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  • Premiere in Mainz: Komödie spießt kulturelle Klischees auf

    Mainz. Kann man, darf man derart ernsten Stoff in eine Theaterkomödie packen? Die Frage drängt sich auf beim Stück "Stirb, bevor du stirbst" aus der Feder des 32-jährigen Ibrahim Amir.

    Peu à peu werden Vorurteile, Dummheiten und Bigotterien beim Aufeinandertreffen kultureller Gegensätze am Staatstheater Mainz enthüllt: Das Stück "Stirb, bevor du stirbst" von Ibrahim Amir (Inszenierung: K. D. Schmidt) verpackt ernste Themen wie den IS-Terror in eine Komödie. 
    Peu à peu werden Vorurteile, Dummheiten und Bigotterien beim Aufeinandertreffen kultureller Gegensätze am Staatstheater Mainz enthüllt: Das Stück "Stirb, bevor du stirbst" von Ibrahim Amir (Inszenierung: K. D. Schmidt) verpackt ernste Themen wie den IS-Terror in eine Komödie. 
    Foto: Bettina Müller

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    In Amirs Stück geht es darin um zwei Jugendliche aus Deutschland, von denen angenommen wird, dass sie nach Syrien ausgereist sind, um sich dem Dschihad des Islamischen Staates (IS) anzuschließen. Wie die Erstaufführung im vergangenen Jahr am Schauspiel Köln bewies und die jetzige Einrichtung am Staatstheater Mainz zeigt: Man kann. Und wenn es jemand darf, dann ein syrisch-kurdischer Dramatiker wie Amir, der seit 2002 im österreichischen Exil lebt.

    Charaktere prallen aufeinander

    Die Zutaten für den in Mainz 100-minütigen Abend sind im Grunde allesamt dem Werkzeugkasten des konventionellen Komödienspiels entnommen. Gertrud (Andrea Quirbach), eine schon recht tüttelige, aber kiebige Alte; deren Tochter Sabine (Anna Steffens), eine burschikos-grantige Krankenschwester; Magda (Lilith Häßle), neue Nachbarin im Wohnblock, frisch vom deutschen Gatten geschiedene, aber bis zur fraulich-selbstbewussten Kessheit erfolgreich integrierte Libanesin. Ausstatter Valentin Köhler hat den drei Frauen vom Plattenbau eine kleine Guckkastenküche gebaut, in der sie bald Türen schlagend, keifend, zeternd ihre wechselseitigen Vorbehalte ausleben können.

    In die Eskalation des Küchenkrieges jung gegen alt, deutschstämmig gegen zugewandert, überarbeitet gegen arbeitslos tritt mit Sebastian Brandes ein gleichermaßen wichtigtuender wie depperter Kriminalpolizist. Er macht mit dem ungeheuerlichen Verdacht, Sabines Sohn habe sich dem IS angeschlossen, aus den drei Streithühnern eine verschworene Weibsgemeinschaft - die höchstselbst den Terroristen in Syrien auf den Pelz rücken will.

    Der Weg dorthin, meinen die drei, führe über den Imam der hiesigen Moschee, den sie sogleich heimsuchen. Dass dieses kleine, hypernervös weinerliche, von rechtsradikalen Farbanschlägen auf sein Gebetshaus ebenso wie von ehelichem Verdruss gebeutelte Männlein keine Terroristen rekrutiert, nimmt der Zuseher der Darstellung Murat Yeginers sofort ab. Das Damentrio indes braucht eine Weile, bis es unter Stimm- und Leibeseinsatz dem Gemeindevorsteher das Eingeständnis ausbläut, dass sein eigener Sprössling gemeinsam mit Sabines Sohn in Richtung Syrien gezogen ist.

    Am Ende kommt natürlich alles anders, wir sind schließlich in der Komödie. Die lässt K. D. Schmidts Inszenierung in handwerklich solider Getreulichkeit und Schnurrigkeit mit allerhand Schmunzel- und auch einem Schreckeffekt durchspielen.

    Vorurteile werden aufgespießt

    So gesehen eine ordentliche, aber keine große Sache - wäre da nicht dieses aktuelle Thema, und wären da nicht jene Hakeligkeiten im alltäglichen Umgang kulturell unterschiedlich geprägter Menschen miteinander. Für Sabine sind alle Muslime "wandelnde Zeitbomben", obwohl die Libanesin Magda ihre wichtigste Verbündete ist. Der Imam lamentiert über die familienfeindliche Verderbtheit der Westkultur, obwohl ihn seine eigene Frau gerade vor die Tür gesetzt hat.

    Amir spießt solche Momente mit genüsslicher Boshaftigkeit auf, um peu à peu beiderseitige Vorurteile, Dummheiten, Bigotterien oder zufällige bis allzu menschliche Verirrungen zu enthüllen. Das ist dann doch wieder ein intelligentes Vergnügen ganz eigener Art.

    • Nächste Aufführungen: 30. November, 11., 17. und 21. Dezember, Karten unter Tel. 06131/285 12 22 und online hier.

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