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    Bad KreuznachWohlfühlatmosphäre im Gerichtssaal: Diskoschläger kann mit Urteil gut leben

    Urteil im Prozess gegen den 21-jährigen türkischen Staatsbürger, der in den Jahren 2015 und 2016 bei mehreren Vorfällen zahlreiche Personen auf brutale Art und Weise verletzte: Der junge Mann muss für drei Jahre und sieben Monate in eine Jugendstrafanstalt.

    In der mittlerweile umbenannten Diskothek Space Park provozierte der Aggressor gleich mehrere folgenschwere Schlägereien.
    In der mittlerweile umbenannten Diskothek Space Park provozierte der Aggressor gleich mehrere folgenschwere Schlägereien.
    Foto: Josef Nürnberg

    Das Bad Kreuznacher Amtsgericht unter Vorsitz von Richter Roman Hamel sprach den geständigen, bereits dreifach vorbestraften Multitäter nach sechs Verhandlungstagen in sechs Fällen der gefährlichen Körperverletzung sowie in drei Fällen der einfachen Körperverletzung nach Jugendstrafrecht schuldig und blieb dabei einen Monat unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Trotzdem verließ der Verurteilte den Prozesssaal zunächst als freier Mann. Bis zu seinem Haftantritt setzte Richter Hamel den Haftbefehl außer Vollzug – gegen strenge Auflagen. Der 21-Jährige muss bei seinen Eltern wohnhaft bleiben, darf deren Haus zwischen 20 und 6 Uhr nicht verlassen. Dies wird täglich von der Polizei und Staatsanwaltschaft kontrolliert. Das war Teil einer Abmachung zwischen Strafverteidiger Olaf Langhanki und Staatsanwalt Claus Nils Leimbrock, die erst dazu führte, dass der Angeklagte den doch recht umfangreichen Vorwurfskatalog fast vollständig einräumte und sich bei seinen Opfern entschuldigte. Der Strafrahmen – zwischen drei Jahren und sechs beziehungsweise neun Monaten – wurde dabei ebenfalls festgezurrt.

    Rückblende: Der Verurteilte randalierte unter anderem bei einem Vorfall im Herbst 2015 in der Diskothek Space Park, seinem bevorzugten Tatort. Dort provozierte er im besagten Zeitraum einige Schlägereien. Sein Vorgehen war immer gleich: Völlig ohne Vorwarnung suchte er sich willkürlich Opfer aus, die er sofort brutal traktierte. Mehreren Geschädigten schlug er mit der Faust ins Gesicht, ließ auch nicht von ihnen ab, als sie zu Boden gingen, agierte dabei häufig gemeinschaftlich. Eine Frau schubste er zu Boden, schlug sie mit einer Gürtelschnalle und peitschte sie danach mit dem Gürtel aus.

    „Er wollte Angst und Schrecken verbreiten, und das ist ihm gelungen“, fasste Staatsanwalt Leimbrock in seinem Plädoyer zusammen. Gleichzeitig habe er aber ein naives Verhalten an den Tag gelegt, sei mit seinen Straftaten hausieren gegangen, formulierte Leimbrock. Der Täter trat unter seinem Pseudonym Apokalypse in mehreren Rapvideos in Erscheinung und besang dort einige Straftaten, die ihm und seinem Umfeld, der Gruppierung „No Mercy“, zulasten gelegt werden.

    „Es sind teilweise abscheuliche Taten, die in diesem Video besungen werden“, stellte Leimbrock fest. „Weil unsere Herkunft die Straße ist, weiß ich, wie man eine Nase bricht“, sei nur eine von vielen Textzeilen, die die Gesinnung des Angeklagten illustrierten.

    Knackpunkt bei der Verurteilung nach Jugendstrafrecht ist die fehlende Reife des Angeklagten, die auch Gutachter Dr. Jürgen Wettig diagnostizierte. Der forensische Psychiater sprach von „einem jungen Mann mit zwei Gesichtern“. Auch sein Verteidiger attestierte dem 21-Jährigen erhebliche Rückstände in der Persönlichkeitsentwicklung, seine Musikvideos seien Ausdruck eines Selbstdarstellungsbedürfnisses. Mit ihnen habe der junge Mann von seinen eigenen Unsicherheiten ablenken wollen, so Olaf Langhanki.

    In seiner Urteilsbegründung wandte sich Richter Roman Hamel eindringlich an den Angeklagten. „Schläge gegen den Kopf können im schlimmsten Fall tödlich sein. Dessen müssen Sie sich bewusst sein.“ Sein Geständnis habe sich strafmildernd ausgewirkt. Der 21-Jährige, so die Auffassung Hamels, besäße die kognitiven Fähigkeiten, etwas im Leben zu erreichen. Gleichwohl habe er das Potenzial, sich in beide Richtungen zu entwickeln, es bestände noch großer Erziehungsbedarf, formulierte der Richter.

    Am Ende wurden dem Angeklagten von einem Justizbeamten die Fußfesseln abgenommen, alle Parteien schienen mit dem Urteil zufrieden. Es herrschte so etwas wie Wohlfühlatmosphäre im Gerichtssaal – ein Umstand, der angesichts der heftigen und zahlreichen Taten doch verwunderte. Und vielleicht auch nicht das richtige Zeichen an die Opfer war.

    Von unserem Reporter Marian Ristow

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