Koblenz: Die Piraten und die Untiefen der Formalitäten
Koblenz - Auf der Mosel ist sicher keiner der Piraten eingesegelt. Die ist nämlich noch zugefroren, als sich im Closter Sudhaus in Metternich Anhänger der Partei und Interessierte treffen. Gut 30 wollen dabei sein, wenn die Gründung eines Koblenzer Kreisverbands auf der Tagesordnung steht. Während die bunte Dekoration im Sudhaus reif für einen närrischen Empfang wäre, steht jetzt das Grau-in-grau der Formalitäten an.
Johannes Thon, Beisitzer im Landesvorstand der Piraten, leitet die Versammlung. Er weiß bereits, was ihn erwartet. Piraten-Gründungen haben im Moment Hochkonjunktur, im Saarland hat Thon zuletzt einige begleitet. Und egal, wie anders Piraten sein wollen als die etablierten Parteien: Jetzt wird erst einmal die Geschäftsordnung verlesen, ein Versammlungsleiter gewählt, ein Wahlleiter bestimmt, Publikum und Presse werden zugelassen, über die Tagesordnung wird abgestimmt ...
Viel Zeit für einen aufmerksamen Blick in die Runde. Und dort zeigt sich ein auffälliges Abweichen von den gängigen Klischees über die Piraten: Es sind viele Ältere da. Es sind viele Frauen da. Es stehen nur zwei Laptops und ein Netbook auf den Tischen. Und: Es wird eben nicht pausenlos getwittert oder gemailt. Dafür wird aber auch kaum diskutiert oder gefragt.
Stattdessen hören sich alle geduldig an, was künftig die "Organe" des Kreisverbands sein werden - Parteitag und Vorstand übrigens. Die gesetzlichen Vorgaben für Parteien, selbst die Vorgaben der Landespiraten, sind erkennbar ein Ausflug in fremde Welten für viele der Anwesenden.
Und in fremden Welten verirrt man sich manchmal. Da fehlen zum Beispiel die Ausdrucke der Satzung, über die gleich abgestimmt werden soll. Eilig wird bei einem Piraten, der in der Nähe wohnt, ein Drucker besorgt, während die sechs Seiten auch noch einmal laut verlesen werden. Der Drucker ist später auch noch für einen Papierstau gut. Oder da stehen eben mal ein paar Essensgäste verdutzt mitten in der Wahl zu den Vorstandsposten, weil der Raum nicht für eine geschlossene Veranstaltung gebucht war. "Wollen Sie zu den Piraten?" "Nein, wir wollen nur essen."
Ist das alles erfrischend anders oder einfach nur unprofessionell? Wenn die Partei in Koblenz mit der inhaltlichen, politischen Arbeit auf dem Weg zur Kommunalwahl richtig loslegt, wird sich das besser mit der richtigen Gewichtung in ein Gesamtbild einsortieren lassen.
Das Team für diese Arbeit wird jetzt jedenfalls gewählt. Am Ende sind es 13 stimmberechtigte Koblenzer Piraten, die sich einen Vorstand geben. Und es setzen sich gleich zwei Frauen an der Spitze durch - wieder will man sich in Koblenz dem Piraten-Klischee nicht beugen. Als Vorsitzende wird die 53-jährige Marieluise Salm gewählt. Die Einzelhandelskauffrau hat sich noch nie in einer Partei engagiert, will aber nicht mehr meckern, will es jetzt selbst anders angehen. Ihre Themen: Transparenz der Politik und bedingungsloses Grundeinkommen. Bei einer ausgesprochen heterogenen Besetzung im Sudhaus sind das jedenfalls zwei gemeinsame Nenner aller Beteiligten - und die Piraten-Themen schlechthin. Auch die neue stellvertretende Vorsitzende, Sarah Thon, haben diese zu der jungen Partei geführt. Der 24-jährigen Altenpflegerin liegt das Soziale am Herzen. Sie will jetzt ihren Beitrag leisten - die übrigen Piraten geben ihr die Chance und wählen sie.















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