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Neuwied

,,Wie überlebte ich den Krieg?“: Henriette Kretz erzählt den Schülern, wie es damals war

Holocaust-Zeitzeugin Henriette Kretz hat die Heinrich-Heine-Realschule plus besucht und in einem mehr als dreistündigen Vortrag den Schülern der Klassenstufe 10 von ihrem Leben und ihren Erlebnissen erzählt.

Foto: Heinrich-Heine-Realschule plus Neuwied

Henriette Kretz ist 84. Sie erlebte eine glückliche Kindheit. Die war für das jüdische Mädchen und ihre Familie abrupt vorbei, als deutsche Truppen ihre polnische Heimat besetzten. Die Zeitzeugin berichtete den Schülern der Klassenstufe 10 in der Heinrich-Heine Realschule Plus vom Verstecken, Gefängnis und Ghetto und der Hoffnung auf das Überleben.

Foto: Heinrich-Heine-Realschule plus Neuwied

Henriette Kretz, geboren am 26. Oktober 1934, hat schon eine Menge erlebt. Das liegt nicht nur an ihren vielen Lebensjahren, sondern auch daran, dass sie als jüdisches Mädchen im damals polnischen Lemberg (heute Ukraine) aufgewachsen ist. An die Heinrich-Heine Realschule plus war sie am 13. April gekommen, um über ihre Erlebnisse während der deutschen Besatzung zu sprechen, über eine Zeit, in der die „Judenfrage endgültig gelöst“ werden sollte.

Ihrem Publikum, den Schülern der Klassenstufe 10, schilderte sie zunächst ihre Kindheit auf dem Lande, die sie als glücklich bezeichnete. Als Arzt kam ihr Vater als Erster in der Familie mit dem Krieg in Berührung. Wegen der Verwundeten habe auch sie schnell begriffen, dass der Krieg etwas Schlimmes sei. Vor dem Krieg floh die Familie aus dem Westen Polens in den Osten des Landes, wo der Vater eine Stelle in einem Heim für tuberkulosekranke Kinder fand.

Als die Deutschen den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion brachen, kam die neue Heimat der Familie unter deutsche Besatzung, und ihr Leben änderte sich grundsätzlich. Henriette Kretz berichtete den Schülern von den einschneidenden Veränderungen bis zur Aufforderung, in das jüdische Stadtviertel umzusiedeln. Später wurde das Mädchen bei einer polnischen Familie versteckt. Zu diesem Zeitpunkt waren zahlreiche andere Kinder und alte Menschen aus jüdischen Familien bereits erschossen worden. „Die jungen SS-Soldaten, die an den Erschießungen beteiligt waren, dachten, sie tun etwas Gutes, vernichten Feinde und Untermenschen“, erklärte Henriette Kretz den Schülern. Niemand werde als Mörder geboren. Aber man könne fast jeden Menschen dazu bringen, für eine Idee oder Religion zu töten. „Man hat ihnen das Gehirn gewaschen. Das ist leicht“, kommentiert die Zeitzeugin das Geschehen.

Henriette Kretz wurde in ihrem Versteck entdeckt, kam, immer noch war sie ein Kind, ins Gefängnis, wurde von dort später ins Ghetto überstellt, wo sie wieder ihre Eltern traf. Von dort gelang der Familie die Flucht in ein Versteck. „Als wir vom Rückzug der deutschen Truppen hörten, hofften wir auf das Überleben“, erzählt die 84-Jährige. Die Familie wurde entdeckt und abgeführt. Während der Tochter die Flucht gelang, hörte sie hinter sich Schüsse und Schreie. Auf sich allein gestellt, suchte und fand sie bis zur Befreiung Schutz in einem Waisenhaus.

Wir haben im Unterricht ziemlich viel über die Nazizeit gehört, aber es von einer Zeitzeugin zu hören, hat uns Schülern die Sprache verschlagen, wie man in der Aula merken konnte. Die Art, wie Henriette Kretz ihre Geschichte erzählte, war sehr emotional und für uns sehr spannend. Persönlich denke ich, dass die Botschaft, die sie uns übermittelt hat, bedeuten soll, dass wir in der Zukunft alles richtig machen sollen, damit so etwas Tragisches nicht noch einmal passiert. Nachzulesen ist das Schicksal von Henriette Kretz im Buch „Willst Du meine Mutter sein?“

Janina Korb

Wir von hier - Kreis Neuwied
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