Das Dilemma der Feuerwehren: Immer mehr Aufgaben und immer weniger ehrenamtliche Aktive
Kreis Bad Kreuznach - Die Basis der Feuerwehren ist unzufrieden und besorgt. Seit Jahren bekommen die Ehrenamtlichen immer mehr Aufgaben bei rückläufiger Aktivenzahl. Ist das Ehrenamt Feuerwehr noch leistbar?
Der Kreisfeuerwehrverband um Vorsitzenden Norbert Jung (Nußbaum) hatte zur Diskussion in die Bockenauer-Schweiz-Halle eingeladen. Auf dem Podium: Innenminister Karl Peter Bruch (SPD), die MdBs Fritz-Rudolf Körper (SPD) und Julia Klöckner (CDU), MdL Carsten Pörksen (SPD), Landrat Franz-Josef Diel (CDU), Bürgermeister Wolfgang Zimmer (FWG, VG Langenlonsheim) für die Kreisgruppe des Gemeinde- und Städtebundes und Norbert Jung. Moderator war Rolf Haselhorst, Chef der BASF-Werksfeuerwehren. Jung erinnerte an das Expertentreffen in Magdeburg 2005, als dort Zukunftsfragen der deutschen Feuerwehren beraten wurden. Es sei es an der Zeit, endlich zu handeln. Der Kreisfeuerwehrverband denkt über die Mehraufgaben, die Ausbildung, den Dschungel von Gesetzen und Vorschriften, das Zusammenfassen von Dienststellen, zentrale Werkstätten und die Acht-Minuten-Ausrückfrist nach. Es gehe darum, veraltete Strukturen aufzubrechen.
Jung forderte Anreize für die Ehrenamtlichen: „Warum nicht ein Ehrensold wie bei den Ortsbürgermeistern?“ oder ein „Aktiven-Ehrenamtstag“ im Kreis? „Wie will die Landesregierung aus der Misere kommen bei 50 Millionen Investitions- und Ausbildungsstau an den Feuerwehrschulen?“, fragte Norbert Jung.
Laut Kreisfeuerwehrinspekteur Werner Hofmann verfügt der Kreis über 117 freiwillige Einheiten mit 2600 Männern und Frauen und eine Werksfeuerwehr (Michelin). Sie leisteten in 1200 Einsätzen pro Jahr Brand- und Katastrophenschutz und technische Hilfen, ganz zu schweigen von Sondereinsätzen wie beim Rheinland-Pfalz-Tag und der Eigenleistung beim Gerätehäuserbau, so der KFI. Sorge bereitet ihm auch die Doppelt- und Dreifachbelastung der Kreisausbilder als Folge des Lehrgangsstaus an der Landesfeuerwehrschule. Bange schaue er auf 2014, wenn die Neuwahlen von Führungsfunktionen anstünden und sie aus Altersgründen, oder weil Junge keine Verantwortung übernehmen wollten, nicht mehr besetzt werden könnten. Hofmann: „Die Spitzenkräfte der Feuerwehr sind am Ende ihrer Leistungsfähigkeit angelangt.“
Führungsfunktionen, vom Gerätewart über den Wehrleiter bis hin zum KFI müssten überdacht, Führungskräfte entlastet und Verwaltungsaufgaben reduziert werden. Hofmann ist für eine Zentralisierung von Werkstätten im Kreis mit drei oder vier hauptamtlichen Kräften: „Ist es nicht an der Zeit, einen hauptamtlichen Gerätewart zu installieren?“, fragte er.
Bei der Ersatzbeschaffung von Geräten gebe es eine „Überreglementierung“. Derzeit seien die Wehren noch leistungsstark, stellten sich nicht gegen notwendige Veränderungen. Die Einsatzfähigkeit hänge auch mit der Arbeitsplatzfrage zusammen, sagte Karl Peter Bruch. An der fehlenden Bereitschaft, sich für die Gemeinschaft zu engagieren und am großen Freizeitangebot etwa in Vereinen macht Carsten Pörksen
Neben der geforderten Flexibilität im Beruf sieht Julia Klöckner auch eine „Konkurrenz“ durch die Ganztagsschulen. Ein „Tag der Feuerwehren in der Schule“ könne helfen. Unbestritten über alle Parteigrenzen gelte: „Wir wollen die Wehren in den Dörfern erhalten.“ Mit Blick auf die Überalterung der Gesellschaft warnte Fritz Rudolf Körper: „Die Probleme werden sich noch verschärfen.“ Neuen Nachwuchs über „Bambini-Feuerwehren“ zu gewinnen sei richtig. Er riet zu einer verstärkten Koordination der Dorfwehren, denn das Potenzial lasse sich nicht vermehren. Landrat Franz-Josef Diel sieht in der Finanzierung der Feuerwehren eine „Herkulesaufgabe“ der Verbandsgemeinden. Bei der Nachwuchsarbeit müsse man „das Fach Feuerwehr“ in den Schulunterricht integrieren.
Wolfgang Zimmer wies auf die schlechte finanzielle Situation hin: „Gerne würden wir einen hauptamtlichen Gerätewart einstellen, allein es fehlt das Geld.“ Für die Einsatzbereitschaft der Aktiven müsse man sich besser mit den Betrieben abstimmen.
Die Feuerwehr werde von den Bürgern als etwas Selbstverständliches angesehen, fügte Innenminister Bruch hinzu. Man brauche weiter gut ausgebildete Feuerwehrleute, schon wegen der Haftungsfrage. Die Jugendfeuerwehren seien das „Rückgrat“. Die Gesellschaft würde anders aussehen, wenn es die Feuerwehr nicht gäbe, sagte Klöckner. Die Aktiven seien die „Motoren, die wir nicht frustrieren dürfen“. Es müsse von Vorteil sein, sich ehrenamtlich zu engagieren. Fritz Rudolf Körper sprach sich dafür aus, den dezentralen Ausbildungsansatz zu stärken und das Ehrenamt attraktiver zu machen. Die Ausbildungssituation an der Landesfeuerwehrschule zu entzerren, forderte Pörksen.
Die Frage aus dem Publikum, „Hauptamtlichkeit, warum tun sie es nicht?“, beantworteten Diel, Pörksen und Zimmer mit den „finanziellen Engpässen der Kommunen“. Zimmer regte einen Gerätewart über VG-Grenzen hinweg vor. Landes-KFI Hans-Peter Plattner, der den Minister ablöste (Bruch musste zum Nachfolgetermin), warb dafür, „das Hauptamt zu nutzen, um das Ehrenamt zu stützen“. (bj)














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