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  • Forscher: ADHS ist zur Modeerscheinung geworden

    Interview mit dem Psychologen Döpfner: Die Grenzen zwischen Normalität und Krankheit sind fließend. Auch ist Ritalin nicht für jedes Kind geeignet.

    Fordert Ärzte dazu auf, Eltern Alternativen zu Ritalin aufzuzeigen: Professor Manfred Döpfner. 
    Fordert Ärzte dazu auf, Eltern Alternativen zu Ritalin aufzuzeigen: Professor Manfred Döpfner. 
    Foto: dpa

    ADHS ist aus Sicht des Kölner Wissenschaftlers Professor Manfred Döpfner auch ein gesellschaftliches Modephänomen. "Was wir in unserer Gesellschaft benötigen, sind Menschen, die sich möglichst lange konzentrieren können. Aggressivität ist nicht erwünscht, ebenso wenig wie große Unruhe“, sagt der Leitende Psychologe an der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Köln im Interview mit unserer Zeitung:

     

    Derzeit wird viel über das Thema ADHS diskutiert. Warum ist das so?

    Als Wissenschaftler frage ich mich, warum es gerade ADHS ist, das so kontrovers diskutiert wird. Denn was bei diesem Thema als problematisch angesehen wird, gilt im Grunde für alle psychischen Störungen. So wird gesagt, dass ADHS nicht gut genug definiert sei und es fließende Übergänge zwischen der Normalität und dem Krankheitsbild gebe. Das ist zwar völlig richtig. Dies haben wir jedoch auch bei Angststörungen, bei Depression und sogar bei Schizophrenie. Vielleicht liegt es daran, dass ADHS doch eine relativ häufige psychische Störung ist.

     

    Man hat den Eindruck, als ob ADHS immer mehr zunimmt.

    Die Grundschwierigkeit ist, dass es keine natürlichen Grenzen gibt, an denen die Normalität aufhört und die Krankheit anfängt. Sicher ist auch ein Problem, dass ADHS zu einer Modestörung geworden ist, dass diese Erklärung für Fehlverhalten deutlich überdehnt worden ist. Vieles, was lediglich mit Variationen von der Norm zu tun hat, wird bereits in eine Krankheitskategorie gesteckt, in die es nicht gehört. Ohne Zweifel ist ADHS auch sehr beliebt, weil es manchmal Eltern fälschlicherweise suggeriert, sie seien entlastet. Es ist schon komisch, dass einige Eltern erleichtert sind, wenn man ihnen sagt, ihr Kind sei krank, psychisch krank.

     

    Eltern entschuldigen ihre schlechte Erziehung mit der ADHS-Diagnose?

    So einfach ist es auch wieder nicht. Wir können relativ klar Kriterien definieren, die wir nutzen, um eine psychische Beeinträchtigung bei einem Kind festzustellen. Ein Kriterium von ADHS ist etwa, dass dieses Verhalten situationsübergreifend auftritt. Es reicht also nicht aus, dass die Mutter berichtet, dass ihr Kind die Symptome hat. Es ist auch notwendig, dass es in der Schule ebenfalls eine Auffälligkeit gibt. ADHS ausschließlich als eine Ausflucht überarbeiteter Eltern zu sehen, wäre falsch. Aber es gibt einen Zusammenhang. Familiäre Belastungen tragen dazu bei, dass psychische Störungen schlimmer werden.

     

    Ist ADHS eine Modererscheinung?

    Was wir als psychische Störung beschreiben, wird auch durch unsere Gesellschaft mit definiert. Um bei uns erfolgreich zu sein, muss man lesen und schreiben können oder auf andere Menschen zugehen. Aggressivität ist nicht erwünscht, ebenso wenig wie große Unruhe. Was wir in unserer Gesellschaft benötigen, sind Menschen, die sich möglichst lange konzentrieren können. Sie müssen in der Lage sein, eine bestimmte Tätigkeit ausdauernd zu verrichten. Menschen, die das nicht können, sind dann auch in ihrem Leben beeinträchtigt.

     

    Wie sind Ihre Erfahrungen beim Einsatz von Ritalin?

    Methylphenidat ist kein dämpfendes, sondern ein aktivierendes Mittel. Es hat den paradoxen Effekt hat, dass Kinder ruhiger und konzentrierter werden. Es greift zentralnevös in den Dopamin-Stoffwechsel ein. Und wir wissen, dass dieser Stoffwechsel bei Kindern verändert ist, die eine starke ADHS-Auffälligkeit zeigen. Das Mittel hat stark positive Effekte. Aber es gibt auch Nebenwirkungen. Eltern sagen dann, dass sich das Wesen des Kindes verändert hat, dass es weniger fröhlich ist. Häufig werden diese Seiteneffekte jedoch von einer falschen Dosierung verursacht. Nicht jedes Kind, das ADHS hat, braucht Medikamente. Da gibt es viele pädagogische und psychotherapeutische Möglichkeiten. Andererseits profitieren auch viele stark betroffene Kinder erheblich von diesen Mitteln. In diesen Fällen würde ich eine grundsätzliche Nichtbeachtung der Medikamente als Kunstfehler betrachten.

     

    Das Gespräch führte Dirk Förger

    ADHS: Kinder bekommen weniger Pillen Experte: Vorsicht bei der Diagnose ADHS Bei Erwachsenen bleibt Leiden oft unerkannt Wenn der Zappelphilipp erwachsen wirdImmer mehr ADHS-Kinder schlucken Pillenweitere Links
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