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  • Interview Christa Greis aus Pünderich ist Trainerin für Achtsamkeit am Arbeitsplatz - Der RZ erläutert sie, was dahintersteckt

    Wer bewusst auf sich achtet, reduziert Stress: Ein Interview zum Thema Achtsamkeit

    Pünderich. Schnell die 50. E-Mail am Tag checken, hier noch ein Telefonat, spätabends zu einem Meeting. Den Arbeitsalltag vieler Menschen prägt heutzutage oft vor allem eines: Stress. Ein Konzept, das auf Stressreduktion und innere Ruhe setzt, verbirgt sich hinter dem Schlagwort „Achtsamkeit“. Christa Greis, die in Pünderich wohnt, ist Trainerin für Achtsamkeit am Arbeitsplatz. Mit der RZ sprach die 60-Jährige darüber, wie es gelingen kann, mithilfe von Verhaltensänderungen zu einem stressärmeren Alltag zu gelangen.

    Das Konzept der Achtsamkeit hat das Leben der Pündericherin Christa Greis verändert und verbessert. Inzwischen lehrt sie es selbst.
    Das Konzept der Achtsamkeit hat das Leben der Pündericherin Christa Greis verändert und verbessert. Inzwischen lehrt sie es selbst.
    Foto: David Ditzer

    Wie bauen Sie einen Achtsamkeitskurs auf?

    Das Training, wie ich es lehre, besteht aus sieben Übungen: Als Erstes kommen die achtsame Körperentspannung und die achtsame Körperwahrnehmung, der sogenannte Bodyscan. Letztgenannter ist eine Übung, die man im Liegen oder im Sitzen absolviert. Da reise ich praktisch durch meinen Körper und nehme ihn vom großen Zeh bis zu den Haarspitzen wahr. Wenn ich in dieser Beobachtungsphase bin, denke ich nicht aktiv.

    Wie geht es weiter?

    Das Dritte ist die achtsame Körperbewegung. Yoga im Stehen, einfach auszuführende Übungen, die mit dem Atem verbunden sind. Der Atem führt dabei die Bewegung. Als Viertes folgt das achtsame Sitzen, Sitzen in der Meditation. Jetzt erfährt der oder die Praktizierende, in Ruhe und Stille zu sitzen, ohne sich von Gedanken beeinflussen zu lassen. Den Atem beobachtend.

    Um was zu erreichen?

    Ich entwickle mein Bewusstsein dafür, ganz im jetzigen Augenblick zu sein. Ich beobachte, wann ich wieder in mein gewohntes Gedankenkarussell einsteige. Ich heiße meine Gedanken und Gefühle willkommen, lehne sie nicht ab, nehme sie bewusst wahr, ohne tiefer in sie einzusteigen. Dann kehre ich mit der Aufmerksamkeit wieder zum Atem zurück. Als Fünftes folgt das achtsame Gehen.

    Was ist das?

    Ein bewusstes Gehen im Kreis, ich gehe ganz langsam, konzentriere mich auf jeden Schritt, spüre das Heben und Aufsetzen des Fußes, nehme das Gehen und meinen Atem wahr. In einer Reflexionsveranstaltung nach einem mehrwöchigen Training lernen die Teilnehmer das achtsame Teetrinken oder eine Anleitung zum achtsamen Essen kennen, praktische Anregungen, die sich gut in den Alltag einfügen lassen. Mit dem achtsamen Innehalten verfüge ich am Ende über sieben Übungen, die ich, je nachdem, wie es mir gerade geht, anwenden kann. Das heißt, ich muss mich nicht zwingen zu sitzen, wenn ich merke, ich habe gerade gar nicht die nötige Ruhe dafür. Dann gehe ich eben in die Bewegung.

    Wie viel Zeit braucht es, um achtsamer mit sich selbst umzugehen?

    Die Frage lässt sich nur individuell beantworten. Aber der Gehirnforschung zufolge braucht es mindestens sechs Wochen, um Dinge neu zu lernen und eine Verhaltensänderung einzuleiten. Das heißt, wenn ich sechs Wochen lang etwas kontinuierlich übe, werden für mich oder die Menschen in meiner Umgebung erste Veränderungen spürbar. Wenn ich das nicht tue, darf ich mich nicht wundern, dass ich keinen wirklichen Erfolg erziele. Nachhaltigkeit ist also wichtig. Der MBSR-Kurs geht über acht Wochen.

