Kita-Projekt: Wenn das Spielzeug Urlaub macht
Bad Bodendorf - Keine Puppen, keine Bauklötze, kein Lego, kein Playmobil. In der "Spielzeugfreien Zeit" in der Bad Bodendorfer Kindertagesstätte Max und Moritz ist dies alles für drei Monate tabu.
„Viele sind begeistert von diesem Projekt“, weiß Kita-Leiterin Magdalene Dawid. Seit zehn Jahren gibt es sie immer wieder, die „Spielzeugfreie Zeit“. Für jeweils drei Monate verschwindet jegliches Spielzeug aus den Räumen. Und die Kinder? Die finden es gut. Sogar die Zweijährigen, sagt die Leiterin, fänden sich prima zurecht.
Skeptischer sind da manche Eltern: Versäumt mein Kind etwas, das es für die Schule braucht? Magdalene Dawid beruhigt: Weder die Sprachförderung noch der Musikunterricht wird ausgesetzt. Das seit drei Jahren bestehende Kooperationsprojekt erfährt keine Unterbrechung. Und auch in der spielzeugfreien Zeit lernen die Kinder hinzu. Dinge, die nicht weniger wichtig sind, zum Beispiel soziale Kompetenz.
Das beginnt bereits im Vorfeld. Denn das Spielzeug verschwindet nicht einfach über Nacht. „Wir schicken es in den Urlaub“, schildert Marieke Willscheid, stellvertretende Leiterin der Kita. Da werden Kartons und Koffer gepackt und feierlich verabschiedet. Ein durchaus erträglicher Abschied. Schließlich haben die Kinder zuvor überlegt, wie man die spielzeug- und deshalb überhaupt recht freie Zeit gestalten kann. Und schon wächst die Vorfreude auf gemeinsames Backen oder Kochen, auf Buden bauen aus Decken, Tüchern und Kissen, auf Theater spielen und vieles mehr. „Das Besondere“, sagt Marieke Willscheid, „ist die Eigenständigkeit der Kinder“.
Klar ist: Ohne Absprachen geht es nicht. Entsprechend groß ist der Kommunikationsbedarf. Es gibt mehr Bewegung und auch mehr Konflikte. Die Erzieherinnen sind mehr gefordert als sonst, müssen schlichten und moderieren, auf jedes Kind einzeln eingehen – und sich zugleich zurücknehmen. Die Kinder sollen lernen, Konflikte selbst zu lösen, sollen erkennen: Die üblichen Regeln des Zusammenlebens sind – bei aller Freiheit – nicht außer Kraft gesetzt.
Von der erwachenden Kreativität ihrer 130 Schützlinge, von der Ausdauer und Hingabe, sich ohne den üblicherweise hohen Materialverbrauch mit einer Bastelarbeit zu beschäftigen, sind Magdalene Dawid und ihre Stellvertreterin immer wieder begeistert. Aus Tannenzapfen und Walnüssen entsteht ein Gesellschaftsspiel, aus Tischen und Stühlen ein gut frequentiertes Schlafwagenabteil. Ein Raum wird zur Zirkusmanege oder zum Theatersaal, in dem ein selbst inszeniertes Puppenspiel vor Publikum aus den benachbarten Gruppen aufgeführt wird. Ende November sind alle Großeltern in die Kita eingeladen, um zu berichten, was sie selbst in ihrer Kindheit gespielt haben und damit Anregungen zu geben. Bei alledem bleibt mehr Zeit, Werte und Traditionen wie Nikolaus, St. Martin und Adventskranz viel stärker ins Bewusstsein zu rücken als sonst in der vom Konsum diktierten Vorweihnachtszeit.












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