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Bad Kreuznach

Sportpolitik: Eine E-Mail und viele Fragen

Christoph Erbelding

Es ist eine E-Mail vom 18. Juli, die den Bad Kreuznacher Sport in Aufruhr versetzt hat. Eine E-Mail, die an den Sportlern vorbeigegangen ist, versendet auf politischer Ebene. Von Berlin nach Mainz. Vom Bundesministerium des Innern an das Ministerium des Innern in Rheinland-Pfalz. Diese E-Mail kündigt einen Einschnitt für den Bad Kreuznacher Sport an, dessen Ausmaß zum jetzigen Zeitpunkt noch lange nicht abzusehen ist. Sie hat das Ende der Förderung der Kanuslalom- und Trampolin-Stützpunkte in Bad Kreuznach von Seiten des Bundes bestätigt (wir berichteten).

Steffen Oberst kämpft um die Stützpunkte. Foto: Christoph Erbelding
Steffen Oberst kämpft um die Stützpunkte.
Foto: Christoph Erbelding

Den genauen Inhalt dieser E-Mail kennen nur wenige Leute. Selbst Steffen Oberst, der Leiter des Olympiastützpunktes Rheinland-Pfalz/Saarland (OSP) mit Sitz in Saarbrücken und Bad Kreuznach, weiß nicht, was explizit darin steht, er hat sie nie gesehen. Er war aber einer der Ersten, der außerhalb des politischen Kreises von ihrer Existenz erfahren hat. Von Seiten des Landes-Ministeriums, das ihn am 25. Juli über die Entscheidung aus Berlin informierte.

„Mangels erheblichen Bundesinteresses“ sei die Entscheidung des Bundesministeriums gefallen, hat das Landesministerium übermittelt. Das BMI hat sich bei dieser Entscheidung auf die Anzahl der Bundeskader-Athleten berufen, die in Bad Kreuznach trainieren. Fünf müssten es sowohl im Kanuslalom als auch im Trampolinturnen sein. Zwei sind es bei den Kanuten, drei bei den Trampolinern: Maxi Dilli und Joshua Dietz, die am Salinenwehr trainieren, sowie Kyrylo Sonn, Fabian Vogel und Moritz Best, die in der Turnhalle in der ehemaligen Kaseren Rose Barracks an ihren Fähigkeiten feilen.

Das ist in der Tat zu wenig, wenn man die nackten Zahlen zu Rate zieht, die ausgelobt waren. Doch Oberst tut das nicht. Er betont: „Das sind Anforderungen, die noch aus dem alten System mit D-, C-, B- und A-Kader stammen.“ Im Zuge der Spitzensportreform wurde das System umgestellt. „Es gibt generell weniger Kaderathleten“, sagt Oberst. Die Stützpunkte sollen jedoch die gleiche Mindestanzahl erfüllen. Oberst findet das unlogisch. Und die Herangehensweise, nur auf die Anzahl der Kaderathleten zu schauen, generell nicht sinnvoll: „Andere Argumente wie die Rahmenbedingungen vor Ort, die Perspektiven und die Infrarstruktur zählen offenbar nicht.“

Oberst hatte die Aufgabe, die betroffenen Sportler in Bad Kreuznach von der Entscheidung in Berlin zu unterrichten. „Ich habe da nicht viel Zeit verloren“, sagt der OSP-Leiter. Er könnte seitdem aber ein paar Stunden mehr an seinen Arbeitstagen benötigen. Er muss viele Telefonate führen, und das will er auch, denn Oberst will nicht aufgeben, will den Stützpunkten vielleicht doch noch eine Zukunft mit Bundes-Status ermöglichen. Auch wenn das nach aktueller Faktenlage sehr unwahrscheinlich erscheint. „Wir werden weiter kämpfen“, hatter er bereits in einer ersten Stellungnahme gesagt.

„Bleiben wir doch mal bei den Formalitäten“, holt Oberst aus: „Ich halte keinen Ablehnungsbescheid in der Hand. Alles stützt sich auf eine E-Mail, die ich nicht mal gesehen habe.“ Der OSP-Leiter ist auch deswegen noch weit davon entfernt, aufzustecken. „Ich möchte mehr Informationen zu diesem Thema haben. Ich will wissen, ob die Tür zu ist, oder ob es doch noch eine Möglichkeit gibt, sie wieder aufzustoßen.“ Eine breite Interessensgemeinschaft weiß er dabei an seiner Seite.

So hat der Sportdirektor des Deutschen Kanu-Verbandes, Jens Kahl, am 1. August ein mehrseitiges Schreiben an das BMI und an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gerichtet, in dem er die Entscheidung bedauert. Auch Wolfgang Willam, Sportdirektor des Deutschen Turnerbundes, hat Kontakte geknüpft, um seinen Standpunkt zu untermauern. Der Tenor ist überall gleich: Die Leistungen in Bad Kreuznach stimmen, das Aus lediglich mit der Anzahl der Kaderathleten zu begründen, ist zu kurz gegriffen und wird dem Sport generell nicht gerecht. Trampolinturnerin Silva Müller wäre um ein Haar das vierte Kadermitglied gewesen, verpasste ihren Platz um eine Winzigkeit (0,035 Punkte). Slalomkanutin Ricarda Funk trainiert nicht mehr in Bad Kreuznach, fährt aber nach ihrer Ausbildung regelmäßig internationale Erfolge ein. In ihr und Kyrylo Sonn peilen zwei Sportler mit Verbindungen an die Nahe Olympia 2020 in Tokio an. Sollte sich Funk qualifizieren, wäre sie automatisch eine Medaillenkandidatin. Angefangen aber hat sie an der Nahe, und das ist für Oberst ein entscheidender Punkt. „Der Kanustützpunkt in Bad Kreuznach war immer ein Zulieferer, und solche Zulieferer sind nötig für die späteren Erfolge“, sagt Oberst. Ob aber an einem Stützpunkt ohne Bundes-Status auch in Zukunft weitere Talene den Weg nach oben schaffen, wird sich zeigen. Es sei denn, Oberst und seine Interessengemeinschaft haben doch noch Erfolg, und die E-Mail vom 18. Juli wird nichtig.

Von unserem Redakteur Christoph Erbelding

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