    Braucht es da nicht große Disziplin, um diese Übungen in den Alltag zu integrieren?

    Stimmt. Auch deshalb hat der MBSR-Ausbilder Rüdiger Standhardt die Achtsamkeitsübungen in ein Modell eingebettet, das die Praxis am Arbeitsplatz möglich macht. In dem von ihm und seiner Frau Cornelia Löhmer konzipierten Training sind die Übungen eine Viertelstunde lang. Der Einstieg geschieht über Progressive Muskelentspannung. Diese Übungen ermöglichen es, körperliche An- und Entspannung spüren zu lernen.

    Also spielt die körperliche Komponente beim Thema Achtsamkeit durchaus eine wichtige Rolle. Zunächst einmal klingt es doch eher nach einer inneren Einstellung, einer Geisteshaltung.

    Diese Geisteshaltung und innere Einstellung entwickele ich, wenn ich mich mithilfe der Übungen darauf einlasse, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Es gibt wenige Menschen, die es von Natur aus hinkriegen, das Gedankenkarussell, das sich in ihrem Kopf dreht, anzuhalten und auszusteigen. In dem Moment, wo ich ins Erspüren körperlicher Vorgänge gehe, etwa der Anspannung eines Armmuskels, kann ich nicht über den Job grübeln. Ich kann einfach nicht beides machen. Das wirklich wahrzunehmen, ist für mich mit das Wichtigste. Ebenso wie die Tatsache, dass wir nicht unsere Gedanken sind und nicht alles glauben sollten, was sie uns erzählen.

    Was meinen Sie damit?

    Wir neigen dazu, uns selbst schlechtzumachen und eher negativ zu bewerten. Der Sinn des Achtsamkeitstrainings ist es, völlig im jeweiligen Augenblick zu sein und ohne Bewertung, ganz bewusst wertungsfrei. Wenn mir das mit mir selbst gelingt, kann ich diese Aufmerksamkeit auch meinem Partner oder meiner Partnerin, meinen Kindern und Kollegen eher entgegenbringen. Achtsamkeit verändert die Kommunikation mit anderen, weil ich auf dieser Ebene an und mit mir selbst arbeite.

    Viele Menschen würden wahrscheinlich trotzdem einwenden, sie hätten im Alltag überhaupt nicht die Zeit dafür. Aber wie viel Zeit muss ich denn investieren?

    Das ist das größte Problem. Es gehört zum Prozess des Lernens, sich diese Zeit zu nehmen. Das hat etwas mit Selbstwert und Selbstliebe zu tun. Wichtig ist, eine Nische zu finden und sich eine feste Zeit einzuplanen zum Üben. Zu welcher Tageszeit, an welchem Ort ist dann die ganz persönliche Entscheidung. Wenn es mit dem Üben nicht jeden Tag funktioniert, ich es aber schaffe, trotz Druck oder Hektik zwei- oder dreimal achtsam innezuhalten, bin ich trotzdem in meinem Prozess, achtsamer zu leben.

    Es darf also kein weiterer Punkt auf einer Aufgabenliste sein, von der ich weiß, dass ich sie ohnehin nicht abgearbeitet bekomme.

    Korrekt. Es geht darum, dass ich lerne, eine gewisse Disziplin mir selbst gegenüber zu entwickeln, aus eigenem Antrieb stärker darauf zu achten, was mir guttut.

    Wie kann das gelingen?

    Alle Übungen können im Sitzen oder Stehen und damit praktisch überall durchgeführt werden. Man kann sie etwa in die Mittagspause integrieren – mit dem Vorteil, dass man sich für eine gewisse Zeit rauszieht. Das hat auch zur Folge, dass ich die Pausen wirklich einhalte und nicht noch anfange, mein Brot am PC zu essen. So kann eine Übung sein, mir eine Viertelstunde zu gönnen, in der ich achtsam esse, rieche, schmecke, dankbar bin für das, was ich in der Butterdose habe. Mir bewusst werde, wie kostbar Nahrung ist. Es ist spannend, sich damit zu beschäftigen.

    Ziehen derlei Ansätze tatsächlich in den Arbeitsalltag ein?

