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    BonnPremiere am Theater Bonn: Eine Sternstunde des Schauspiels mit Ibsen-Stück

    Das Theater des 20. Jahrhunderts tat sich immer etwas schwer mit Henrik Ibsens Stück „Die Frau vom Meer” von 1888. Für die Kammerspiele Godesberg des Theaters Bonn hat Regisseur Martin Nimz jetzt einen überzeugend heutigen Blickwinkel gefunden.

    Bravourös in all ihrer Zurückhaltung: Mareike Hein in der Rolle der Ellida in Henrik Ibsens „Die Frau vom Meer“ am Theater Bonn 
    Bravourös in all ihrer Zurückhaltung: Mareike Hein in der Rolle der Ellida in Henrik Ibsens „Die Frau vom Meer“ am Theater Bonn 
    Foto: Thilo Beu

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Für frühere Zeiten - Henrik Ibsens "Die Frau vom Meer" entstand 1888 - war desser Kritik an der Fesselung des weiblichen Geschlechts durch die traditionellen Normen der vom Mann dominierten Ehe zu fortschrittlich. Später konnte man sich mit dem dann doch wieder ehelichen Happy End nicht mehr anfreunden. Für die Kammerspiele Godesberg des Theaters Bonn hat Regisseur Martin Nimz jetzt einen überzeugend heutigen Blickwinkel gefunden, der durch fein gearbeitetes Charakterspiel auf allen Positionen zu einer kleinen Sternstunde des Sprechtheaters geworden ist.

    Sebastian Hannak hat dem Spiel eine symbolstarke Bühne des Verfalls, der Trost- und Hoffnungslosigkeit gebaut: Zwei noch heile Zimmerwände, im Innern nur Steine, Staub, umgeworfene Möbel; auf der durch drei Öffnungen teils einsehbaren Terrasse dahinter sieht es nicht besser aus. Bald wechseln durch Verschieben der Wände Drinnen und Draußen die Position. Zum Ende hin sind die Mauern als letzter Halt einer zerbröselnden Lebenswelt und -art verschwunden – wie am Ende auch die überkommene Maxime vom allfälligen Eheglück völlig zertrümmert ist.

    Mehr als eine bloße Rückschau

    Es scheint auf den ersten Blick, als schaue die Inszenierung bloß zurück auf eine längst überholte Epoche des Familiären, wie sie der geistig etwas minderbemittelte junge Lyngstrand zugespitzt ausmalt. Er schwärmt von der Gattin, die dereinst ihre Erfüllung darin finden werde, auf ihn zu warten und sich seinem Schaffen durch liebevolle Umsorgung hinzugeben. Für heutiges Publikum ist die Passage eine lachhafte Groteske. Die naive Selbstverständlichkeit, mit der Daniel Gawlowski das chauvinistische Ideal als Traum jeder Frau vorträgt, befeuert diese Wirkung.

    So einfach und längst überwundene Vergangenheit ist die Sache beim Zentralpaar des Stückes, Doktor Wangel und seine zweite Ehefrau Ellida, nicht. Den Arzt stellt Holger Kraft als freundlichen, bodenständigen, treu sorgenden Gatten vor, der sich aber zusehends in hilfloser Verzweiflung aufreibt. Ursache ist das geistig-seelische Wegdriften Ellidas von ihm und ihrer Ehe. Bravourös formt Mareike Hein diese Figur aus mit starrem, zugleich vielsagend nach innen oder in die Ferne gerichtetem Blick und oft nur winzigen, wie suchenden Gesten, Schritten oder Haltungsvarianten.

    Regie deutet den Fall psychopathologisch

    Das ist eine Frau am Rande des Wahnsinns, jedenfalls sich in einer tiefen Depression verlierend. Die Regie unternimmt nichts gegen eine psychopathologische Deutung des Falls, verstärkt sie sogar noch: Der fremde Seemann tritt in Bonn nicht leibhaftig auf, dem sich Ellida einst als Meeresbraut verband und für oder gegen den sich zu entscheiden sie von Wrangel jetzt die Freiheit fordert. Ist jene Begegnung also ein Phantasma wie die fortwährende Sehnsucht Ellidas nach dem Meer und ihren Wesen?

    Nimz lässt das ebenso offen wie das Stückende, gibt damit die Möglichkeit, Ibsens Konstrukt zu verstehen als Metapher auf noch immer nicht vollends überwundene Fesselung der Frau an tradierte Rollenbilder sowie nach freier Eigenständigkeit strebendem Aufbegehren. Den Akteuren erlaubt sie, mit berührender Intensität zu zeigen: Ob Phantasma oder nicht ist von nachrangiger Bedeutung für das schmerzhafte Erleben der handelnden Individuen.

    Diese Machart setzt sich bei Befinden und Schicksal von Wrangels Töchtern aus erster Ehe fort. Fast traumwandlerisch irrt die jüngere (Hilde) in Lara Waldows Darstellung durch pubertäre Gefühlsklüfte. Wunderbar Lena Geyers Changieren als ältere Schwester Bolette zwischen familiärer Kümmerin, auf die Stiefmutter eifersüchtiger Frau und wild nach Ausbrechen, Welterfahrung, Studium gierendem Mädchen. Tragik des Stückes: Um aus der abgeschiedenen norwegischen Provinz wegzukommen, bleibt auch ihr wieder nur, sich „freiwillig” ehelich zu fesseln – an ihren ältlichen, lakonischen, langweiligen Ex-Schullehrer (Benjamin Grüter). Unbedingt sehenswert.

    • Karten und Infos gibt es unter Telefon 0228/778 008

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