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  • MainzPopuläres Vergnügen mit etwas Tiefsinn: Staatstheater Mainz feiert ausgelassen die Premiere von "Hochzeit"

    Die jüngste Produktion der Tanzsparte am Mainzer Staatstheater ist mehr ein Vergnügen fürs breite Publikum als Herausforderung für passionierte Liebhaber der reinen, hohen Tanzkunst.

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Ein opulentes Stück für ein breites Publikum: Mit „Hochzeit“ feiert tanzmainz das Leben – und alle dürfen und sollen mitgestalten.
    Ein opulentes Stück für ein breites Publikum: Mit „Hochzeit“ feiert tanzmainz das Leben – und alle dürfen und sollen mitgestalten.
    Foto: Andreas Etter

     Diesmal darf das Auditorium im Großen Haus rhythmisch mitklatschen und sogar lauthals den alten Knef-Song mitsingen über rote Rosen, die es regnen soll. „Hochzeit” ist der gut zweieinhalbstündige Abend betitelt und primär tatsächlich angelegt als ausgelassene, volkstanzfreudige Hochzeitsfeier. Wie bei ähnlichen Anlässen in der Realität, ereignen sich auch am Rande des Bühnenfestes ein paar kleine Tragödien, die etwas Ernsthaftigkeit ins sonst so schäumende Geschehen flechten.

    Das Aufgebot für diese Hochzeit ist äußerst opulent: zwei renommierte Gastchoreografen, Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero; die um Akkordeonistin Almut Schwab und die famos singende Tänzerin Gili Goverman erweiterte Mainzer Band Vibes; ein russischer Sänger; fünf Schauspieler des Hausensembles; eine Trapez-Akrobatin; ein Bodybuilder; sieben kindliche Ballettschülerinnen; schließlich die gesamte 18-köpfige Compagnie von tanzmainz. Schon die Besetzung verspricht, dass diesmal manches anders wird als in der dritten Mainzer Sparte gemeinhin gewohnt.

    Bühne wird für allerhand Folklore bereitet

    In der Tat beginnt das Spiel mit dem Prologauftritt einer Putzkolonne, die noch einmal geschwind den Teppich des Festsaals saugt. Hernach trudeln die Gäste ein, herzen und busserln Altbekannte, umschwärmen Neuverwandte. Bald begrüßen allesamt in fließend eingenommener Breitformation mit kollektivem Chorsprech die übrige Festgemeinde – uns nämlich, das Publikum, das kräftig mitfeiern darf und soll.

    Was zum vielfarbigen, schwungvollen, ganz ausgezeichneten Musizieren der Combo folgt, ist über weite, sehr weite Strecken folkloristischer Festtanz. Und zwar nicht in den verfremdeten Formen, wie man sie in der zeitgenössischen Tanzkunst häufig findet, sondern wie original aus Russland, vom Balkan, von den Griechen oder aus dem iberischen Volkskulturkreis übernommen.

    Pure Lust am multikulturellen Miteinander

    Temporeiche Rundtänze, Reihentänze und Polonaisen; dynamisch-jugendfrische, humorige Soli, Duos, Trios, Quartette als fließend wechselndes Tanzkräftemessen inmitten der anfeuernden Gemeinde. Unbändig scheint die pure Lust am multikulturellen Miteinander der fröhlichen Folklorestile, bei dem die tanzmainz-Akteure ziemlich gute Figur machen. Selbst die teils schon älteren Vertreter des Sprechtheaters stürzen sich mit Verve und sichtlichem Spaß ins schweißtreibende Tanzgetriebe. Um gleich darauf, bisweilen etwas atemlos, immer wieder ihre wichtigste Funktion bei dieser spartenübergreifenden Produktion wahrzunehmen: Unterbrechung der Festturbulenzen durch eingeschobene Sprechszenen – über Gleichgültigkeit in einer langjährigen Ehe, über die wehmütigen Erinnerungen der älteren Frau (Andrea Quirbach) an ihren einstigen Jugendliebhaber, über die Anbahnung von Seitensprüngen des reifen Gatten (Martin Herrmann) mit einer Jüngeren (Leonie Schulz), über ein Jugendpaar (Gesa Geue/Daniel Friedl), das sich erst noch finden muss.

    Nächste Termine: 5., 13., 20. und 29. Mai, Karten gibt es unter Telefon 06131/285 12 22

    Der ständige Wechsel von ausgelassenen Tanz- und ernsthaften Sprechpassagen gibt dem Abend einen dramaturgischen Rhythmus, der ihn auch vor dem Absturz ins bloß noch konventionelle Entertainment bewahrt. Denn das Programm des Hochzeitsfestes sieht neben dem Partytanz noch mancherlei Kurzweil-Überraschung vor. Erst echte Trapez-Akrobatik, dann Bodybuilder-Show mit Glamourkindern, Zaubertricks und diverse Animationen. Kurzum: Die Grenze zum Varieté liegt ebenso nahe wie die zum getanzten Volkstheater. Es sind die Schauspielerei und einige vor allem im zweiten Teil der Folkloristik entkommene intime Tanznummern, die verhindern, dass „Hochzeit” zum sprichwörtlichen rosa Elefanten wird. So bleibt das Stück ein weithin leichtes Vergnügen mit doch auch etwas Tiefsinn – vom Premierenpublikum mit viel Applaus im Stehen bedacht.

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