    Zunehmend. Immer mehr Firmen bieten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, ein Achtsamkeitstraining über ein betriebliches Gesundheitsmanagement anzugehen. Das können kleine und mittlere Betriebe, Dienstleistungsunternehmen und Behörden sein. Die Menschen, die meine Kurse bei der Katholischen Erwachsenenbildung besuchen, tun dies jedoch auf privater Ebene. In Kliniken, zum Beispiel in der Reha, gehören Achtsamkeitsübungen mittlerweile zum Programm.

    Taugen Achtsamkeitsansätze, um Menschen, die vor einem Burn-out stehen, davor zu bewahren?

    Achtsamkeitsübungen können bei ausreichender Praxis den Ausstieg aus dem Hamsterrad und dem ständigen Gefühl des Getriebenseins bringen. Das Training vermittelt Impulse zur Eigenreflexion: Welche Möglichkeiten habe ich noch nicht ausgeschöpft, damit es mir besser geht? Bewegung, Sport, Hobbys, Ernährung, Freizeit und Familie, Dankbarkeit, Sicherheit. Das Training darf aber keinesfalls dazu dienen, dass der Mensch in der Tretmühle noch mehr aushält.

    Sondern dazu, zu erkennen, wo Schluss ist?

    Ja. Es geht darum, Selbstverantwortung zu übernehmen, auch Grenzen zu setzen und Grenzen zu wahren. Für die Geschäftsführung eines Betriebes kann das mitunter unangenehm werden. Wenn sich ein Unternehmer seinen Leuten ein Achtsamkeitstraining anbietet, muss er auch damit rechnen, dass Festgefahrenes in Bewegung kommt. Es könnte sein, dass Konflikte klarer werden, eine offenere Kommunikation in Gang kommt. Achtsamkeitstrainings können zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens beitragen.

    Wie meinen Sie das?

    Egal, um welches Unternehmen es sich handelt, Mitarbeitergesundheit und Mitarbeiterzufriedenheit sind wesentliche Beiträge zum wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Menschen, die sich zur Arbeit schleppen, nur noch Dienst nach Vorschrift machen und innerlich gekündigt haben, werden eher krank.

    Das Gespräch führte David Ditzer

    David Ditzer zum Achtsamkeitstest

    Eine Übung zum Tee? Momente, die etwas ändern

    Okay, zugegeben, eine Tasse Kaffee oder Tee bekomme ich oft angeboten, wenn ich zu einem Interviewtermin erscheine. Aber statt Gebäcks eine kleine Achtsamkeitsübung dazu? Das war eine Premiere, die mir Christa Greis in Pünderich bescherte. Kurze Zweifel, die Neugier siegt, also Augen zu und durch – wortwörtlich.

    Nichts sehend, folge ich Greis' warmer, ruhiger Stimme. Anfangs bestätigt der Redakteur in mir das Gehörte mit einem „Mmh“ oder Ja, Fragen schießen durch den Kopf. Mit der Aufforderung, mich auf den Atmen oder Muskelspannungen zu besinnen, sinkt die Herzfrequenz, ob gefühlt oder tatsächlich. Auf der Anreise Erlebtes kehrt vors innere Auge zurück, Ruhe ein. Momente, die etwas ändern.

    E-Mail: david.ditzer@rhein-zeitung.net

    Am eigenen Leib erfahren, was Stress anrichten kann

    Seit ihrer Ausbildung zur Arzthelferin befasst sich Christa Greis mit der Frage, welche Faktoren und Lebensumstände Menschen krankmachen können. Wie kann man sie darin unterstützen, in schwierigen Situationen gesund zu bleiben? Nebenberuflich bildete sich die Pündericherin zur Kinesiologin fort. 2011 musste sie „am eigenen Leib erfahren, wie sich ein Burn-out anfühlt und die Konsequenzen daraus ziehen“.

    Sie besuchte einen MBSR-Kurs in Trier. MBSR steht für „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) nach dem US-Biologen Jon Kabat-Zinn, Begründer der Stress Reduction Clinic in Massachusetts (USA). Seit 2015 bietet Greis als Achtsamkeitstrainerin Kurse über die Katholische Erwachsenenbildung Mittelmosel an. Infos bei der KEB, Tel. 02673/ 961.947 20, oder bei Christa Greis, Tel. 06542/963.474, E-Mail info@energy-greis.de. dad

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