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    WiesbadenZwischen Ordnung und Unordnung: Staatsballett feiert mit "Rough Lines" die Einheit der Gegensätze

    „Rough Lines”: Staatstheater Wiesbaden zeigt bemerkenswerte Choreografien der Israelis Hofesh Shechter und Itamar Serussi.

    Zum Leitmotiv des ästhetisch hinreißenden Tanzabends „Rough Lines“ wird am Staatstheater Wiesbaden das Spiel mit Kontrasten. 
    Zum Leitmotiv des ästhetisch hinreißenden Tanzabends „Rough Lines“ wird am Staatstheater Wiesbaden das Spiel mit Kontrasten. 
    Foto: Bettina Stöß

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Hofesh Shechter lebt heute in London, Itamar Serussi in Amsterdam. Beide stammen aus Israel, sind in der dortigen Tanzkunstszene groß und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts als Choreografen auf dem internationalen Parkett bekannt geworden. Das Hessische Staatsballett hat nun zwei ihrer Arbeiten zu einem bemerkenswerten Abend unter dem Titel „Rough Lines” (Grobe Linien) vereint. Die Premiere im Kleinen Haus beginnt mit Shechters „In your rooms” aus dem Jahr 2007; es folgt als Uraufführung „Fall”, von Serussi für die hessische Compagnie choreografiert.

    Wie so oft bei Tanz jenseits des Handlungsballetts schießt dem Zuseher in beiden Fällen unwillkürlich die Frage durch den Kopf: Was will, soll uns das sagen? Anders als im sinfonischen Konzert oder in Betrachtung abstrakter Malerei/Bildhauerei erwartet man vom Theater stets Erzählung und Botschaft. Dieser Reflex gilt bis heute auch für die Tanzsparte, obwohl spätestens seit Mary Wigman vor 100 Jahren klar sein sollte, dass Tanzkunst ästhetisches und emotionales Erlebnis per se sein kann. Weil ihr Medium aber der menschliche Körper ist, hat das Ballett immer irgendwie zu tun mit dem besonderen, wortlosen Ausdruck von Beziehungen der Menschen zueinander, zu sich selbst und zur Welt.

    In Shechters Stück erklärt eine Stimme aus dem Off, es gehe im Leben seit jeher bloß um Überleben und Kommunikation. Allerdings muss der Sprecher bald ratlos einräumen, dass die Sache so einfach doch nicht ist. Das Tanzgeschehen offenbart – wie auch die vom Choreografen teils selbst komponierte Musik für eine Kombo aus Schlagwerkern und Streichern – eine Lebensweise und Gefühlswelt der Gegensätze. Hier gehetzte, getriebene Formationen, da zart schwingende, wiegende; eben demütig gebeugte Akteure, die kurz darauf mit hochgereckten Fäusten zu wuchtigen Freudentänzen aufbrechen – und umgekehrt; oder Partner, die sich zu Paaren finden wollen, aber einander immer wieder abstoßen.

    Wuchtige archaische Trommelrhythmen sind kombiniert mit teils schier meditativen Streicherklängen: Die ewig sich erneuernde Einheit der Gegensätze scheint Leitmotiv dieser hochdynamischen, tanztechnisch und konditionell sehr anspruchsvollen und ästhetisch hinreißenden Choreografie „In your rooms” für zehn Akteure in Alltagskleidung zu sein. Nach Kostümen und Klang wirkt hernach Serussis „Fall” auf den ersten Blick wie aus einer anderen Welt.

    Zum Besuch

    Karten und weitere Informationen gibt es unter Telefon 0611/13 23 25

    In einer in sich widersprüchlichen Art Priestergewändern – streng bodenlangen und tiefroten, aber körperbetont durchsichtigen Kleidern – treten drei Frauen und sieben Männer zur schier rituellen Begegnung an. Allerdings krachen dazu vom Tonband aus den Lautsprechern enervierendes Maschinengedröhn oder verfremdete Technorhythmen – denen die Akteure mal selbstversunkenen Innerlichkeit-Gestus, mal Liebe suchende Zugewandtheit entgegensetzen oder wildes Kombinieren von Figuren des frühen Ausdruckstanzes bis zu den Tanzformen in heutigen Klubs beifügen.

    Wieder haben wir es zu tun mit der Einheit von Gegensätzen. Doch im Unterschied zu Shechter verweigert Serussi dem Betrachter die Orientierung an geordneten Formationen. Stattdessen lässt er eine Fülle von Einzelaktionen wie improvisiert parallel laufen, die jede für sich ihren Reiz hat, in der Summe jedoch streckenweise entweder übertrieben pathetisch oder verwuselt wirkt. Gleichwohl hat auch „Fall” große tänzerische Momente, die ganz für sich sprechen. Bleibt für beide Stücke die Frage: Muss die Musik so laut sein, dass das Theater es für nötig hält, Ohrstöpsel auszugeben? Eine künstlerische Notwendigkeit ist dafür nicht auszumachen.

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