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    MayenSchiller funktioniert 1784, 1988 - und heute

    Mit Jochen Heyses Inszenierung von „Kabale und Liebe” begannen 1988 die Burgfestspiele Mayen und dessen langjährige Intendanz. 30 Jahre später markiert Friedrich Schillers „bürgerliches Trauerspiel” nicht nur das Jubiläum des Theaterfestivals, sondern auch die erste große Abendpremiere der neuen Intendanz unter Daniel Ris - und die darf als gelungen gelten. Im Hof der Genovevaburg hat der Regisseur Rüdiger Pape hat den Klassiker von 1784 inszeniert – als ernsthafte Bearbeitung ernsten Theaters, mit dem sich auch eine ernsthaft kritische Auseinandersetzung lohnt.

    Hanna Mall und Birger Frehse als Luisa und Ferdinand in „Kabale und Liebe“ in Mayen Foto: Andreas Walz
    Hanna Mall und Birger Frehse als Luisa und Ferdinand in „Kabale und Liebe“ in Mayen
    Foto: Andreas Walz

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Im Hof der Genovevaburg hat in diesem Jahr Rüdiger Pape den Klassiker von 1784 inszeniert – als ernsthafte Bearbeitung ernsten Theaters, mit dem sich auch eine ernsthaft kritische Auseinandersetzung lohnt.Gut zwei Stunden Schiller'schen Originaltext sauber und engagiert gesprochen. Das ist ein erster Eindruck. Ein zweiter geht so: Alle sieben Mitspieler weisen sich als versierte Mimen aus. Der dritte könnte sein: Die Inszenierung versucht in gemäßigter Modernität das Problem einer von allen Seiten angefeindeten Liebe als überzeitliche Frage zu behandeln. Schließlich ein vierter Eindruck: Das Publikum lässt sich auch in lauer Sommernacht von der menschlichen Tragik bannen und anrühren.

    Flavia Schwedlers Bühnenbild setzt mit einem grellgelben, tischhohen, meterlangen Laufsteg den Burgmauern einen modernen Akzent entgegen. Der erfüllt mehrere Zwecke: Er vermeidet das Gefühl des bloßen Historienspiels; er symbolisiert auf der sehr breiten, nach oben offenen Bühne die Kammerspielartigkeit des eigentlich primär in Räumen angesiedelten Geschehens. Obendrein deutet diese Höhenstufung der Spielfläche stets auf gesellschaftliche Rangstufen.

    Luisa, Tochter des Musikanten Miller, und Ferdinand, Sohn des herzoglichen Präsidenten, lieben einander. Sie tun das so heftig, wie man es nach den Liebesidealen seit Romeo und Julia eben tut. Als Signal dafür hissen die beiden wie Banner in riesiger Schrift die Buchstaben des Wortes „lieben” an der Burgmauer. Die hängen dann dort als ideelle Forderung wider den unseligen Gang der Dinge. Denn die Millers sind einfache Bürgersleute, weshalb der feine adlige Präsident und seine Entourage aus Sekretär Wurm und Hofmarschall Kalb eine Kabale (Intrige) gegen die unstandesgemäße Verbindung spinnen. Die Sache geht übel aus, ein Happy End sah Schiller nicht vor und Mayen folgt ihm darin.

    Birger Frehse spielt den jungen Mann als in Liebe wie in Eifersucht tobenden Stürmer und Dränger. Bei ihm ist schäumendes Schiller-Pathos daheim. Sein Mädchen tickt anders: Die vor allem vom Musical her bekannte Hanna Mall macht aus Luisa eine liebesschwärmerische Maid, gibt ihr aber zugleich Empfindsamkeit mit, die durchaus in knarzende Renitenz umkippen kann. Ihr Vater ist bei Stefan Preiss ein zu Hysterie neigender trefflicher Kleinbürger. Der Präsident von Mario Gremlich tritt als bullig-rücksichtloser Typ auf, dem gleich anzumerken ist, dass er sich das Amt wohl ergaunert hat.

    Die Tragödie aufgelockert

    Interessant, weil selten so interpretiert, fällt die Lady Milford aus, mit der Ferdinand zwangsverheiratet werden soll. Heike Trinker macht sie zur ältlichen, abgetakelten, weinerlichen Ex-Lebedame, die in dem Moment wieder aufblüht, da sie das miese Spiel des Präsidenten nicht mehr mitmacht. Fehlen zur Kernbesetzung des Stückes noch drei Figuren. Gestrichen wurde Millers Gattin und damit ein wichtiger Aspekt des Stückes verschenkt: den Reiz, den die Aussicht auf Aufstieg in den Adel unter Bürgern entfalten kann. Bleiben Wurm und Kalb, denen die Regie die Funktion komischer Figuren zuweist. Ersterer stakst im Storchenschritt daher, Letzterer gibt eine modegeile Tunte. Charles Ripley und vor allem Phillip Schlomm setzen ihre inszenatorisch derart angelegten Rollen ziemlich gut um. Man kann das so machen – wenn man glaubt, die Tragödie durch Lachnummern auflockern zu müssen.

    Die Frage an diesen in toto sehr ordentlichen und einnehmenden Abend ist: Muss man das? Frage ist auch: Muss man in einigen Szenen, bei denen es primär auf psychologische Konzentration ankommt, Ferdinand und Luisa aufgeregt durchs weite Rund des Burghofes rennen lassen? Etwas mehr Vertrauen in kleinere dichte Momente hätte den Publikumsovationen am Ende wohl keinen Abbruch getan.

    Die nächsten Aufführungen von Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ finden am 16., 17., 18., 20. und 21. Juni statt. Darüber hinaus wird das Schauspiel bis August im Rahmen der Mayener Burgfestspiele gezeigt. Regelmäßig aufgeführt werden zudem „Tschick“ nach dem Jugendroman von Wolfgang Herrndorf, „Ronja Räubertochter“ sowie „Der kleine Horrorladen“. Die Stücke werden entweder auf derr Hauptbühne der Genovevaburg oder auf der kleinen Bühne im Alten Arresthaus gezeigt. Einen Überblick über den Spielplan sowie Infos zu Programm und Tickets erhalten Sie online unter  www.burgfestspiele- 
mayen.de oder unter Telefon 02651/703 835 sowie 02651/703 836.

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