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    KoblenzDie Komödienmaschine schnurrt

    Achtung, jetzt kommt ein Karton! Nanu – wie kann man die Inszenierungskritik eines Theaterklassikers aus den 1660ern beginnen mit einem Sätzchen aus der TV-Comedyschublade? Nun ja, das Bühnenbild für Molieres „Tartuffe” am Theater Koblenz ist halt ein Karton – eine raumfüllende, nach vorn aufgeklappte Pappschachtel. Darin haben seltsame Figürchen Zeiten überdauert. Und diese werden nun quietschlebendig und spielen das uralte Spiel von der Verführbarkeit durch betrügerische Heilsversprecher.

    Überaus gelungen: Das Koblenzer Ensemble überträgt Moliere'schen Sprachwitz in adäquaten Spielwitz.  Foto: M. Baus
    Überaus gelungen: Das Koblenzer Ensemble überträgt Moliere'schen Sprachwitz in adäquaten Spielwitz.
    Foto: M. Baus

    Die zwei Stunden in der Schachtel beginnen mit dem Auftritt einer sprichwörtlichen „alten Schachtel”: In einen riesigen schwarzen Reifrock gesteckt, liest Großmama Pernelle Enkeln und Schwiegertochter die Leviten. Dabei lobt sie in höchsten Tönen den Einfluss des gottesfürchtigen Herrn Tartuffe auf die liederliche Sippschaft. Die jungen Leute können freilich schon bei Namensnennung des Hausgastes bloß seufzen, heulen, knottern, knurren. Denn der Frömmler hat den Hausherrn Orgon fest im seelsorgerischen Griff – ebenso fest aber auch Beine, Hintern, Busen von Hausherrin Elmire im Blick.

    Claudia Felke gibt als Oma Pernelle in ausdrucksstark launigem Vortrag den Ton vor. Der lässt aufhorchen. Weil: Da werden mit Wonne jene Sprechrhythmen, Reime, Knüttelverse ausgebreitet, die Wolfgang Wiens saftig nachdichtende Übersetzung der französischen Verskomödie anbietet. Diese Sprechweise ist das Fundament von Kai Festersens vergnüglicher wie gescheiter Inszenierung.

    Als deren wichtigste Herausforderung darf gelten: den Moliere'schen Sprachwitz in adäquaten Spielwitz zu übertragen, ohne dabei die Schärfen wider religiöse Bigotterie aufzuweichen. Das klappt prima. Das Komödienmaschinchen schnurrt ohne Stocken mit klar konturierten Typen, die um die große Wirkung selbst kleiner Akzente wissen. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Klamauk und feiner Komik selbst auf turbulenter Strecke – dieser „Tartuffe”-Abend besteht fast nur aus Letzterem.

    Gespielt wird ein Stilmix aus Typuszeichnungen volkstümlicher Commedia dell'arte und barocker Gesellschaftshumoreske. Demgemäß fällt man schon mal aus der Rolle, schwatzt mit dem Publikum oder bittet die Souffleuse um Hilfe bei einem vermeintlichen Hänger. Kurzum: Es wird munter auch jenes Improvisieren gemimt, das zu Molieres Zeit noch üblich war, 100 Jahre später aber Goethe zur Weißglut trieb.

    Die Kostüme, die Ausstatterin Beate Zoff den Bewohnern ihres Kartons kreierte, sind ebenfalls typengemäß überzeichnet. Das rosa Kurzkleidchen und die ähnlich eingefärbte Halbmeter-Hochperücke passen zu Orgons Töchterlein Marianne. Zum Kostüm passen wiederum die süßen Kiekser und Quietscher, mit denen Jennifer Tilesi Silke das Entsetzen ihrer Figur darüber ausdrückt, dass der Vater sie dem ollen Tartuffe zur Frau geben will statt dem geliebten Valère (Ian Mc Millan).

    In langen Bürgerhosen versucht der bis zur Schnappatmung fassungslose Jona Mues als Orgons Schwager, diesen zur Vernunft zu bringen. Derweil will Mariannes Bruder (Christof Maria Kaiser) schäumend und mit wirrem Haar dem Scheinheiligen allweil an die Gurgel. Damenhaft das Überkleid der Orgon-Gattin Elvira, indes mit nettem Ausschnitt und von unten her großzügig geschlitzt – auf dass Tartuffe dem Sexappeal von Dorothee Lochner auf dem Leim gehe und so dessen Verderbtheit offenbar werde.

    Sehr interessant ist in Festersens Inszenierung das Verhältnis zwischen der Titelfigur und ihrem Hauptopfer. Reinhard Riecke zeigt den Orgon als naiven, unsicheren älteren Herrn, der sich dem falschen Heilsbringer nur zu gern ausliefert. Im Gegenzug kommt der vor Gier und Lust vibrierende Tartuffe von Marcel Hoffmann nicht als planmäßig vorgehender Bösewicht daher. Er wirkt eher überrascht, gar verführt von den Unterwerfungsangeboten, die der Alte ihm freiwillig macht. Bleibt noch die verschwatzte Zofe Dorin: Isabel Mascarenhas gibt sie mit geradeheraus gespielter Keckheit, die das Tohuwabohu durchschaut, jede Dumpfbacke provoziert und die Nerven aller strapaziert. Doch auch Dorin kann nicht verhindern, dass die Orgon-Bagage am Ende barmend in Unterwäsche auf der Straße sitzt. Denn der rettende Bote des Königs bleibt in Koblenz aus.

    Termine und Tickets unter Tel. 0261/129 28 40

    Von unserem Autor Andreas Pecht

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