird der Rotmilan zum Störfaktor. So können wir in der Nahe-Zeitung vom 1. April lesen, dass die Windenergiefirma ENP, die in der Reichenbacher Gemarkung vier Windräder errichten will, dort „eine Rotmilanproblematik“ hat. Hier hat die Regionale Planungsgemeinschaft auf Betreiben der Verbandsgemeinde ein Vorranggebiet für die Windenergienutzung ausgewiesen, obwohl das Gebiet von mehreren Rotmilanpaaren als Nahrungsraum genutzt wird.

    Den Planern ist allerdings kein Vorwurf zu machen: Das Umweltministerium hat ihnen keine brauchbaren Daten zur Rotmilanverbreitung an die Hand gegeben, hat sich sogar geweigert, vor Festlegung der Vorranggebiete die Rotmilanvorkommen in Rheinland-Pfalz zu erfassen. Der Schutz der Milane sei garantiert, weil Im Rahmen der immissionsschutzrechtlichen Einzelfallprüfung die Vorkommen durch den naturschutzfachlichen Planungsbeitrag erfasst und berücksichtigt würden. Nun hat eben diese Prüfung ergeben, dass es im Reichenbacher Planungsraum so viele Flugbewegungen des Rotmilans gibt, dass „von einem Verbotstatbestand ausgegangen werden muss und eine Genehmigung nicht möglich ist“.

    Misstrauen gegenüber WEA-Betreibern

    Damit sollte der Fall eigentlich erledigt sein. Doch weit gefehlt! Die Firma ENP will sich das lukrative Geschäft nicht durch den Rotmilan verderben lassen und bietet der Genehmigungsbehörde „Lösungsansätze“, mit denen sie den Bau der Windräder im Lebensraum der gefährdeten Art durchsetzen möchte. In allen Fällen sollen alle oder einzelne Anlagen des Windparks bei Milan-Flugbetrieb abgeschaltet werden. Wenn man bedenkt, wie hoch die finanziellen Einbußen bei Abschaltung sind und wenn man erlebt hat, dass Windräder trotz entsprechender Auflagen bei starkem Kranichzug in unsichtiger Wetterlage nicht abgeschaltet wurden, mag man diesen Versprechungen nicht trauen. Wer soll kontrollieren, ob sie immer eingehalten werden? Wenn man gesehen hat, dass bei einem Windrad über Wochen die für die Flugsicherheit so wichtige Nachtbeleuchtung nicht funktionierte, obwohl der Defekt gemeldet war, wie soll man da noch an eine zuverlässige Milanabschaltung glauben? Auch naturschutzfachlich ist dieser „Vorschlag“ völlig untragbar.

    Geradezu abenteuerlich mutet der Vorschlag an, die Anlagen „über ein Echtzeitmonitoring von einem Ornithologen“ abschalten zu lassen. Sind die Gewinne so hoch, dass man zusätzlich zu dem Stillstand noch einen Ornithologen finanzieren kann? Der dritte Vorschlag, durch eine Video-Fotosensorik den Flugbetrieb zu erkennen und die Anlagen abzuschalten, bezieht sich auf ein Verfahren, dessen Wirksamkeit keineswegs belegt ist.

    Im Übrigen: Wie sollen wir auf die Schutzwirkung derart subtiler Strategien vertrauen in einem verminten Terrain, wo sich im Vorfeld von Windradplanungen brutale Vorgänge abspielen, wie der Versuch, eine Milankartierung zu verhindern, wie versuchte und vollendete Horstzerstörungen bis hin zu Vergiftungsaktionen.

    Wir können der Kreisverwaltung nur dringend empfehlen, nicht auf die „Lösungsvorschläge“ der Firma ENP einzugehen und den ablehnenden Bescheid aufrecht zu erhalten."

    • Unterzeichnet ist die Presseerklärung von Willi Weitz, POLLICHIA,
      Christan Jungmann, NABU, Harry Neumann, Naturschutzinitiative e. V. (NI), und Heinz Schlarb, Landesaktionsgemeinschaft Natur und Umwelt

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