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Lale Akgün weist den Islam in seine Schranken

Koblenz - Was kann man tun, wenn Imame Klischees über den Islam vertreten, fragt eine ältere Dame, die dieses Thema offensichtlich umtreibt. Lale Akgün lacht: „Nach Koblenz fahren und andere Gedanken in den Raum werfen!“

Kulturelle Integration hat einen feinen Dreh. Händeschütteln zur Begrüßung ist in Deutschland viel wichtiger als diese oder jene Religion, findet Akgün.
Dorothea Müth

Die Deutsch-Türkin ist an die Koblenzer Uni gekommen, wo die Katholische Hochschulgemeinde den christlich-islamischen Dialog mit einer Veranstaltungsreihe pflegt. Akgün, die von 2002 bis 2009 Kölner Bundestagsabgeordnete (SPD) war und das nordrhein-westfälische Zuwanderungszentrum aufgebaut hat, liest aus ihrem Buch „Aufstand der Kopftuchmädchen – Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus“ und diskutiert dies anschaulich und geistreich mit den gut 35 Zuhörern.

Die erste These: Religion ist gar nicht so wichtig. Auch den Muslimen nicht. Erstens sind die Gastarbeiter in den 60er/70er-Jahren – so wie Lale Akgün als Neunjährige mit ihren Eltern – nicht zum Beten, sondern zum Arbeiten nach Deutschland gekommen. Zweitens repräsentieren die hiesigen Moscheevereine nur etwa 20 Prozent der hier lebenden Muslime. Wer in integrationspolitisch gutem Willen also vor allem mit ihnen als Stellvertreter der Muslime den öffentlichen Dialog sucht, „macht den Bock zum Gärtner“, meint Akgün. Warum? Weil Integration im Austausch stattfindet und nicht da, wo man unter sich bleibt, hält die 57-Jährige fest. Zu den Moscheevereinen gehören ihrem Wissen nach eine dünne Funktionärselite und ansonsten sozial und sprachlich schlecht vernetzte Menschen. Es ist also nicht Religion, die der Integration im Weg steht.

Die zweite These: Der Koran schreibt wenig vor. Die Autorin hat nachgelesen und räumt mit gleich mehreren gängigen Klischees auf: Die Kleidung muss laut Koran nicht verhüllen, sondern für Frauen wie Männer angemessen sein (am Strand also Badeanzug!); Sex vor der Ehe ist nicht verboten, nur einen ethischen Umgang sollen Paare pflegen; Alkohol ist erlaubt. Ein junger Zuhörer mit türkischem Namen kann das kaum glauben. Akgün klärt auf: „Man darf bloß durch den Alkoholgenuss nicht andere belästigen!“ Wie viel er verträgt, muss also jeder selbst entscheiden.

Die dritte These: Der Islam muss zeitgemäß interpretiert werden. So wie jede Religion. In Akgüns Augen bleibt Glaube nur dadurch lebendig, dass man fragt, „was kann er mir heute geben?“ So wurde der Koran Mohammed zwar bereits im 7. Jahrhundert offenbart. Doch war der Prophet damals ein „Reformkopf“, betont Akgün, und wer heute bewusst in langen Gewändern herumlaufe wie er damals, der beleidige ihn. „Aber viele Frauen sagen, dass sie den Schleier freiwillig tragen“, wendet ein Zuhörer ein. Darauf hat die promovierte Psychologin nur eine Antwort: „Ich bin Psychotherapeutin. Was glauben Sie, was Menschen alles glauben, freiwillig zu tun?!“

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