Gastbeitrag: Hitlers "Mein Kampf" muss seine Aura verlieren

Am Donnerstag erscheint an deutschen Kiosken die neue Ausgabe von "Zeitungszeugen" – mit unleserlich gemachten Auszügen aus "Mein Kampf" und Kommentierung der Passagen. Im Vorfeld hatte es viele Diskussionen um den Plan gegeben. Eine Entmystifizierung des Buches wäre aber nötig: Das schreibt in einem Gastbeitrag für unsere Zeitung Daniel Bernsen, regionaler Fachberater für Geschichte an Gymnasien im Schulaufsichtsbezirk Koblenz.

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Das unlesbare Buch? "Mein Kampf" sollte von der Aura des Verbotenen befreit werden, meint Gastautor Daniel Bernsen anlässlich der Diskussion um die aktuelle Ausgabe der "Zeitungszeugen".
Das unlesbare Buch? "Mein Kampf" sollte von der Aura des Verbotenen befreit werden, meint Gastautor Daniel Bernsen anlässlich der Diskussion um die aktuelle Ausgabe der "Zeitungszeugen".
Foto: dpa

Von Daniel Bernsen

So viel Hitler war selten“. So lautet auch der Titel eines aktuellen Buch über die Gegenwart des „Führers“ in Kunst, Kultur und Alltag. Und Hitler hat es mit seinem Buch „Mein Kampf“ wieder in die Schlagzeilen der Presse geschafft. Hitler geht immer und sorgt für Auflage. Das ist bekannt. Das weiß auch der Verleger Peter McGee.

Dieser gibt Nachdrucke von Zeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus heraus mit kommentierenden Artikeln, die von Wissenschaftlern geschrieben werden. Kaum war für die dritte Ausgabe der „Zeitungszeugen“ eine Beilage mit Auszügen aus Hitlers „Mein Kampf“ angekündigt, folgten prompt die erwarteten Proteste.
Das bayrische Finanzministerium, das seit 1945 die Urheberrechte an dem Werk besitzt, hatte auch gegen die Veröffentlichung geklagt. Als Reaktion darauf werden die Originalpassagen in der Beilage nun unleserlich veröffentlicht, um eine „Eskalation“ zu vermeiden, wie Verleger McGee in einem Brief an die Leser schreibt. Etwas Besseres hätte ihm kaum passieren können. Die eigentlich unbedeutende Veröffentlichung wird zum großen Aufreger.
Es lässt sich durchaus spekulieren, dass McGee es darauf angelegt hat. Immerhin ist es ihm 2009 ähnlich ergangen, auch wenn ihm die Gerichte im Nachhinein recht gegeben haben. Die Veröffentlichung von Textauszügen mit Kommentar wird nämlich durch das sogenannte Zitatrecht gedeckt. Sonst wäre das Veröffentlichen wissenschaftlicher Arbeiten kaum möglich. Außerdem ist es sicher kein Zufall, für die Veröffentlichung ausgerechnet den Tag vor dem internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus zu wählen. 
Natürlich hat ein Verleger kommerzielle Interessen, auch wenn er öffentlich seine Arbeit vor allem als Aufklärungshilfe ausgibt. Es stellt sich die Frage, warum die Ankündigung so viel Wirbel verursacht und warum der Verkauf des Buchs in Deutschland verboten ist, während es in anderen Ländern und damit auch über das Internet zugänglich frei verfügbar ist.
In Auszügen, in kommentierten Ausgaben sowie vor allem als „Familienerbstück“ im Bücherregal ist der Text in Deutschland vorhanden. Der Besitz ist nämlich auch in Deutschland legal, nur soll damit kein Geld verdient werden. An den Verkäufen im Ausland verdient das bayrische Finanzministerium als Rechteinhaber mit. Und das Buch verkauft sich durchaus gut. Im Weihnachtsgeschäft 2011 wurde es in Großbritannien als besondere Leseempfehlung ausgelegt und erst aufgrund massiver Proteste von den Auslagetischen wieder verbannt.

Anfang 2012: In letzter Sekunde kündigt der Verlag an, dass die Passagen aus dem Hitlerbuch in den "Zeitungszeugen" unleserlich gemacht werden und lediglich die Kommentierungen lesbar sein werden.
Anfang 2012: In letzter Sekunde kündigt der Verlag an, dass die Passagen aus dem Hitlerbuch in den "Zeitungszeugen" unleserlich gemacht werden und lediglich die Kommentierungen lesbar sein werden.
Foto: dpa

Die aktuelle deutsche Debatte wird selbstverständlich auch im Ausland verfolgt. So erschien letzte Woche in einer US-amerikanischen Zeitung ein Artikel über das „überholte, verquere Verbot“. Die Autorin kam zu dem Schluss, dass die Auseinandersetzung mit dem Text besser wäre, um sich selbst eine Meinung zu bilden und die Thesen Hitlers zu verwerfen.
In der Tat lässt sich fragen, wer soll in Deutschland geschützt werden? Und wovor? Das Urheberrecht an dem Buch läuft 2015 aus. Es gibt Überlegungen, dieses in einer Sonderregelung zu verlängern. Doch gerade das Verbot hat in Deutschland zu einer starken Mystifizierung des Textes geführt, der mit der Aura des Verbotenen umgeben, erst recht interessant zu werden scheint.
Das lässt sich auch in der Schule beobachten. Ein geerbtes Exemplar von „Mein Kampf“ bringe ich in den Geschichtsunterricht mit, wenn es um die Biographie Hitlers oder die NS-Ideologie geht. Die Schülerinnen und Schülern behandeln das Exemplar mit Interesse, Vorsicht und einem gewissen Staunen.
Diese Aura muss dem Text genommen werden, denn sie ist gefährlich. Das geht nur in der Auseinandersetzung mit den Inhalten. Einfach zu lesen ist das Buch nicht. Die Inhalte sind dünn, stellenweise wirr. Das aufzuzeigen lohnt sich allerdings.
Jemand, dem das sehr gut gelungen ist, ist Serdar Somuncu. Schon vor über zehn Jahren tourte er mit einer kommentierten Lesung aus „Mein Kampf“ durch Deutschland. Eine Aufnahme seines Programms gibt es auch als Hörbuch.

Die Art, wie er mit dem Text umgeht, ist sicher nicht jedermanns Sache. Er macht Hitler und seinen Text lächerlich. Es ist eine Art Comedy-Show, die doch wieder keine ist: Die Fakten sind gut recherchiert und immer wieder bleibt den Zuhörern das Lachen im Hals stecken. So absurd und unfreiwillig komisch Hitlers Argumentation bisweilen ist, so schrecklich waren die Folgen dieser Gedanken. Die Balance dazwischen gelingt Somuncu ausgesprochen gut.
Die Auseinandersetzung mit dem Text, seiner Entstehungs- und Wirkungsgeschichte ist wichtig. Das bisherige Verbot hat in Deutschland offensichtlich das Gegenteil erreicht. Das Lachen über den Text zeigt das Erkennen der Absurdität der vorgetragenen Argumentation. Es ist genau dieses Lachen, das den Text von seiner mystischen Aura befreit.

Der Autor arbeitet als regionaler Fachberater für Geschichte an Gymnasien im Schulaufsichtsbezirk Koblenz und Lehrer für Geschichte, Französische und Spanisch am Eichendorff-Gymnasium in Koblenz. Er bloggt auch unter http://geschichtsunterricht.wordpress.com/.

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