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Mobiles Kamera-Einsatzkommando: Die "Volksreporter" von Stuttgart 21

Von den Protesten gegen das Projekt Stuttgart 21 gibt es zahllose Bilder - viele, die dann auch in den Fernsehsendern zu sehen waren, liefern die Gegner selbst.
dpa
In Stuttgart verbindet die Filme ein Ziel: Die Kamera, sagt @tilman36, sei eine Waffe. Eine Speerspitze gegen das von Gegnern des Projekts so empfundene Versagen der „Informationsindustrie“ und des „Staatsfernsehens“, über das sie viel klagen: Schnitte in Beiträgen, die entscheidende Szenen weglassen, eine Berichterstattung, in der aus Sicht der Gegner wichtige Fakten unter den Tisch fallen, keine Totalen der Masse der Demonstrierenden – mancher der Projektgegner hat sich am Fernseher manchmal ohnmächtig gefühlt. Den eingesetzten Reportern mag @tilman36 da keinen Vorwurf machen - „die in der Redaktion“ würden ja die Beiträge fertig machen, die, die dann dem Druck von oben ausgesetzt seien. Für viele Gegner des Projekts scheint festzustehen, dass etwa der Stuttgarter Oberbürgermeister Schuster über seine Funktion als Mitglied im nicht eben kleinen Rundfunkrat des SWR Einfluss nimmt. Doch wie sollen es die Medien im gespaltenen Stuttgart den Menschen Recht machen? Befürworter des Vorhabens beklagen sich zugleich in Foren, es werde nur noch negativ über das Projekt berichtet und den Gegnern viel mehr Gehör geschenkt.

Als @tilman36 die Idee zu der Live-Plattform hatte, riet ihm ein Freund sofort zu und machte mit. Die Domain cams21.de war schnell gesichert, die Seite im Handumdrehen angelegt. Gut ein Dutzend Menschen haben ihren Kanal auf der Seite und dokumentieren aus verschiedenen Perspektiven und live, was in Stuttgart vor sich geht.  Ein Effekt: „Was wir filmen, ist live und im Netz. Wenn uns Ausrüstung abgenommen werden sollte, sind die Bilder dennoch nicht verloren“, sagt @tilman36.

Er sieht die vermeintliche „Waffe“ und die Kraft der Bilder auch deeskalierend: „Mit jedem Schlagstock, der nicht eingesetzt wird, weil es ja gefilmt werden könnte, haben wir etwas gewonnen.“ Und auch die Polizei schaue sich die Live-Bilder an – und habe so sehen können, dass hinter der verschlossenen Tür im besetzten Südflügel definitiv keine Chaoten auf die Beamten lauerten.

Und wenn @tilman36 ins Erzählen kommt, dann muss er sich selbst offenbar überrascht eingestehen, dass er nicht nur der Kämpfer gegen das Projekt ist, der als Waffe die Kamera gewählt hat. Beim Zusammentreffen am Bauzaun mit den Befürwortern des Projekts, als es "schöne Gespräche untereinander" gab, da haben ihn „die anderen“ gefragt, ob er nicht auch mal bei einer Pro-Demo filmen will. Kann er sich vorstellen. „Ich möchte ja nicht nur das dokumentieren, was uns zugute kommt“, versichert er. In dem Moment scheint er sich des Rollenwechsels bewusst zu werden. „Die Kamera schafft eine Distanz", sagt er.  „Ich merke, dass ich möglichst neutral sein will.“ Dabei lässt sich die Wahrnehmung doch schon durch die Motivauswahl manipulieren. Er stimmt zu. Aber: "Ich denke, dass ich auch Angriffe auf die Polizei dokumentieren und nicht wegschwenken würde." Den Veranstaltern der Demonstrationen sei ja daran gelegen, dass es friedfertig bleibt. "Und da wäre es ja auch in deren Sinne, die festzuhalten, die sich daran nicht halten wollen und dem Anliegen schaden."

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